BAC Mono: Fahrbericht

BAC Mono: Fahrbericht

— 23.06.2016

Im BAC Mono durch Liverpool

Der BAC Mono ist das Formel-1-Auto für öffentliche Straßen. Jetzt kommt er auch zu uns. In Liverpool, wo er gebaut wird, fuhr AUTO BILD quasi einen eigenen Grand Prix.

Die Heckansicht verrät den Extremsportler. Die Reifen fallen zur Gewichtsersparnis erstanlich schmal aus.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Motorsportfreun­de. Herzlich willkommen zum Großen Preis von Liverpool, der 2016 zum ersten Mal auf den Straßen der Metropole am Mersey River ausgetragen wird. In der Startaufstellung an der roten Ampel in der Strand Street unweit des Albert Dock steht der BAC Mono vom Team AUTO BILD. Daneben ein Vaux­hall Astra und ein Volvo-Truck, dahin­ter ein Ford Focus. Der Einsitzer mit Straßenzulassung und einem Leis­tungsgewicht von nur 1,88 kg/PS geht als klarer Favorit auf die rund acht Kilometer lange Strecke. Die Frage lau­tet: Kommt er heil ins Ziel am Sefton Park, oder wird der 111 Zentimeter flache Renner von SUVs oder Lastwa­gen übersehen und plattgemacht?

Acht Kilometer durch die Innenstadt

Das Rennen beginnt. Beim Ampelstart macht dem BAC Mono keiner was vor.

Das Wetter: wechselnde Bewöl­kung, aber trocken. Lufttemperatur vier Grad, Streckentemperatur neun Grad. Die Fahrbahn besteht größten­teils aus Asphalt, teilweise auch aus Kopfsteinpflaster. Wie wird der Monoposto damit umgehen? Wie ergeht es dem Unterboden aus laminiertem Birkenholz? Die zufällig anwesenden Zuschauer blicken mit einer Mischung aus Unglaube und Neugier auf das ungewöhnliche Rennauto. Ein Druck auf die "M"-Taste in der Mitte des Lenkrades und die Systeme sind scharf geschaltet. Noch mal "M" drücken und der Motor startet. Dann springt die Verkehrsampel an der Kreuzung zur James Street auf Grün. Der Lkw verschläft vor lauter Staunen über den Gegner neben und tief unter ihm den Start. Eine Fußgängerin mit Einkaufstüte läuft noch schnell von der Fahrbahn. Der BAC Mono springt los, sichert sich die Führung. Der Sound ist vielleicht nicht Formel-1-mäßig, aber der Blick durch das Helmvisier auf die Strecke ist es schon. Nach nicht mal drei Sekunden wäre Tempo 100 erreicht – würde auf der Strand Street, die inzwischen Wapping heißt, kein Tempolimit herrschen. Der Stadtkurs des Großen Preises von Liverpool ist keine Hochgeschwindig­keitsstrecke. Eher eine Ansammlung kurzer Sprints. Denn weiter vorn, wo unser selbst ausgesuchter Kurs eine 180-Grad-Kurve macht und zurück Richtung Norden führt, steht die nächste Ampel schon wieder auf Rot.

"Gerät für den Extremsport"

Das Lenkrad (keine Servolenkung) hat kaum weniger Knöpfe, Schalter und Digitalanzeigen als das von Sebastian Vettel in der Formel 1.

Der BAC Mono ist das wohl unbe­quemste Straßenauto der Welt. In das enge Kohlefaser-Monocoque kommt man nur bei abgezogenem Lenkrad. Der Sechspunktgurt schnürt den Fah­rer in den Sitz. Ein Helm ist empfeh­lenswert, aber nicht vorgeschrieben. Der Überrollbügel hält neun Tonnen stand. Ian Briggs sagt: "Das Auto hat nichts mit Transport zu tun. Es ist ein Gerät für einen Extremsport." Ian und sein Bruder Neill sind die Köpfe von Briggs Automotive Company. Die Firma mit Sitz in einem Industriegebiet im Süden Liverpools hat bislang 40 Stück ihres Mono in alle Welt verkauft. Seit wenigen Wochen ist der Wagen auch auf deutschen Stra­ßen zugelassen. Nach technischen Änderungen wird die notwendige Euro-5-Norm erreicht. "Demnächst liefern wir einen Mono im Stuttgarter Raum aus", sagt Ian Briggs. Der Kun­de wird 125.000 Pfund plus Steuern überweisen müssen. Umgerechnet sind das derzeit 158.000 Euro netto. Viel Geld für ein Sportgerät.

Fehlzündungen erschrecken Passanten

Hier bleiben die Passanten noch erstaunlich desinteressiert, das wird sich ändern.

