Wer Chefdesigner von Jaguar ist, muss den Spagat können. Speziell den historischen. Ian Callum beherrscht ihn. Kaum hat er für uns das Tuch vom neuen XJ gezogen, schon setzt er an, spannt den Bogen von der glorreichen Vergangenheit zur Zukunft: "Es ist ein Jaguar für das 21. Jahrhundert, aber inspiriert von den Klassikern Mk II und dem ersten XJ", sagt der Meister. Aha. Was wir sehen, ist allerdings hauptsächlich 21. Jahrhundert. Macht aber nichts – ganz im Gegenteil sogar. Denn ein weiterer Aufguss alter Stilmerkmale wäre mit Sicherheit einer zu viel gewesen. Das zeigte sich bereits beim erfolglosen Vorgänger, wo sich Jaguar allzu ängstlich an der Vergangenheit orientierte. Dem Neuen lässt sich das nicht vorwerfen. Der Mief vergangener Tage ist verflogen, selbstbewusst reckt der neue XJ seine Schnauze in die Zukunft. Mit seinem glitzernden Maschengrill, den unter geschwungenen Lidern funkelnden Scheinwerfern, den muskulösen Rundungen verbindet dieser Jaguar Angriffslust mit Noblesse – konsequenter und erheblich ausdrucksstärker noch als der kleinere XF.

Geduckt wie auf der Prisch kommt der neue Jaguar XJ daher

Spektakulär auch das Profil: Geduckt wie auf der Pirsch kommt er daher mit seiner hohen Bordwand, befreit von Falten und Sicken, und den schmalen, lang gezogenen Seitenfenstern. Dabei ist er gerade mal 1,5 Zentimeter flacher als der Vorgänger, kein viertüriges Coupé also. Seine Haut (wie zuvor ganz aus Aluminium) schmiegt sich eng über die Räder und mündet in einem schmucklosen, aber wohlgeformten Hintern, flankiert von vertikal geschwungenen Rückleuchten. "Vertikal müssen die bei einem XJ sein", erklärt Designer Callum mit Hinweis auf die Tradition und weitet seinen Spagat sogleich auf ein weiteres Detail aus: die hinteren Dachpfosten (C-Säulen), "der XJ hatte immer die schmalsten". Folglich ließ er sie beim Neuen konsequenterweise gleich ganz verschwinden – visuell zumindest, denn sie verbergen sich hinter schwarzen Glasblenden. Der Effekt ist eine bis zu den Seitenfenstern herumgezogene Heckscheibe. Ähnlich trickreich: Die vorderen drei Viertel des Dachs bestehen ebenfalls aus stark getöntem Glas, und zwar serienmäßig. "Das macht das Auto optisch flacher. Und innen natürlich heller", erläutert Callum.

Der Jaguar für Pfeifenraucher und Pantoffelträger war gestern

Jaguar XJ
Weg von der Piefigkeit vergangener Tage: der Innenraum des neuen XJ.
Bild: Werk
Wir sind beeindruckt und begeben uns ins Innere. Der Einstieg fällt leicht – da trifft es sich gut, dass Jaguar beim XJ nicht die Coupé-Masche strickte. In der Kanzel glitzert und glänzt es wie in der Bar eines Designer-Hotels: viel Chrom auf kühlem Metall, tiefschwarzer Klavierlack, überall weiches Leder. Und was ist mit dem Wurzelholz, jenen Brettern, die den Traditionalisten die Welt bedeuten? Callum verweist auf die Türen. Ah ja, da sind sie noch, ziemlich dick sogar und wahlweise von unterschiedlichen Bäumen, während sie vorn im Cockpit zu einem schmalen Holzstreifen verkümmern. "Das neue Interieur steht für Luxus jenseits von antiquiertem Pipe-and-Slippers-Ambiente", erläutert Callum. Zu Deutsch: Der Jaguar für Pfeifenraucher und Pantoffelträger war gestern. Der moderne Jaguar-Fahrer blickt auf einen 12,3 Zoll großen Bildschirm, der im Normalfall drei klassische Rundinstrumente abbildet. Bei Bedarf blenden sie sich zugunsten aktueller Informationen aus (zuweilen gar in 3-D-Animation) – Captain Future lässt grüßen. In Cockpitmitte entdeckt der Insasse dann eine wertvoll aussehende Analoguhr, die sich als echt herausstellt, sowie einen weiteren Monitor (acht Zoll), diesmal mit Touchscreenoberfläche.
Der Gag: Auf demselben Bildschirm können Pilot und Kopilot gleichzeitig unterschiedliche Programme ansehen – der Fahrer zum Beispiel die Navigation, der Beifahrer TV oder DVDs. "Dual View" nennt sich das und funktioniert mittels einer Spezialmaske, die je nach Blickwinkel unterschiedliche Bilder freigibt. Das hat im Moment sonst nur die facegeliftete S-Klasse von Mercedes zu bieten. Hilfreich: Wer mit dem Auto lieber mündlich als per Fingerdruck verkehrt, den unterstützt die serienmäßige Sprachsteuerung über das Display mit einer Liste der Eingabebefehle. "Sag, was du siehst" heißt diese Hilfestellung. Ganz besonders stolz sind die Jaguar-Ausstatter freilich auf die Lautäußerungen des Autos: Auf Wunsch können sich die Passagiere über 15 Kanäle und 20 Lautsprecher im "Surround-Sound"-Verfahren beschallen lassen. Bei 1200 Watt Spitzenleistung kann man nur hoffen, dass einem dabei nicht das Glasdach wegfliegt. Vorn und hinten stehen körperfreundlich gepolsterte Sitze zur Verfügung, wobei das Raumangebot etwa dem des Vorgängers entspricht.
Mehr zum neuen Jaguar XJ gibt es in der Bildergalerie und in AUTO BILD 28/2009 (ab Freitag, 10.07., im Handel). Außerdem im neuen Heft: die große IAA-Vorschau mit allen kommenden Stars aus Frankfurt!


Fazit

von

Wolfgang König
Mögen einige Jaguar-Traditionalisten auch aus Gram ihre Tweedjacketts einmotten: Ich finde, Jaguar hat es genau richtig gemacht. Der neue XJ ist modern, aber nicht modisch, er ist groß, aber relativ leicht, er ist luxuriös, aber mit Stil, und vor allem ist er etwas anders als die anderen. Darauf einen doppelten Single Malt.