Klage wegen Verbrauchsangaben

Klage wegen Verbrauchsangaben Klage wegen Verbrauchsangaben

Klage wegen Verbrauchsangaben

— 16.02.2009

Ein Liter zuviel!

Verbrauch und CO2-Ausstoß sind beim Autokauf heute genauso wichtig wie PS und Hubraum. Verbrauchsangaben in Prospekten haben mit der Realität nichts zu tun. Doch lohnt es sich, wegen eines geringen Mehrverbrauchs vor Gericht zu ziehen?

Ein Liter Benzin brachte das Fass zum Überlaufen. Helge Bleischwitz hatte genug von seinem 5er-BMW, den Elektronik-Problemen, dem nervenden Navi und dem Wasser, das beim Öffnen der hinteren Türen auf die Sitze tropft. Vor allem aber hatte er die Nase voll vom Durst seines Touring: 9,74 statt 8,7 Liter Super schluckt sein vier Jahre alter BMW 523i – gemessen auf dem Prüfstand des TÜV Nord in Hannover. Übrigens nach der gleichen Methode, die auch BMW zur Ermittlung des Katalogwerts angewendet hat: den "Neuen Europäischen Fahrzyklus", basierend auf der EU-Richtlinie 80/1268/EWG.

Steigen die Preise, steigt die Klage-Lust

Aus den Abgasen ermittelt ein Computer den Verbrauch. Lebensnah ist das nicht.

Jetzt will der Bremer Anwalt den Kaufpreis des früheren Vorführwagens zurück, 41.200 Euro abzüglich Nutzungsgeld. BMW erklärt sich den Mehrverbrauch mit einem um zehn Prozent höheren Gewicht und breiteren Reifen. Von Beginn an hatte sich Bleischwitz über die Schluckfreudigkeit seines Wagens gewundert. Irgendwann wollte er es genau wissen, der Jurist klagte. "Das ist für mich als Anwalt ja leichter möglich", sagt er. Und er ist nicht der Erste. 2008 unterlag Daimler vor dem Oberlandesgericht Stuttgart einem E-Klasse-Fahrer, dessen Wagen 9,5 Prozent mehr verbrauchte als im Prospekt angegeben (Az. 7U 132/07). Beim DEKRA in Klettwitz steht etwa alle 14 Tage ein Auto auf dem Prüfstand, die Anlage des TÜV Rheinland im pfälzischen Lambsheim verzeichnet rund 15 Fälle pro Jahr. "Wenn die Spritpreise hoch sind, ziehen die Leute eher vor Gericht", sagt DEKRA-Ingenieur Steffen Schmidt.

Auf der Landstraße 24 Prozent mehr Benzin

Amtlich: Laut Gerichtsgutachten verbraucht der BMW 523i stolze 9,74 statt 8,7 Liter.

Die Kosten für ein Verbrauchsgutachten liegen je nach Prüforganisation und Fall zwischen 1000 und 8000 Euro, bei einem Rechtsstreit kommt hierfür oft die Rechtsschutzversicherung auf. Doch Klagen lohnen sich kaum: In 90 Prozent aller Fälle liegt der Mehrverbrauch bei weniger als zehn Prozent. Diese ungefähre Toleranzgrenze hatte der Bundesgerichtshof 2007 festgelegt. "Die Fahrweise beeinflusst den Verbrauch stark", sagt Jiri Vejsada vom TÜV Rheinland. Die Folge: Viele Autofahrer jagen dem Idealwert nach. Der Euro-Zyklus, nach dem der Prospekt-Wert berechnet wird, hat mit der Realität auf Deutschlands Straßen wenig zu tun. Einziger Vorteil: Weil alle gleich messen, sind die Werte verschiedener Modelle zumindest vergleichbar. Doch es sind und bleiben Laborzahlen. Speziell ausgebildete Fahrer folgen mit ihren Brems-, Schalt- und Gaspedalbewegungen den Vorgaben eines Computers. Zwei Drittel sollen eine Stadtfahrt simulieren, der Rest ist eine bummelige Überlandfahrt. Nur für ein paar Sekunden erreichen die Wagen auf dem Prüfstand die Höchstmarke von 120 km/h.

