Zwanzig Jahre ist der Renault Scénic nun schon auf dem Markt. Zum Start 1996 steckte die Verwandtschaft zum Mégane noch im Namen. Seit 2004 erweitert der Grand Scénic die Platzverhältnisse. Seitdem lässt es sich auch zu siebt im "Monospace" fahren. Die Franzosen nutzen diesen Begriff, um die sonst eher schnöde Gattung der Minivans sprachlich etwas aufzuwerten. Das trifft auch schon immer auf die Idee hinter dem Scénic zu, der nun in vierter Auflage ab 19.990 Euro zu haben ist. Wo andere nur nützlich sind, gab es bei Renault auch stets etwas fürs Auge. Dies hat nun ein wenig überhandgenommen.
Renault Scenic Esprit Alpine 220 Long Range
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Der Vorgänger war sparsamer und komfortabler

Video: Renault Scénic 4 (2016)

Dynamischer Van

Jedes stahlrädrige Basismodell rollt auf übergroßen 20-Zoll-Rädern, wodurch eine moderne Crossover-Optik ähnlich der des größeren Espace erzeugt werden soll, um die gesunkenen Verkaufszahlen der Minivans aufzupolieren. Schön und gut. Wobei sich eine solche SUV-Dimension konstruktiv kaum für einen Kompaktvan eignet. Also hat Renault die Reifenbreite auf 195 mm beschränkt. Bei seiner Vorstellung wurde zum "Efficiency Wheel" außerdem fabuliert, dass die geringe Breite für eine große Kraftstoffersparnis sorge, und dass der große Radumfang deutlich leichter über kleinere Unebenheiten hinwegrolle, der Scénic dadurch noch komfortabler werde. Der Realität sieht leider anders aus: Sparsam und komfortabel sein – beides konnte der Vorgänger besser. Mehr Platz im Innenraum gab's obendrein. Noch ist der Alte übrigens als Neuwagen verfügbar und mit noch immer aktuellen Motoren gerüstet.
Überblick: Alles zum Renault Renault Scénic und Renault Grand Scénic

Die Sitzhöhe im Fond wurde reduziert

Video: Renault Grand Scénic Vorstellung (2016)

Großer Scénic

Der neue Scénic ist zwar ein Hingucker, erweckt aber allzu sehr den Eindruck, dass der gesamte Nutzwert des beliebten Familienautos um das Design herumentwickelt wurde. Dazu schreibt Renault in einer Broschüre: "Die im Vergleich zum Vorgänger nochmals gewachsenen Dimensionen unterstreichen das kraftvolle und selbstbewusste Äußere." Stimmt! Heißt aber auch: Die abgesenkte Dachlinie reduziert die Sitzhöhe im einst großzügigen Fond auf 950 mm. Das entspricht exakt dem Wert eines Opel Corsa und liegt ganze 15 cm unter dem des Vorgängers. Die Rücksitzlehnen sind kurz, die Kopfstützen genügen nur kleinen Menschen. Die Kniefreiheit geht in Ordnung. Der Grand Scénic (1300 Euro Aufpreis, erhältlich ab Experience) bietet hier noch etwas mehr Platz. Trotzdem bleibt die Sitzhöhe sehr gering. Ab Intens klappen die hinteren Sitze optional per Tastendruck im Cockpit oder Kofferraum um und ebnen die Ladefläche.

