AMG GT S gegen 911 Turbo

Mercedes-AMG GT S/Porsche 911 Turbo: Vergleich

— 08.04.2015

Die Stunde der Wahrheit

Mit dem AMG GT bietet Mercedes im Grunde einen Porsche 911er. Womöglich sogar den besseren? AUTO BILD liefert die Antwort im Vergleichstest.

Was für ein Albtraum. Unruhig wälzt sich der blonde Steppke hin und her. Wie die Armada an 911er-Miniaturen auf seinem Regal beweist, ist er eingefleischter Porsche-Fan. Und muss im Schlaf miterleben, wie sein Heldenauto nach Strich und Faden verblasen wird. Ein Mercedes-AMG GT macht einen 911er nass! Am Ende des kleinen Werbeclips schreckt der Junge schweißgebadet hoch. Armes Kerlchen! Wo bleibt die Mutti, die ihn tröstet? "Schschsch, das gibt es in Wirklichkeit doch gar nicht." Doch keine Mutti in Sicht. Dafür AUTO BILD. Wir prüfen ganz genau, ob der AMG für Schlafstörungen im Hause Porsche sorgen kann.

In beiden Sportlern wütet ein Motor mit über 500 PS

Video: Mercedes-AMG GT S vs. Porsche 911 Turbo

Top-Sportler im Duell

Theoretisch gut möglich. Die 510 PS eines AMG GT S können einem Porsche 911 Turbo mit 520 PS sehr wohl das Wasser reichen. Auch sonst steht der GT S voll im Saft. Ein V8-Biturbo stemmt 650 Newtonmeter Drehmoment, maximal rennt die Flunder 310 km/h, das an der Hinterachse postierte Doppelkupplungsgetriebe sorgt für eine ordentliche Gewichtsbalance, und 295er-Hinterreifen übertragen die Bullenkraft auf den Asphalt. Kurz: schnauf, brüll, fauch, stampf! Zu viel Raserei für einen konventionellen Vergleichstest. Wir nehmen GT und Turbo entsprechend etwas härter ran. Heißt: Zu unserer üblichen Sportwertung inklusive penibler Sammelei aller Fahrdaten müssen die beiden auch auf einer Rundstrecke (dem Motorsportkurs Sachsenring) sowie auf der berühmt-berüchtigten Nürburgring-Nordschleife gegeneinander starten. Also, Gentlemen, fangen wir mit unserem Standardprogramm an.

Mit seinem Allradantrieb ist der Porsche überlegen

Bei den Fahrleistungen fährt der heckgetriebene Benz dem Allrad-Porsche deutlich hinterher.

AMG GT S und 911 Turbo auf der Straße: Sprinten, Bremsen, Zwischenspurt, Verbrauch – die übliche AUTO BILD-Zahlenroutine liefert erste Tendenzen, die uns aufmerken lassen Denn der Porsche lässt den Mercedes fast spielerisch stehen. In unter drei (!) Sekunden peitscht der 911 auf Tempo 100. Er legt gefühlt bereits den zweiten Gang ein, da hat der AMG noch nicht mal richtig Fahrt aufgenommen. Wie kommt's? Sind doch beide in etwa gleich schwer, ähnlich stark! Wo der Benz anfangs mit den Hinterrädern scharrt, wetzt der Porsche dank Allradantrieb viel effizienter los. Dazu kommt: Die wie ein Vorschlaghammer einsetzende Launch Control (so heißt die Sprintstart-Hilfe) schießt den 911 dermaßen brutal und kompromisslos ab, da bleibt dem AMG-Fahrer nur der erstarrte Blick hinterher. Auch sonst zeigt der Porsche eine Portion zusätzlichen Biss. Beim Bremsen steht er früher, im Durchzug geht er in Vorleistung, sogar sparsamer läuft er (fast zwei Liter). Ganz klar: Die Quartettkarten-Disziplinen gehen an Porsche.
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Der GT S erfordert auf der Rennstrecke mehr Aufmerksamkeit

Leicht frontlastig: Trotz Transaxle-Bauweise drängt die GT-Nase in schnellen Kurven nach außen.

