Tacho-Trickser
So schnell verschwinden 140.000 Kilometer

Ein Drittel aller Gebrauchtwagen hat gefälschte Kilometerstände, schätzt die Polizei. AUTO BILD hat einen Tachodreher besucht – mit versteckter Kamera.
- Stefan Voswinkel
Leise knirscht der Sand unter den Rädern der Mercedes C-Klasse, als ich vor einem unscheinbaren Mehrfamilienhaus in Köln-Weiden halte. Nichts deutet darauf hin, dass hier – direkt auf dem Bürgersteig neben einer stark befahrenen Hauptverkehrsstraße – in wenigen Minuten eine Straftat stattfinden wird. Kein Kavaliersdelikt, sondern eine Tat, auf die bis zu ein Jahr Gefängnis steht: Ich will den Tachostand des Autos manipulieren lassen. Weil die Polizei schätzt, dass jeder dritte Gebrauchtwagen mit einem gefälschten Kilometerstand verkauft wird, will die Redaktion von AUTO BILD es wissen: Wie einfach funktioniert der verbotene Tachodreh? Unsere Dauertest-C-Klasse scheint ein geeignetes Objekt dafür zu sein: Sie hat in den vergangenen vier Jahren knapp 225.000 Kilometer im Zeitraffer abgespult, wirkt jedoch wesentlich frischer. Wir wollen den Tachostand um 140.000 Kilometer nach unten korrigieren lassen und den Mercedes dann einem Gutachter vorführen. Ob er erkennen kann, dass die C-Klasse fast die dreifache Laufleistung hinter sich hat?
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Video: Tachotrickser
So arbeiten Tachotrickser
Tests und Kaufberatung: Gebrauchtwagen

Alexander Hartinger von der Kripo München: "Tachotrickser arbeiten hoch professionell und in mafiösen Strukturen."
Bild: Sveinn Baldvinsson
Plötzlich flackert der Tacho und zeigt die gewünschten 84.739 Kilometer an. F. ist zufrieden. "Das kann jetzt keiner mehr nachvollziehen", sagt er. Nur bei einem Software-Update müssten wir vorsichtig sein, der Originalkilometerstand sei im Zündschloss hinterlegt. F. kassiert 100 Euro in bar. Hätte er alle elektronischen Spuren beseitigt, wären 500 Euro fällig. Er ist nur ein kleiner Fisch. Viele Tachobetrüger sind in mafiaähnlichen Strukturen organisiert. Im Rahmen einer groß angelegten Razzia hat die Münchener Polizei im März 2011 die Geschäftsräume von 150 Händlern durchsucht, 26 Haftbefehle vollstreckt. Polizist Hartinger und seine Ermittlungstruppe haben 200 manipulierte Autos und eine Million Euro Bargeld sichergestellt; die Spuren der Täter führten von München nach Österreich, Bulgarien und in die Schweiz. Gedreht wird an allen Fahrzeugen, vom einfachen Golf über hochpreisige Autos wie Porsche und Mercedes bis hin zu Leasingrückläufern, die in kurzer Zeit viele Kilometer fahren.
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Eine glänzende Fassade ist dabei keine Garantie für korrekte Kilometerstände. Manfred Groß vom ADAC: "Weil die Manipulation so schnell und einfach geht, kann das prinzipiell jeden Gebrauchtwagen-Verkäufer in Versuchung führen – sogar scheinbar seriöse Händler", sagt er. Der volkswirtschaftliche Schaden, den die Tachomafia dabei verursacht, ist riesig. Die Münchener Polizei hat bei den 200 beschlagnahmten Autos eine durchschnittliche Werterhöhung von 3400 Euro festgestellt. Hochgerechnet auf zwei Millionen Gebrauchtwagen im Jahr, die mutmaßlich mit gedrehtem Tacho verkauft werden, entsteht deutschen Gebrauchtwagenkäufern ein Schaden von rund 6,8 Milliarden Euro.

GTÜ-Gutachter Torsten Cahnbley: "100.000 Kilometer halte ich für glaubhaft. Der Mercedes weist nur wenig Verschleiß auf."
Bild: Sven Krieger
Fazit
Tachomanipulation ist zum Massenphänomen geworden – obwohl die Strafen hoch sind. Das liegt an immer besseren Autos, denen hohe Kilometerleistungen kaum noch anzumerken sind. Hauptschuldige sind aber die Autohersteller. Sie bauen veraltete Sicherheitstechnik in moderne Autos ein, nur weil das ein wenig billiger ist. Die Leidtragenden sind die Gebrauchtwagenkäufer, die sich nur durch sorgfältigste Recherche vor dem Betrug schützen können.
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