Gebrauchtwagentest VW Polo/Buick Park Avenue

VW Polo/Buick Park Avenue: Gebrauchtwagentest

— 25.04.2017

Polo fahren kann jeder

In den untersten Preisklassen werden nur Kleinstwagen oder Fässer ohne Boden angeboten? AUTO BILD testet zwei Extreme und erlebt eine große Überraschung.

Elena ist Studentin. Eine ganz normale, zumindest wirkt es erst mal so. Die 26-Jährige wohnt in einer WG mitten in der Stadt, nutzt öffentliche Verkehrsmittel. Für die Wochenenden braucht sie ein bezahlbares Auto. 2000 Euro, mehr gibt das Budget nicht her. Was könnte sich da mehr anbieten als ein VW Polo? Der Kleinwagenklassiker ist eine feste Institution am Markt, das Angebot riesig. Wir schauen uns ein 2001er Exemplar an. Für 1890 Euro gibt es neuen TÜV, eine Klimaanlage und frisches Öl. Aber auch satte 195.000 Kilometer, die der 1,2-Liter-Dreizylinder schon abgerissen hat. Für Elena nicht das einzige Manko. Sie sitzt hinter dem Lenkrad und fummelt verdrießlich an den wenigen Knöpfen. "Der ist so interessant, gemütlich und stilvoll wie ein Klappstuhl", stellt sie fest, steigt unvermittelt aus und verschwindet spurlos. Denn in Wahrheit ist Elena doch eine besondere Studentin. Nämlich eine mit etwas anderem Autogeschmack.

Gebrauchtwagensuche: VW Polo

Elena entdeckt den Buick: "Der ist doch geil!"

Elena steht auf den Ami: "Im altbackenen Polo fühle ich mich gleich 20 Jahre älter. Der Buick ist viel spannender."

In der Ecke, versteckt zwischen zwei Lieferwagen, hat sie etwas gefunden, das sie strahlen lässt. Sie sitzt hinter dem Lenkrad eines Buick Park Avenue. So lang wie ein kleiner Schulbus, so alt wie die amerikanische Unabhängigkeitserklärung. "Der ist doch geil!" Das altersschwache Ungetüm scheint sie unfassbar glücklich zu stimmen. "Suchen wir nach einem Auto oder einem neuen WG-Zimmer?", frage ich angesichts der mit 5,23 Metern nicht enden wollenden Karosserie. "Das nennt man Knautschzone", argumentiert Elena. Tatsächlich bringt die Oberklasselimousine eine extrem hohe Crashsicherheit mit. Auch ABS und Airbag sind an Bord. Da kann der Polo auch mit ein paar Luftsäcken mehr und trotz des Baujahrsvorsprungs nicht mithalten.
Überblick: Alles zum VW Polo

Die Verarbeitung des Park Avenue lässt stark zu wünschen übrig

Das Cockpit des Park Avenue: Plastikholz, viel Elektrik, Wählhebel am Lenkrad.

Der Park Avenue war 1990 von General Motors als Konkurrent der Mercedes S-Klasse extra für den anspruchsvollen europäischen Markt mitentwickelt worden. Auf einem eigenen Band verbauten die GM-Schrauber bessere Bremsen, ein stärkeres Kühlsystem und kümmerten sich um das Finish bei der Verarbeitung. Doch obwohl dieses Exemplar eine deutsche Erstauslieferung ist und auch erst belegte 122.000 Kilometer hinter sich hat, ist das nicht nachvollziehbar. Abblätternde Chromfolie, schlecht sitzende Kunststoffe und Holzimitat, das nicht einmal versucht, echt zu wirken, machen klar, warum die US-Autoindustrie heute dermaßen den Anschluss verpasst hat. Sogar das Leder der Sitze sieht nicht echt aus. Dabei ist es das. Das kann der Polo besser. Trotz der hohen Laufleistung klacken alle Schalter satt in ihre Position. So ein VW mag keine Gefühlsausbrüche wecken, aber er schafft Vertrauen.

54 Polo-PS sind Elena eindeutig zu wenig

Der 1,2-Liter-Dreizylinder von VW gilt als nicht besonders standfest – und hat nicht gerade viel Dampf.