AMG GT S und 911 Turbo auf der Rundstrecke: Quartett ist Theorie. Ein Ritt auf dem Sachsenring gängige Sportfahrerpraxis. Also: Stoppuhr scharfmachen, 98-oktanigen Sprittanken, Reifen auf Cup umrüsten, Fahrhilfen auf Tempo stellen – der Benz fängt an. Sein Rüstzeug: Er steht extrem breitspurig da, gießt sich klebrig flach auf den Teer, drückt eine ordentliche Portion Last (exakt: 52 Prozent seiner 1669 Kilogramm Kampfgewicht) auf die Hinterachse, dazu brüllt ein entfesselter V8. Und klingt dabei wie King Kong, dem jemand seine weiße Frau wegnehmen will. Entsprechend wütend stürmt der GT S über den Parcours. Klasse: Der drehwillige 4,0-Liter-Turbo ginge auch als 8,0-Liter-Sauger durch, das Getriebe verwaltet die sieben Gänge und die zwei Kupplungspakete tadellos. Allerdings: Viel zu empfindlich reagiert die Lenkung. Gefühlt möchte sie gänzlich spielfrei bereits hauchfeine Zuckungen als kompletten Spurwechsel auslegen. Bei hohem Kurventempo drängt zudem die lange Nase über die Vorderräder nach außen. Und: zu früh aufs Gas, dann zuckt das Heck. Geschliffen durchfährt der Mercedes die Runden also nicht. Der GT S fordert den Fahrer auf jedem Meter der Strecke – macht aber mächtig Laune. Seine Zeit: 1:35,25 min.
Alle News und Tests zum Mercedes-AMG GT

Souverän und gelassen fährt der 911 Turbo seine Bestzeit

Souverän: Der 911 Turbo ist auf dem Sachsenring unspektakulär – und schneller als der AMG GT.

Porsche ist dran. Erst mal ein Blick in seine Trickkiste – mit einer Menge abgefahrenem Zeug drin. Zum Beispiel das Sport-Chrono-Paket. Damit kann der 911 unter anderem seine brachialen 660 Newtonmeter Drehmoment kurzzeitig auf irrwitzige 710 Nm steigern. Dazu kommen: Allradlenkung, hitzefeste Keramikverbund-Bremsscheiben, aktive Motorlager, ein elektrisch betätigter Frontspoiler. Selbst bei konventionellen Turboladern belassen es die Porsche-Macher nicht. Als einziger Benziner überhaupt presst der Turbo seine Abgase durch verstellbare Schaufeln. Ergebnis: Subjektiv spricht der Boxermotor noch bissiger an, beißt gefühlt nochmals heftiger zu als der V8 des AMG. Gleichzeitig schmiegt der 911 sich gelassener an das Streckenprofil, lässt sich gefühlvoller dirigieren, kann vor Kurven noch etwas später bremsen. Wo der AMG über die Vorderräder schiebt, kann der Porsche noch nachlegen. Ergebnis: Der 911 umrundet die Strecke unspektakulärer, dennoch schneller. Porsche-Zeit: 1:32,92 Min. Spätestens jetzt steht fest: Der AMG muss auf dem Nürburgring richtig einen raushauen.

Auf der Nordschleife gibt es nur einen Spezialisten

Kopf-an-Kopf-Rennen durch die grüne Hölle? Nein, der Porsche liegt auch hier deutlich vorne.

 AMG GT S und 911 Turbo auf der Nordschleife: Bucklig, uneben, wellig, winkelig, eng, dabei stets sau-schnell – der rund 20 Kilometer lange Traditionskurs ist berüchtigt für seine fordernde Streckenführung. Stress für den Mercedes: Der unruhige Asphaltbelag lässt den AMG selbst in derweicheren Stoßdämpfereinstellung beben und unruhig über den Kurs zappeln. Eine klitzekleine Berührung mit den Curbs, schon legt der Mercedes seine Nase irritiert in eine andere Richtung. Stöße dringen als deutlicher Ausschlag ins Lenkrad. Hier wirkt sich die nervöse Lenkung noch unruhestiftender aus als auf dem recht glatten Belag des Sachsenrings. Sehr gut dagegen: Aus engen Sektionen (zum Beispiel Ex-Mühle) windet sich der AMG enorm traktionssicher heraus. Ebenfalls beeindruckend: Gefühlt gibt es am Ring keine einzige Passage, die den brachialen Motor auch nur annähernd in Atemnot zwingen könnte – der GT frisst die Abschnitte zwischen den Kurven gierig grunzend in sich hinein. Mercedes-Zeit: 8:10,10 min. Ein Wahnsinnstempo!

