Test Bugatti Veyron 16.4

Test Bugatti Veyron 16.4

— 16.02.2007

Die Jagd beginnt

Die Mission "Geschwindigkeitsweltrekord" hat 2007 oberste Prioritt beim Veyron. Aber Achtung: Die Konkurrenz schlft nicht. Lassen sich 407 km/h tatschlich noch toppen?

Der Veyron. Erst eine Handvoll Exemplare des 1,309 Millionen teuren "Supersportwagens made by VW" (Bugatti gehrt zum Volkswagen-Konzern) wurden bisher ausgeliefert, doch schon jetzt ranken sich Mythen um das laut Bugatti "mit 407,5 km/h" schnellste Straenauto der Welt. Ein Grund: die sagenhafte Beschleunigung von null bis hundert. Laut Werk in 2,5 Sekunden mglich. Wir wollen es testen. Heute. Nur mal zum Vergleich. Im freien Fall durchbrche der Bugatti theoretisch erst nach exakt 2,83 Sekunden die 100-km/h-Grenze vorausgesetzt, er wrde nicht vom Luftwiderstand gebremst. Wer schon mal einen Fallschirmabsprung oder Bungee-Jump berstanden hat, wei, wie verdammt schnell das ist.

Und so fllt es uns nicht gerade leicht zu glauben, dass ein Auto auf ebener Strecke schneller beschleunigt, als wrde man es von einem Wolkenkratzer strzen. Leider stellt uns Bugatti nur ein Fahrzeug zur Verfgung. Wir entscheiden uns daher ausschlielich fr den Test auf der Strae. Eine beschauliche Landstrae im Landkreis Gifhorn, rund 20 Kilometer von Wolfsburg entfernt, fhrt uns zum Rendezvous mit dem Schicksal. Eine unscheinbare Zufahrt weist den Weg, bis die Fahrt vor einem grauen Stahltor endet. Ungebetene Gste sollten hier besser umdrehen. Uns ffnet sich das Tor elektrisch, und dann sind wir drin. Im Allerheiligsten. Ehra Lessien. Die Hochgeschwindigkeits-Teststrecke von Volkswagen|_blank|Bugatti Veyron|_blank. Ein gewaltiges Areal. Unsere Mission ist klar: Herauszufinden, wie schnell der 1001 PS und 1250 Newtonmeter starke Bugatti Veyron|_blank|_blank)$ 16.4 (16 Zylinder, beatmet von vier Turboladern) wirklich rennt. Bis jetzt hat nmlich noch kaum jemand auerhalb der Werkszune die versprochenen Sprintqualitten auf Formel-1-Niveau besttigt.

Zusammen mit unserem Fotografen Charlie Magee warten wir gespannt auf das Objekt der Begierde, als sich schleichend ein niederfrequentes Gerusch bemerkbar macht. hnlich der dumpfen Klangkulisse eines Panzers, der kurz davor ist, durch die Bschung zu preschen. Das Gerusch schwillt an dann steht er vor uns. Sekundenlang herrscht Stille. Wir schwelgen in Staunen. Dann reit uns der enge Zeitplan aus den Trumen. Leider ist die Hauptstrecke heute geschlossen, auerdem steht uns das Auto nur kurz zur Verfgung. Getriebeingenieur Volker, der unter anderem das Launch-Programm fr die Siebengang-Automatik des Bugatti entwickelt hat, stellt sich vor. Er spricht nicht viel und wirkt etwas distanziert. Vielleicht sind das die Auswirkungen von unzhligen Beschleunigungsorgien im strksten Sportwagen der Welt. Zgig schlieen wir unser Vbox-Messgert an den Veyron an, der Tank wird mit kostbarem Super-Plus-Saft gefllt. Lets go.

Sehr ansprechend: der Innenraum des Bugatti Veyron.

Zuerst fhrt Volker, ich bin nur Passagier. Unzhlige Eindrcke durchschwirren den Kopf, die es aufzusaugen gilt und doch bleibt kaum Zeit, dies zu tun. Die mit Leder berzogenen Carbon-Schalensitze schmiegen sich eng an den Krper. Das exquisite Lenkrad ragt heraus wie bei einem Rennwagen. Der unnachahmliche Geruch von zarter, edler Tierhaut wabert in die Nase, whrend die Augen ber die ovalfrmige aluminiumgebrstete Mittelkonsole wandern. Die Rundinstrumente haben etwas Heiliges. Dreifaltigkeit. Links die Power-Anzeige, die in Hunderterschritten die momentan abgerufene Leistung anzeigt. Mittig thront der groe Drehzahlmesser bis 8000 Touren. Rechts daneben, fast unheimlich, der Tacho bei 420 km/h endet die Skala. Wir halten am Anfang einer relativ kurzen Startbahn. Volker aktiviert den Handling-Modus und fhrt den riesigen Heckspoiler aus. Dann drckt er den Launch-Control-Knopf, tritt gleichzeitig Gas und Bremse fr eine mglichst hohe Anfahrdrehzahl.

