Motorölzusatz mit Notlauf-Eigenschaften

— 03.12.2002

Abrakadabra kaputt

Prolong. Das Wundermittel, das nicht nur Sprit sparen soll. Mit Prolong behandelte Motoren sollen 50 Kilometer ganz ohne Öl fahren können. Hat bei uns nicht so ganz geklappt ...



Wer träumte beim Auf und Ab der Spritpreise nicht von einem Wundermittel, das – Simsalabim – den Verbrauch schlagartig verringern könnte? Zumal die so genannte Ökosteuer unsere flüssigen Kohlenwasserstoffe mittlerweile so verteuert, dass frühere Hochpreis-Länder wie Italien oder Frankreich für uns Billigtank-Oasen werden. Der Volksmund weiß aber auch: Träume, die in Erfüllung gehen, sind leider keine mehr. Trost: Spritspar-Träume bleiben ewig.

Zaubermittel sind für die Katz

Vorbereitung zum Härtetest: Das Motoröl wird abgelassen, der Ölfilter wurde durch ein neues, trockenes Modell erstezt.

Zaubermittel oder Ölzusätze sind für die Katz, wie wir schon mehrfach bewiesen. Dreimal schwarzer Kater, die Zusatz-Zauberer bleiben kreativ im Erfinden neuer Mittelchen. "Prolong" heißt das jüngste, und seine Verkäufer sind wirklich verzaubert von ihrem Zaubertrank. Einfach dem Motoröl beigemixt, und schon würde sich der Verbrauch um zehn bis 20 Prozent verringern, die Leistung dabei im Durchschnitt um bis zu zehn PS steigen.

Papperlapapp! Solche Werbesprüche kennen wir seit Jahren, die locken uns nicht mehr hinterm Lenkrad hervor. Aber der Aladin der Additive verspricht noch mehr: Notlaufeigenschaften. Bis zu 50 Kilometer ohne Öl und ganz ohne Motorschaden. Diese Lebensversicherung braucht zwar kein normaler Autofahrer, aber dieses Versprechen machte uns neugierig. Wir Zauberlehrlinge riefen also den Meister der Motoren, Professor Dr.-Ing. Norbert Brückner. Ja, er habe noch Kapazitäten auf dem Rollenprüfstand seiner Hochschule frei.

Öl raus, Motor an – und schon war Schluss

Also auf nach Dresden. Um es kurz zu machen: Beim Verbrauchstest in einem BMW 316 rasselte Prolong gnadenlos durch. Wie erwartet: keine messbare Spritersparnis. Um so gespannter waren wir auf den Notlauf-Versuch. Ganz nach Vorschrift war der Prolong-Zusatz eingefahren worden, denn er soll sich ja im Motor auf allen Reibflächen verteilen, sie mit "einer polarisierten Ölmolekülschicht" schützen (Prolong-Prospekt). Dann Öl raus, Filter raus und alles schön abtropfen lassen. Der Härtetest kann beginnen.

Im Auto: unser Fahrer, der Prolong-Verkäufer und Professor Brückner. An der ersten Ampel muss der Motor schon mit mehr Gas bei Laune gehalten werden, an der zweiten stirbt er ab. Klarer Fall von Kolben- und Lager-Klemmern. Mit ächzendem Anlasser (der Prolong-Mann: "Die Batterie ist leer") berappeln sich die Zylinder noch mal – nach wenigen Metern ziehen wir den Schlüssel ab, schließlich soll der Motor nicht zerstört werden. Was war passiert?

Ende einer Testfahrt: Ein paar Milliliter Prolong statt ein paar Liter Öl reichten dem BMW-Motor nicht. Nach 1,5 Kilometern war Schluss.

Durch die Reibungswärme wurde die Lagerbeschichtung der Kurbelwellen- Hauptlager abgetragen, die Materialien zwischen Pleuel, Kurbelwelle und Grundlagern drohten sich zu verschweißen. Die Kolben zeigten erste Klemmspuren in den Zylindern. Noch wenige Meter mehr – und der BMW-Vierzylinder wäre irreparabel geworden. Ratlose Gesichter, Telefonate mit dem Hersteller in den USA. Hastige Ursachenforschung. "Der Motor sei zu kalt gewesen." "Die BMW-Hauptlager wären schon mal repariert worden." "Prolong wäre nicht richtig eingefahren worden." Pech gehabt? Der Versuch soll wiederholt werden. Wir sind dabei.

P.S. Am 3. Dezember fuhr AUTO BILD einen mit Prolong behandelten VW Golf ohne Öl über 50 Kilometer. Probleme? Keine. Doch ob der Motor keinen Schaden genommen hat, wird erst die Zerlegung zeigen. Weitere Autos werden getestet.

Warum Prolong nicht funktionieren kann

Von Wolf Gudlat, AUTO BILD-Sachverständiger Mikroskopisch betrachtet, sind die Oberflächen aller beweglichen Teile im Motor längst nicht so glatt, wie es das menschliche Auge sieht. Da tun sich Krater und Hügel an den Zylindern und Lagern auf, reiben unter Last so stark aneinander, dass schnell große Wärme entsteht, die die Teile förmlich miteinander verschweißt. Davor schützt Motoröl. Fehlt es, berühren sich die Flächen, der Motor geht nach wenigen Umdrehungen fest.

Prolong soll sich während der Einlaufzeit (rund 1000 km) in alle Unebenheiten einarbeiten, sie sozusagen glätten. Das soll den Reibwert verringern, somit also Sprit sparen. Es soll im Notfall möglich sein, noch bis zu 50 Kilometer ganz ohne Öl zu fahren. Ohne trennenden Flüssigkeits-Keil zwischen den Metallen geht aber nichts. Egal ob mit oder ohne Prolong. Sogar Wasser würde die Reibung für einen kurzen Zeitraum herabsetzen, hätte bessere Notlauf-Eigenschaften.



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