965 Kilometer autonomes Fahren

Autonomes Fahren: Assistenzsysteme im Test

— 17.12.2014

Flensburg-Füssen ohne Füße

965 Kilometer, ohne in die Pedale zu treten. Und dabei fast nicht lenken. In einem Serienauto! Klappt das? Ein Versuch mit der Mercedes C-Klasse.

In der Jogginghose zur Arbeit? Hätte ich mir niemals träumen lassen. Doch dieses Mal geht Bequemlichkeit vor. Von Flensburg an der dänischen Grenze bis Füssen kurz vor Österreich will ich fahren, in einem Rutsch. Die A 7 auf ganzer Länge, 965 Kilometer nonstop, ohne Pause, ohne Pinkeln, ohne Tanken. Deutschland von Nord bis Süd in etwas mehr als neun Stunden.
Schöner im Stau stehen: Assistenzsysteme im Vergleich

Die Angst sitzt irgendwie immer auf dem Beifahrersitz

Wenn da jetzt jemand plötzlich ausschert: Die Angst vor unerwarteten Manövern fährt im Test mit.

Warum ich mir das freiwillig antue? Weil ich wissen will, ob ich den Mercedes C 220 BlueTec mit Autopilot ganz ohne Pedale fahren kann. Gas geben, bremsen – nimmt mir die Distronic Plus das alles wirklich ab? Und was kann der Lenkassistent? Ich nehme mir vor, so wenig wie möglich zu lenken. Um sieben Uhr morgens starte ich nahe der dänischen Grenze. Zum Frühstück habe ich zwei Brötchen gegessen, aber fast nichts getrunken – der Blase wegen; am Vortag dafür fast vier Liter Wasser. In der Autobahnauffahrt ein letzter, genüsslicher Druck aufs Gaspedal, dann übernimmt der Tempomat. Im Vorfeld habe ich 1900 Testkilometer abgespult – in erster Linie, um die Angst zu verlieren, jemandem ins Heck zu krachen. Jetzt habe ich zwar Vertrauen in die automatische Bremse, dafür aber ein wenig Angst vor "Schläfern". Also Autofahrern, die eine gefühlte Ewigkeit hinter einem Laster kleben und urplötzlich nach links ziehen. Das könnte zu schnell fürs Radar gehen, das stets den Abstand zum Vordermann hält.

Im Stau erledigt der Wagen die Drecksarbeit

Sehr angenehm: Die C-Klasse fährt, der Fahrer entspannt – so verliert der Stau seinen Schrecken.

Einzige Lösung: auch bei mäßigem Verkehr niemals schneller als 140! Dann habe ich genug Zeit, die Geschwindigkeit mit dem Distronic-Wählhebel zu reduzieren. Gleichzeitig schaue ich auf dem Navi nach Ausfahrten – auch hier befürchte ich Einscherer von rechts. Bis Hamburg gleicht meine Fahrt einer Schachpartie. Ständig versuche ich mir vorzustellen, wie die nächsten und übernächsten Züge der Autofahrer vor mir aussehen könnten. Zwischen Quickborn und Hamburg-Stellingen der erste Stau – acht Kilometer Geschiebe. Anfahren, bremsen, ein wenig lenken. Rush-hour, Autofahren zum Abgewöhnen. Der Benz erledigt die Drecksarbeit für mich. Wie entspannend! Ich habe die Hände frei für ein zweites Frühstück. Südlich von Hamburg habe ich noch vier Bananen übrig und probiere was aus: das Obst ins Lenkrad! Ich will so den Drehmomentsensor überlisten, der selbst kleine Lenkbewegungen registriert und so erkennt, ob eine Hand am Steuer ist. Andernfalls warnt das System erst per Cockpitanzeige, anschließend per Warnton.

Bleibt das Auto führerlos, schaltet sich der Lenkassistent ab. Bei hohem Tempo passiert das früher, bei niedriger Geschwindigkeit später – und mit Südfrüchten nie! Minutenlang fährt der Bananen-Benz von allein. Zugegeben, ein grober Missbrauch des Systems – also bitte nicht nachmachen! Eigentlich soll die Roboter-Lenkung den Fahrer lediglich unterstützen und verhindern, dass eine winzige Unaufmerksamkeit fatale Folgen hat. Ähnlich wie ein guter Beifahrer, der mit auf den Verkehr achtet.

In Autobahnkreuzen kommt die Technik an ihre Grenzen

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: Man sollte immer ein Auge auf die Instrumente haben.