Der Bugatti taucht ein, grunzt wie ein zurckgehaltenes Raubtier und dann schieen wir nach vorn. Wie eine aufbumende Flutwelle jagt der Veyron die Geschwindigkeitsleiter empor. Augenblicklich wird einem jegliche Luft aus den Lungen gepresst. Eine mchtige unsichtbare Hand drckt scheinbar smtliche Organe in den Krper zurck. Ein seltsames, schwereloses Gefhl, als wrde man aus einem Hochhausfenster in der Luft hngen. Der freie Fall nach vorn hat soeben begonnen. Vor allem der Klang des rekordverdchtig schnellen Sprinters fasziniert. Er ist anders als alles, was sonst aus einem Motorraum entweicht. Ein Launch-Control-Start im Bugatti Veyron gleicht akustisch dem Schrei eines wtenden Dinosauriers (ok, keiner wei, wie das klingt, aber es ist der einzig passende Vergleich). Nach 1,8 Sekunden schaltet der 1890 Kilo schwere Veyron in den zweiten Gang, whrend meine Kehle schon vllig trocken vor Begeisterung ist. Jetzt kommt die volle Traktion zum Tragen.

Technische Daten, Fahrleistungen und Preis

Noch nie habe ich solch brachiale Beschleunigung erlebt in keinem Flugzeug und schon gar nicht in einem Automobil. Genau 2,84 Sekunden zeigt das Messgert bei 100 km/h an, was die Bugatti-Angabe mit Formel-1-Fahrleistungen besttigt. Die Monoposti von Alonso und Co. knnten mangels Allrad sogar das Nachsehen haben. Doch fr Gedankenspiele bleibt keine Zeit: ber 100 km/h nimmt die Beschleunigung sogar noch zu!

Wahnsinn auf Rädern: der Bugatti Veyron in Fahrt.

Selbst jetzt stellen sich in Anbetracht dieser Erkenntnis meine Nackenhaare auf. Der dritte Gang gleicht endgltig dem Armageddon. So muss sich Han Solo im "Millenium Falken" beim Umschalten auf Lichtgeschwindigkeit fhlen. Nachdem er sich aus den Ketten der Traktion und Schwerkraft befreit hat, beginnt der Bugatti seinen Angriff auf den Horizont. 160 km/h liegen nach 5,5 Sekunden an. Fnf Komma fnf Sekunden. Knapp zwei Sekunden schneller als ein Mercedes SLR McLaren, Lamborghini Murcilago oder Pagani Zonda S. Ja sogar rund eine Sekunde hurtiger als der einst unerreichbare McLaren F1 mit seinem phantastischen BMW-Zwlfzylindermotor.

Beim Bremsen scheint der Bugatti ebenfalls die Physik auer Kraft zu setzen. Kein Wunder, bei 400 Millimeter Keramik-Scheiben und acht Titan-Bremskolben pro Vorderrad. Von 160 km/h bis null verzgert er in 4,2 Sekunden abrupter als ein Lotus Exige S, der nur die Hlfte wiegt. In weniger als zehn Sekunden haben wir uns auf 160 km/h geschossen und wieder zum Stillstand gebremst. Irre! Bugatti-Ingenieur Volker analysiert den Geschwindigkeitsrausch pragmatischer. "Der staubige Asphalt hat bessere Werte verhindert", sagt er. Beim Testen htte er schon in 2,4 Sekunden die 100er-Marke geknackt. Ach, so.

Als ich spter selber fahre, purzeln die Zeiten nicht mehr. Wre auch zu schn gewesen. Doch das lsst auf ein nchstes Mal hoffen, wo das Ziel dann lautet: Herauszufinden, ob das schnellste Auto der Welt nicht doch noch schneller kann. Vielleicht dann auch schneller als der freie Fall.

Autoren: Ingo Roersch, Frank Wiesmann

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