Check Mercedes ML 320

Gebrauchtwagen-Check Mercedes ML 320

— 28.08.2009

Wenn Klappern zum Handwerk gehört

Dass ML-Frühwerke lautstark von schlechter Verarbeitung künden, ist bekannt. Dass sie als Benziner inzwischen richtig billig sind, hingegen kaum. Frage deshalb: Was taugt ein Mercedes ML 320 für 5800 Euro?

Auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, liebe Stammleser: Ihr seid hier nicht dem Privatfernsehen zugeschaltet und dort bei einer Wiederholung gelandet. Richtig ist allenfalls, dass ich in dieser Folge erstmals eine Typreihe auftische, die ich mir schon einmal vorknöpfte – im Mai 2007. Die Rede ist vom gleichsam dunkelblauen Mercedes-Benz ML 270 CDI. Dass es jetzt abermals um die frühe M-Klasse geht, hat einen guten Grund: Mittlerweile ist dieses Modell, das für viele noch immer eine Art Traumauto darstellt, preislich so weit verfallen, dass es selbst für sparsame Gemüter kein Traum mehr bleiben muss.

Steuern und Versicherung sind günstig

Der V6-Benziner mit 218 PS nimmt 12 bis 15 Liter.

Vor allem als Benziner: Deren Kurse starten inzwischen um und bei 6000 Euro. Deshalb gilt es zu klären: Was darf man in diesen Preisregionen erwarten – Freund oder Flegel? In puncto Folgekosten klar Letzteres, wird angesichts des Otto-Antriebs wohl jeder spontan mutmaßen. Aber genau das ist falsch. Zwar gibt man beim ML 230 oder 320 unzweifelhaft mehr Geld für Kraftstoff aus als bei deren selbstzündendem Bruder ML 270 CDI. Dafür sind Steuern und Versicherung aber günstiger. Vor allem aber sind die Benziner entgegen aller Stammtischparolen erheblich langlebiger und zuverlässiger. Frühzeitige Motorschäden durch Schwingungen und undichte Injektoren, kollabierende Automatikgetriebe – derartige Ereignisse mit irrwitzigen Reparaturkosten prägen den Fünfzylinder-Daimler-Diesel der Common-Rail-Ära. Befunde, die den Benzinern fremd sind: Deren Antriebseinheiten sind gemeinhin Mercedes-typisch robust.

Die Laufleistung passt kaum zum erstaunlich frisch wirkenden Gestühl

Keine Ausfälle: Alle Armaturen und Funktionen gehen – selten bei alten ML.

Keine Frage also, welche Motorart nach Wahrscheinlichkeitsfaktoren auf Dauer günstiger ist. Man sollte nur an der Zapfsäule die Nerven bewahren, wie mein Kollege Martin Braun sehr richtig anmerkt. Um voreilige Fehlschlüsse zu vermeiden: Rundum empfehlenswerte Autos sind frühe ML-Benziner deshalb noch lange nicht. Bezüglich der allgemeinen Verarbeitung gilt für sie das gleiche wie für den Diesel: Die ist – gemäß gewohnter Benz-Kriterien (und sogar denen weniger anspruchsvoller US-Kunden, für die der ML ursprünglich entwickelt wurde) – schlichtweg grausam. Das änderte sich erst mit der Modellpflege im Sommer 2001. Erst ab da wurde in Tuscaloosa, Alabama, eine akzeptable Qualität produziert. Doch die Vertreter nach dieser Zäsur sind erst ab 12.000 Euro zu haben. Bleiben wir also bei den zweifelhaften Stücken der Erstauflage. Und suchen uns eines der günstigsten Exemplare, die das Netz hergibt. ML 320, EZ März 1999, US-Import, 178.000 km, 5800 Euro – klingt gut, die Annonce.

Vor Ort zeigt sich allerdings, was ich mir schon am Telefon dachte: Die sechsstellige Zahl meint die Laufleistung in Meilen. Übern Daumen mal 1,6 ... 285.000 Kilometer hat der ML, der offenbar von einer dieser riesigen "Used Car Auctions" in Kalifornien stammt, gelaufen. Das ist viel. Und wirft die Frage auf: Wie schaltet die Automatik, die nur bei vorsichtiger Behandlung so lange hält? Die Probefahrt verrät: Sie schaltet, und zwar sanft und flott. Während der 90-Grad-V6 satt und stramm schnurrt. Zehn Jahre lang mit 55 mph über die Freeways des Sonnenstaates – das ist offenbar eine echte Pflegeversicherung.

Für 7000 Euro gibt es heute einen rundum vernünftigen ML 320

Rundum sauber: Nicht mal hintenrum zeigt das ML-Kleid größere Kratzer.

Erstaunlich indes, dass dieser 320er auch sonst ziemlich gut beisammen ist. Weder dem Erstlackkleid noch der Innenausstattung ist die astronomische Laufleistung anzusehen. Okay, das Holz ist nicht mehr neuwertig. Aber das war’s auch schon. Abgesehen vom obligatorischen Klappern (Türinnereien, Heckklappe, Armaturenträger) ist dies ein richtig solides Fahrzeug. Aber dennoch kein guter Kauf. Denn der ML ist lediglich verzollt. Euro-Scheinwerfer, Zulassung – der runde Tausender, der dafür draufgehen dürfte, macht ihn einfach zu teuer. Denn Fakt ist: Für nur 7000 Euro gibt es heute einen rundum vernünftigen ML 320. Mit dem man glücklich werden kann – sofern man das Klappern überhört.
Autor:

Wolfgang Blaube

Fazit

Inzwischen ein optisch richtig altes Auto für den einen, nach wie vor ein Traumwagen für den anderen: Das ist die Ur-M-Klasse bis Mitte 2001. Wer einen billigen Benziner sucht, sollte nicht zum erstbesten (schlechten) Stück greifen; erfahrungsgemäß sind gepflegte Exemplare auch nicht spürbar höher ausgepreist.

Diesen Beitrag empfehlen

Kommentare

Datenschutz

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

comments powered by Disqus
Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.