Wie ein Pilot beobachte ich Verkehr und Instrumente, bin jederzeit bereit einzugreifen. Während ich in meinem Bananendampfer gen Süden rolle, denke ich an die Worte von Daimler-Ingenieur Christoph von Hugo: "Ich gehe davon aus, dass Autos in etwa zehn Jahren völlig autonom fahren werden, etwa auf Autobahnen", hat mir der Maschinenbauer gesagt. Auch beim vollautonomen Fahren werde der Fahrer immer das letzte Wort haben. "Und immer der Bessere sein", so von Hugo. Am Autobahnkreuz Hamburg-Südwest bin ich plötzlich gefordert – Hände ans Lenkrad! Fast verpasse ich die Abzweigung nach Hannover. "Mist, ich dachte, die A 7 geht immer nur geradeaus", sage ich laut. Doch ich kriege die Kurve, schalte wieder in den Pilotenmodus. Zwei Kameras filmen permanent die Begrenzungslinien der Fahrspuren sowie andere Fahrzeuge. Anhand der so gewonnenen Bilder hält der Lenkassistent das Auto auch in leichten Kurven in der Spur.

Teile der Straßenverkehrsordnung kennt der Benz

Regelkonform: Dass man ab 80 km/h nicht rechts überholen darf, weiß die C-Klasse ganz genau.

Manchmal pendelt der Mercedes zwischen den Linien hin und her. Ein wenig erinnert das an eine Billardkugel, die von Bande zu Bande prallt. Bemerkenswert: Der C 220 beherrscht sogar Teile der Straßenverkehrsordnung. So überholt er ab 80 km/h nicht rechts. Nahe Hannover liegt plötzlich ein Sack auf der Fahrbahn. Zum Glück ist trotz Bahnstreiks nicht viel los, ich löse das Problem per Lenkeingriff. Bei Kassel werden die Kurven enger, der Lenkassistent kommt an seine Grenzen. In einem besonders kleinen Radius korrigiert ihn sogar das ESP per Bremseingriff. Roboter maßregelt Roboter – kurios! Flensburg–Füssen, das geht natürlich nicht ohne ein Meer von Baustellen. Gelbe Linien, weiße Linien, alles bunt durcheinander. Wie reagiert der Fahrautomat? Ganz einfach: In Zweifelsfällen schaltet er sich einfach ab. Ebenso in Baustellen, die anhand der gelben Markierungsfarbe erkannt werden. Meistens zumindest, denn bei Dunkelheit ist die Stereo-Kamera nicht mehr ganz so zuverlässig wie bei Tageslicht.

Auch der Verbrauch hält sich am Ende sehr in Grenzen

Sektdusche: Am Ziel angekommen feiert der Redakteur das Auto wie einen Formel-eins-Sieger.

Bei Heidenheim (Baden-Württemberg) der zweite dicke Stau. Im Radio höre ich, dass ein Lkw umgekippt ist. Aber auf welcher Spur? Das Radar heftet sich an den 5er-BMW vor mir, fährt die gleichen Schlangenlinien. Nach 45 Minuten die Unfallstelle. Die linke Fahrbahn der zweispurigen Autobahn ist gesperrt. Im Reißverschlusssystem fädeln die Autos nacheinander ein. Der Mercedes aber hängt am BMW, ein Siebeneinhalbtonner will vorgelassen werden. Ich muss bremsen – nach 800 Kilometern. Höflichkeit, Reißverschluss? Kann der Mercedes leider nicht. Gegen 16 Uhr türmen sich rechts der Autobahn die Alpen auf – Füssen in Sicht! Auf einigen Hausdächern liegt Schnee. Spannende Frage: Wie viel habe ich verbraucht? Also schnell die Blase leeren, den Tank füllen, rechnen. Und ich bin beeindruckt: Nur 5,5 Liter Diesel pro 100 Kilometer! Und das, obwohl die Distronic Plus mangels vorausschauender Fahrweise den Verbrauch um ein paar Prozentpunkte erhöht.

Ach so, am Ende will ich noch ein Geheimnis verraten. Ich habe ein zweites Mal gebremst. Wegen eines Blitzers am Fahrbahnrand. Dabei war ich gar nicht zu schnell. Aber mein Reflex war stärker. Und das ist irgendwie beruhigend.
Claudius Maintz

Claudius Maintz

Fazit

Die 965 Kilometer sind ein Blick in die Zukunft. Autos werden dem Fahrer lästige Dinge wie Stop-and-go abnehmen, wie ein guter Beifahrer auf ihn aufpassen, kleine Fehler ausbügeln. Der Fahrer schont seine Kräfte und ist fit für den Ernstfall.

Stichworte:

Assistenzsystem

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