Kann der Porsche da noch gegenhalten? Und ob! Das sensibler ansprechende Fahrwerk, das stabilere Einlenkverhalten und das höhere Tempo in den besonders eilig gefahrenen Kurvenabschnitten bescheren dem Porsche – neben vergleichsweise spielerischer Beherrschbarkeit – am Ende einen beeindruckenden Vorsprung. Porsche-Zeit: 7:59,20 min. Glückwunsch, 911. Und, liebe Porsche-Fans: Ihr könnt wieder ruhig schlafen. In der Wirklichkeit kann der Mercedes-AMG GT S einen Turbo niemals abhängen. War nur ein Albtraum.
Fahrzeugdaten Mercedes-AMG GT S Porsche 911 Turbo
Motor V8, Biturbo Sechszylinder-Boxer, Turbo
Einbaulage vorn längs hinten längs
Ventile/Nockenwellen 4 pro Zylinder/4 4 pro Zylinder/4
Nockenwellenantrieb Kette Kette
Hubraum 3982 cm³ 3800 cm³
kW (PS) bei 1/min 375 (510)/6500 383 (520)/6500
Nm bei 1/min 650/1750 660/1950
Vmax 310 km/h 315 km/h
Getriebe Siebengang-Doppelkupplung Siebengang-Doppelkupplung
Antrieb Hinterradantrieb Allradantrieb
Bremsen vorn/hinten Scheiben/Scheiben Scheiben/Scheiben
Testwagenbereifung v. 265/35 R 19 Y - h. 295/30 ZR 20 v. 245/35 R 20 Y - h. 305/30 R 20 Y
Reifentyp Michelin Pilot Super Sport Pirelli PZero
Radgröße v. 9 x 19" - h. 11 x 20" v. 8,5 x 20" - h. 11 x 20"
Abgas CO2 219 g/km 227 g/km
Verbrauch* 12,2/7,8/9,4 l 13,2/7,7/9,7 l
Tankinhalt 65 l/Super plus 68 l/Super plus
Kältemittel R134a R134a
Vorbeifahrgeräusch 74 dB (A) 73 dB (A)
Anhängelast gebr./ungebr. keine keine
Kofferraumvolumen 285-350 l 115-375 l
Länge/Breite/Höhe 4563/1939-2075**/1288 mm 4506/1880-1978**/1296 mm
* innerorts/außerorts/gesamt auf 100 km; ** Breite mit Außenspiegeln
Messwerte Mercedes-AMG GT S Porsche 911 Turbo
Beschleunigung
0–50 km/h 1,8 s 1,1 s
0–100 km/h 3,7 s 2,9 s
0–130 km/h 5,4 s 4,5 s
0–160 km/h 7,5 s 6,6 s
0–200 km/h 11,4 s 10,3 s
Zwischenspurt
60–100 km/h 1,9 s 1,5 s
80–120 km/h 2,0 s 1,8 s
Leergewicht/Zuladung 1669/221 kg 1618/372 kg
Gewichtsverteilung v./h. 48/52 % 39/61 %
Wendekreis links/rechts 11,7/11,8 m 10,4/10,3 m
Bremsweg
aus 100 km/h kalt 35,8 m 33,3 m
aus 100 km/h warm 34,5 m 32,5 m
Innengeräusch
bei 50 km/h 66 dB (A) 64 dB (A)
bei 100 km/h 70 dB (A) 72 dB (A)
bei 130 km/h 75 dB (A) 76 dB (A)
Testverbrauch – CO2 14,5 l – 344 g/km 12,6 l – 300 g/km
Reichweite 440 km 530 km
Jan Horn

Jan Horn

Fazit

Der Mercedes: ein kaum fassbar schneller Sportler. Rassig, hart, direkt, laut – absolut faszinierend. Der Porsche: deutlich dezenter, spielerischer, fast soft im direkten Gefühlsvergleich. Allerdings: Der 911 Turbo ist in allen Belangen schneller. Und deklassiert den AMG.

Stichworte:

Sportwagen

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