Beim Großen Preis hat der BAC Mono schnell die Führung übernom­men. Fehlzündungen lassen Passanten kurz aufschrecken. Eine Linkskurve führt zum Museum. Der Vorsprung reicht aus, um kurz zu halten und Zuschauern das Auto zu zeigen. Dann geht es weiter, zurück auf die Haupt­straße und geschmeidig durch die St.-Nicholas-Schikane. Die Nase auf Höhe eines Lkw-Auspuffs. Die Fahrt ist anstrengend, aber ein Vergnügen. Mit einem klackenden Geräusch werden die Gänge über die Lenkrad­wippen eingelegt. Die Technik – das sequenzielle Sechsganggetriebe mit Trockensumpfschmierung – stammt aus der Formel 3. Das Lenkrad (keine Servolenkung) hat kaum weniger Knöpfe, Schalter und Digitalanzeigen als das von Sebastian Vettel. Nur dass ungefähr dort, wo der viermalige Formel-1-Weltmeister Parameter wie das Benzingemisch einstellt, beim BAC die Knöpfe für die Blinker sitzen.

Halcón Falcarto: Vorstellung

Jeder BAC ist auf den Kunden zugeschnitten

Beim Beschleunigen wird der Kopf des Fahrers, besser: Piloten, in die Car­bon-Sitzschale gedrückt. Die Unbe­quemlichkeit hat einen Grund: Das Auto, das hier den Liverpool-GP fährt, wird anschließend an einen Kunden in Polen ausgeliefert. Und Sitz, Pedale und das Lenkrad aus dem 3D-Drucker sind auf den künftigen Besitzer indi­viduell zugeschnitten. Federn und Dämpfer aus dem Motorsport lassen die Unebenheiten auf Liverpools Stra­ßen voll auf das Rückgrat durchschla­gen. Aber wer will sich beklagen? "Wir wollen, dass das Auto Spaß macht", sagt Ian. Nur darum gehe es. Breite Reifen – zu schwer. Abtrieb über alles – nicht bei den Briggs. Die Aero­dynamik entstand in Zusammenarbeit mit einem Forschungsinstitut in Stutt­gart, der zweiten Heimat der Brüder, die lange für Mercedes gearbeitet haben. Nach dreieinhalb Jahren Entwicklung war 2011 das erste Auto fertig. Seitdem wird in der Manufaktur in Handarbeit gefertigt. "Ein Kunde hatte in Budapest einen Unfall", berichtet Ian Briggs in gutem Deutsch. "Frontalzusammen­stoß mit einem 5er-BMW." Der Mann sei ohne einen Kratzer ausgestiegen.

Nur 6,7 Liter Verbrauch

Tankstop kurz vor dem Finale. Der Formel 1-Tank fasst bescheidene 35 Liter.

"BAC-Kunden sind keine Cater­ham-Fahrer", grenzt Briggs die Klien­tel klar ab. "Wer unser Auto kauft, der besitzt in der Regel bereits einen Fer­rari oder Lambo." Demnächst wollen sie einen Mono Marine pro Monat bauen. Das Modell ist für den Trans­port auf Luxusjachten konzipiert. Kos­tenpunkt: 500.000 Pfund. Unsere Landversion des BAC Mono hat inzwischen die Upper Parliament Street erreicht, eine lange Gerade mit Rechtsknick, die bis zu einer Tankstelle führt. Kleine Steine werden auf die Autos dahinter geschleudert. Die Sicht nach hinten ist furchtbar. Die Rück­spiegel haben die Größe einer Spiel­karte. Dann Boxenstopp an der Tank­stelle. Bei diesem Grand Prix tankt der Pilot noch selbst. Der Treibstoff fließt in einen 35-Liter-Formel 1-Tank. Der Durchschnittsverbrauch wird mit 6,7 Litern angegeben. Aber das ist heute nun wirklich nicht der Tag für diese Art von Faktencheck. Stattdessen wird wieder Gas gege­ben, die letzte Meile bis zum Ziel am Sefton Park. Dort wird der BAC Mono von keinem anderen Auto mehr ver­folgt. Ganz zum Schluss ist es ein ein­sames Rennen. Ohne Gegner, ohne Zuschauer. Wie der Name schon sagt: Mono.

Technische Daten BAC Mono: Motor Reihenvierzylinder • Hubraum 2488 cm3 • Leistung 227 kW (309 PS) • max. Drehmoment 308 Nm • Spitze 275 km/h • 0–100 km/h 2,8 s • Antrieb Heckantrieb/sequenz. Sechsganggetriebe • Tankinhalt 35 l • L/B/H 3952/1836/1110 mm • Leergewicht 580 kg • Leistungsgewicht 1,88 kg/PS • Bodenfreiheit 100 mm (v.), 110 mm (h.) • Reifen 205/40 R 17 (v.), 245/40 R 17 (h.) • Verbrauch 6,7 l Super/100 km • Preis 125.000 Pfund (netto).
Hauke Schrieber

Hauke Schrieber

Fazit

Der BAC Mono ist ein UN-Auto: UNheimlich teuer, UNbequem, UNpraktisch, UNvernünftig. Aber eben auch: so viel fUN.

Stichworte:

Supersportwagen

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