Dodge Viper SRT-10 — 07.10.2002

Die neue Viper kommt

Nach zehn Jahren präsentiert Chrysler eine neue Viper. Mit 506 PS ist sie giftiger denn je – und schon vor dem ersten Freilauf restlos ausverkauft.

Von jeher gilt die Viper (lat. Vipera) nicht gerade als bester Freund des Menschen und ideales Haustier. Nur wenige Verwegene hielten sich das giftige Reptil zum Zeitvertreib in den eigenen vier Wänden. Dies änderte sich 1992 schlagartig. Als Chrysler der Viper ein Dodge-Emblem verpasste und direkt hinters grimmige Maul einen 400-PS-Zehnzylinder pflanzte, war der Schlangenkult geboren. Diese Blech gewordene Verherrlichung männlicher Potenz ließ keinen kalt, durch dessen Adern auch nur ein Tropfen Benzin floss.

Die Jahresproduktion ist bereits weg

Wir erkennen sie wieder, doch die Viper ist kein Macho mehr.

"Gebissene müssen mit chronischer Gasfußlähmung rechnen", warnte Kollege Czajka damals, und Viper-Opfer Specht jauchzte: "Wenn du mit diesem Schwellkörper durch den Tunnel dröhnst, fliegen die Kacheln von der Wand." Dann begab er sich in Behandlung. Man verschrieb ihm vier Wochen Entzug: Fiat Panda. Jetzt, zehn Jahre später, versprüht die neue Viper ihr Gift. Seit dem 1. Oktober 2002 ist sie in den USA zu haben – und alle stehen Schlange. Die Jahresproduktion (2000 Stück) ist bereits weg. 100 Prozent der Kunden sind Viper-Besitzer, die ihre Vorkaufsoption zogen.

Ein Starterknopf weckt das Schlangennest

Ob allen gefallen wird, was sie da blind bestellt haben, darf zumindest bezweifelt werden. Fiel das alte, kompromisslose Hardcore-Mobil RT/10 noch unters Jugendschutzgesetz, geriet die neue, entschärfte SRT-10 vergleichsweise zum Softporno. Zumindest optisch. Die Karosserie modern weich gespült, die schmalen, bösen Schlangenaugen ersetzt durch große Scheinwerfer. Eine gefällige Form für viele. Nicht etwa hässlich, nur eben beliebiger.

So weit die Theorie. Die Praxis beginnt mit einem Starterknopf. Dieser weckt das Schlangennest unter der Haube. Die Erde bebt, die Karosserie zittert. Röchelnde Ansauggeräusche mischen sich mit metallischem Schleifen. Zehn Zylinder, 506 PS und 712 Newtonmeter aus 8,3 Liter Hubraum warten nun darauf, den ultrafetten Hinterrädern (345/30 ZR 19) so richtig das Gummi von den Laufflächen zu pellen.

Keine Traktionskontrolle hindert sie daran, kein ESP und keine Seiten-Airbags können dem Mann am Ruder jetzt noch helfen. Er, eine nicht mehr so aufgeregte Lenkung und ein kurz abgestuftes Sechsganggetriebe (recht hakelig) machen nun das, was das Biest immer am besten konnte: Gift verspritzen.

Tacho bis 355 – man weiß ja nie

Die Viper beschleunigt so brachial, dass man glaubt, es würde sie jeden Moment zerreißen. Nur wer jetzt mit viel Gefühl (und möglichst kleinen Füßen) Kupplung und Gas in Einklang bringt, radiert in den ersten drei Gängen keine schwarzen Striche auf den Asphalt. Vier Sekunden bis Tempo 100, Spitze 304. Der Tacho reicht bis 355 – man weiß ja nie.

Obwohl Überraschungen am Steuer der neuen Viper ausbleiben. Im Gegensatz zum Vorgänger, der gerne mal ungefragt seinen Allerwertesten rausstreckte, benimmt sich SRT-10 handzahm und annähernd neutral. Fast schon langweilig berechenbar. Hier wurden der Viper die Giftzähne gezogen.

Und tschüss! Auf deutschen Straßen sehen wir die neue Viper frühestens Ende 2003.

Der um 6,6 Zentimeter verlängerte Radstand sorgt für höhere Stabilität, das neue Sperrdifferenzial für besseren Kraftschluss auf unebener Straße, größere Brembo-Bremsen für mehr Vertrauen und letztlich eine 310-Watt-Anlage für den passenden Sound. Let’s roll. Federungskomfort gibt es so gut wie keinen, was weniger den Insassen gut tut, dem Grip dafür um so mehr.

Technische Daten

Frieren wird in diesem hautengen Knallkörper übrigens keiner. Auch wenn die Viper endlich ein voll versenkbares Cabrio-Verdeck hat (ein Coupé soll 2003 folgen), herrscht im Zweierabteil stets Grillatmosphäre. Der V10, der ursprünglich aus einem Dodge-Truck stammt, und die in den Schwellern verlaufenden Auspuffrohre strahlen derart Hitze ab, dass dagegen ein Saunagang für herrliche Abkühlung sorgt.

Hier will das Team der Performance Vehicle Operation (PVO), Chryslers neuer Sportwagen-Abteilung, noch mal ran an die Isolierung. Vielleicht fällt den Jungs aus Auburn Hills dabei ja auch auf, dass sie mit dem tristen Cockpit aus billigem Hartplastik nun wirklich völlig danebenliegen. Hauptsache, die Amis mögen es. Für die jährlich 30, 40 deutschen Kunden, die ab Herbst 2003 in den Genuss der neuen Viper kommen, wird Chrysler hier wohl kaum etwas ändern.

Technische Daten V10-Motor, vorn längs • zwei Ventile je Zylinder • Hubraum 8277 cm3 • Leistung 372 kW (506 PS) bei 5600/min • maximales Drehmoment 712 Nm bei 4200/min • Hinterradantrieb • Sechsgangschaltgetriebe • rundum Doppelquerlenker • rundum belüftete Scheibenbremsen • Kofferraumvolumen 240 Liter • Reifen 275/35 ZR 18 vorn, 345/30 ZR 19 hinten • Länge/Breite/Höhe 4459/1944/1210 mm • Radstand 2510 mm • Gewicht 1536 kg • 0–100 km/h in 4,0 Sekunden • Höchstgeschwindigkeit 304 km/h • EU-Verbrauch 22 Liter Super/100 km • Preis ca. 100.000 Euro

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