Am Ende stehen niedrige Zahlen, mit denen sich prima werben lässt. "Die Konzerne sollten deutlich sagen, dass es sich um Laborwerte handelt", sagt Jörg Huntemann. Der Personalberater war mit seinem BMW 116i zwar noch nicht auf dem Prüfstand, den Verbrauchswerten traut er dennoch nicht. Den niedrigsten Verbrauch erzielte der BMW-Fahrer auf den Landstraßen der ruhigen dänischen Nordseeinsel Fanø: 7,2 Liter. Im Prospekt steht 5,8 Liter. Ein Unterschied von 24 Prozent. "Unter solchen Umständen hätte ich den Wagen nie gekauft", sagt der 41-Jährige. Der "Neue Europäische Fahrzyklus" ist uralt und wurde 1996 nur ein wenig umgeschrieben. Ein aktueller Maßstab ist nicht in Sicht.

Die Grünen fordern schon lange realistische Angaben – auch wegen der auf dem Verbrauch basierenden, "total irreführenden und beschönigenden CO2-Angaben", wie der Bundestagsabgeordnete Winfried Hermann es nennt. Seiner Meinung nach würde besonders auf Autobahnen viel schneller als auf dem Laborprüfstand gefahren. Bei spritmonitor.de kann jeder den eigenen Verbrauch angeben. Daraus werden realistische Werte für fast jedes Modell ermittelt – und veröffentlicht.

Kommentar von AUTO BILD-Redakteur Claudius Maintz

Verbrauch und CO2-Ausstoß sind beim Autokauf heute genauso wichtig wie PS und Hubraum. Doch die in den Verkaufsprospekten aufgeführten Werte haben mit der Realität nichts zu tun. Das ist gut für die Hersteller, die mit geschönten Zahlen werben können – aber schlecht für unsere Geldbeutel und die Umwelt.

So müssen die Hersteller messen

Der Normzyklus nach der EU-Richtlinie 80/1268/EWG dauert 1180 Sekunden (rund 20 Minuten) und ist knapp elf Kilometer lang. Gefahren wird auf einem Verbrauchsprüfstand. Zwei Drittel der simulierten Fahrt bestehen aus vier Abschnitten in der Stadt, der Rest sind Überlandtouren. Der Fahrer folgt Anweisungen auf einem Bildschirm und lenkt nicht. Schaltpunkte sind vorgegeben. Das Prüffahrzeug fährt unter anderem mit ausgeschalteter Klimaanlage und muss mindestens 3000 Kilometer auf dem Tacho haben. Außerdem ist die Umgebungstemperatur vorgeschrieben, ebenso die Luftfeuchtigkeit.

So misst AUTO BILD

Im Gegensatz zu den Herstellern ermittelt AUTO BILD den Verbrauch unter realistischen Alltagsbedingungen im öffentlichen Straßenverkehr. Die Verbrauchsrunde führt von Hamburg nach Lübeck. Sorgfältiges Volltanken vor und nach der Testfahrt ist ebenso Pflicht wie korrekt eingestellter Luftdruck. Alle starken Verbraucher wie Klimaanlage werden abgeschaltet. Die Strecke ist genau definiert und beinhaltet zu fast gleichen Teilen Stadt, Land und Autobahn.
Marke/Modell Werk AUTO BILD Differenz
Alfa Brera 2.2 JTS 9,2 l 13,0 l 41 %
BMW 116i 5,8 l 7,2 l 24 %
Citroën C4 Picasso HDI EGS6 6,1 l 6,7 l 10 %
Fiat Panda 1.3 Diesel 4,3 l 5,9 l 37 %
Ford Focus C-Max 1.6 TDCi 4,9 l 6,7 l 37 %
Kia cee'd 1.4 CVVT 6,1 l 8,0 l 31 %
Mercedes ML 350 11,2 l 12,7 l 13 %
Mitsubishi Colt 1.5 6,8 l 9,4 l 38 %
Toyota Aygo 1.0 4,6 l 6,1 l 33 %
Honda Civic Hybrid 4,6 l 6,6 l 43 %
Toyota Prius 4,3 l 6,0 l 40 %
Lexus RX 400h 8,1 l 12,0 l 48 %
Mercedes G 55 AMG 15,9 l 24,3 l 53 %
VW Fox 1.4 TDI 4,9 l 5,2 l 6 %

Autor: Claudius Maintz

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