Material, Verarbeitung und Raumgefühl sind angenehm

Renault Grand Scénic
Material und Verarbeitung sowie das Raumgefühl sind angenehm. Platz gibt's genug. Im Bild: das sehr schlecht bedienbare größte Navi.
Bild: Renault
Auf der Habenseite halten feine Materialien und adrette Verarbeitung dagegen. Auf den Vordersitzen ist auch das Raumgefühl sehr angenehm. Die riesige Panoramascheibe sorgt zwar für heftige Windgeräusche sowie eine kräftige Erwärmung des Innenraums, bietet aber tolle Ausblicke. Der sehr tiefe Instrumententräger birgt ein großes Handschuhfach, das wie eine Schublade ausfährt und statt eines Griffes über einen kleinen E-Motor nebst Taste verfügt. Leider rumpelt es rüde gegen lange Beifahrerbeine. An der Ergonomie gibt es hingegen nichts auszusetzen. Alles sitzt da, wo die Hand von selbst hinfällt. Scénic-typisch ist die üppige Mittelkonsole en bloc verschiebbar. Nützlich und praktisch – so kann der Fahrer selbst entscheiden, wie viel Raum er wo haben möchte. In der hintersten Position separiert sie zudem streitbereiten Nachwuchs im Fond. Die grundlegenden Bedienelemente sind so, wie man sie von Renault kennt. So gibt es nach wie vor den Bediensatelliten hinter dem Lenkrad – zum Glück. Der große, "R-Link 2" genannte Zentralrechner (Serie in Bose Edition) ist stark individualisierbar, zeigt Öko-Statistiken, ist aber nicht in der Lage, schnelle Einflüsse auf die Lüftung oder einen einfachen Wechsel der Musikquelle vorzunehmen. Die Lautstärkeregelung, bei der es auch mal schnell gehen muss, hebt sich weder sicht- noch spürbar ab und lässt sich nur durch träges Tippen bedienen. Weitere Schwächen dieses Geräts würden den Rahmen unserer Kaufberatung sprengen. Nur so viel: An viele Knöpfchen gewöhnt sich ein Besitzer. Derart grobe Bedienhindernisse verärgern jedoch nachhaltig. Der Testwagen fiel zudem durch einige Elektronikfehler auf. Wir empfehlen das etwas kleinere Gerät der einfacheren Ausstattungen, das deutlich besser funktionierte.
Bei der Ausstattung wird nicht gegeizt. Schon in der Basis Life ab 19.990 Euro fahren Scénic und Grand Scénic mit Tempomat, Klimaanlage, DAB-Radio, Bluetooth, Notbremsassistent und Verkehrszeichenerkennung vor. Wo Experience (2200 Euro) mit Nettigkeiten wie Klimaautomatik und den One-Touch-Faltsitzen aufwartet, umfasst Intens (4300 Euro) beinahe eine Vollausstattung, zu der nur noch das Navi fehlt. Die Bose Edition ist erst für größere Motorisierungen ab 26.990 Euro erhältlich und beschränkt sich auf Luxus wie das namensgebende Soundsystem und vorzügliche Komfortsitze.

Die Motoren laufen kultiviert, haben aber gut zu schleppen

Renault Grand Scénic
Unser Motoren-Tipp ist der 110-PS-Diesel. Die größeren Versionen wirken subjektiv kaum kräftiger.
Bild: Renault
Demnächst führt Renault im Scénic sein erstes Mild-Hybrid-Modell ein. Im dCi 110 Hybrid Assist wird der kleine Diesel etwa beim Anfahren von einem Elektromotörchen unterstützt, das zeitgleich als Generator und Anlasser dient. Die Motoren, bekannt vom Vorgänger, laufen sehr kultiviert, haben aber am rund 100 Kilo schwereren Neuen gut zu schleppen. Mit am besten macht das der 110-PS-Diesel – unser Motorentipp; die 130- und 160-PS-Version sind subjektiv kaum kräftiger. Zudem bietet nur der kleine Diesel die Wahl zwischen Handschalter und Doppelkupplungs-Automatik. Die schaltet sanft und unauffällig, nutzt aber das Drehmoment bei niedrigen Touren nicht konsequent.
Eine Stärke des Scénic war immer schon sein guter Reisekomfort. Der hat nun aufgrund der hohen ungefederten Massen der Riesenräder gelitten; auch die Kräfte, die durch die größere Hebelwirkung der schweren 20-Zöller auf das Fahrwerk wirken, dürften sich nachteilig auf den Abrollkomfort auswirken. Zudem konnte der Goodyear Efficient Grip auf den Testwagen bei Nässe nicht überzeugen. Zum schwammigen Fahrverhalten gesellte sich starkes Untersteuern. Renault verspricht mittelfristig ein breites Reifenangebot verschiedener Hersteller, das sich preislich nicht von einem 17-Zoll-Rad unterscheiden soll.
Weitere Infos zum Renault Scénic und seinen wichtigsten Konkurrenten finden Sie in der Bildergalerie.

Kommentar

von

Andreas Jüngling
Der Scénic war stets ein Van für Genießer mit praktischen Ambitionen. Beim Neuen hat Renault einige dieser Talente dem Design geopfert. So hatte der Vorgänger in puncto Raumangebot und Reisekomfort mehr zu bieten. Immerhin verwöhnt der Neue die Passagiere der ersten Reihe. Hier fehlt nur eine effizientere Bedienung zum Genuss.