Auf der Probefahrt lässt Elena den Dreizylinder mit 54 PS kräftig drehen, passieren tut nicht viel. "Wie soll man denn damit überholen? Das ist doch total unsicher", ist sie sich sicher. Wir wechseln in die dicken Sessel des Amis. Beim Einschalten der Zündung leuchten spektakulär hinter einer abgedunkelten Glasleiste zahlreiche Warnlampen auf, die nach dem Motorstart glücklicherweise alle wieder erlöschen. Unter der Haube wummert ein 3,8-Liter-Sechszylinder leise, aber sonor vor sich hin. Elena wuchtet den mächtigen Wählhebel auf D, ihr Fuß löst sich von dem Full-Size-Bremspedal, auf das sich nun eine kleine Katze legen könnte – und wir rollen. 173 PS haben die Vorderräder im Extremfall in Vortrieb umzusetzen. Das gelingt dem Park Avenue beeindruckend gut. Die "Grand Touring Suspension" arbeitet mit Luftunterstützung an der Hinterachse und entkoppelt uns fast komplett von allen Gemeinheiten, die das heutige Straßennetz so zu bieten hat. Wenn dann die erste Frühlingssonne durch das geöffnete Schiebedach in den Innenraum strömt, der Buick mit Tempomat dahinrollt und bei Landstraßentempo gerade mal 1500 Touren macht, ist das auch heute noch hohe automobile Fahrkultur. Dezent vermeldet eine Infolampe den Fahrzustand "CRUISE".

Gebrauchtwagensuche: Buick Park Avenue

In Sachen Spritverbrauch gewinnen beide keinen Preis

Hallo Luxusklasse! Bei den Festkosten liegt der Buick nur etwa 100 Euro über dem VW.

Während Elena und der Buick mich fast überzeugt haben, wird sie nachdenklich. "Was verbraucht der eigentlich?" Ein guter Moment, sie von dem Wahnsinn abzubringen. Doch wir wollen ja ehrlich sein. 10 bis 11 Liter. Tatsächlich macht die Kombination aus guter Aerodynamik, dem mit unter 1,6 Tonnen verhältnismäßig niedrigen Gewicht und der ellenlangen Übersetzung mit Vierstufenautomatik und Overdrive den Buick zu einem kleinen Sparwunder. Für US-Verhältnisse. Aber die 6,5 Liter des Polo sind angesichts der Leistung auch kein Wert, den man sich über das Bett hängt. Bei den Festkosten bietet der Park Avenue noch ein wirkliches Schmankerl: Oldieversicherer wie OCC in Lübeck versichern das Schlachtschiff schon als Youngtimer, bieten Haftpflicht und Teilkasko für gerade einmal 252 Euro an. Wer die etwas strengeren Bedingungen erfüllen kann, spart so über 1000 Euro und erlebt eine kleine Sensation: Bei einer Jahreslaufleistung von 8000 Kilometern kostet Elena der Polo glatte 1600 Euro für Steuer, Sprit und Versicherung. Der Buick kommt auf 1707 Euro. Richtig gelesen. Kaum mehr als ein Hunni Differenz im Jahr für das Upgrade vom Kleinwagen in die Luxusklasse!
Technische Daten im Vergleich
VW Polo 1.2 (Bj. 2001) Buick Park Avenue (Bj. 1991)
Motor Dreizylinder/vorn quer Sechszylinder/vorn quer
Ventile/Nockenwellen 2 pro Zylinder/1 2 pro Zylinder/2
Hubraum 1198 cm³ 3789 cm³
Leistung 40 kW (55 PS) bei 4750/min 127 kW (173 PS) bei 4800/min
Drehmoment 106 Nm bei 3000/min 305 Nm bei 3200/min
Höchstgeschwindigkeit 152 km/h 191 km/h
0–100 km/h 17,5 s 9,9 s
Tank/Kraftstoff 45 l/Super 68 l/Super
Getriebe/Antrieb Fünfgang manuell/Vorderrad Vierstufenautomatik/Vorderrad
Länge/Breite/Höhe 3897/1650/1465 mm 5229/1881/1390 mm
Kofferraumvolumen 270-503 l 574 l
Leergewicht/Zuladung 1072/438 kg 1530/620 kg
Doch wie sieht es beim Reparaturrisiko aus? Die meisten Park Avenue sind durchgerostet, der werkseigene Hohlraumschutz war lächerlich. Hohes Tempo killt die Getriebe, die auf 55 Meilen ausgelegt sind. Ein nachrüstbarer Ölkühler hilft. Hier und da spinnt die Elektrik, Spezialisten wie beispielsweise Andreas Lange vom US-Car-Service Sittensen kümmern sich rührend. Doch Polos rosten mittlerweile auch, die Dreizylinder verlieren oder fressen das Öl wahlweise, Federn brechen, die Elektrik spinnt ebenso. Musterschüler machen das anders. Für Elena ist die Sache klar. Bei laufendem Motor wartet sie. Ich denke nur: "Wahnsinn!" und fläze mich auf den Beifahrersitz des Buick.

Was bei den AUTO BILD-Testwagen aufgefallen ist und auf welche Mängel Käufer beim VW Polo und Buick Park Avenue außerdem achten sollten, erfahren Sie in der Bildergalerie.

Gebrauchtwagentest VW Polo/Buick Park Avenue

Autor:

Malte Büttner

Fazit

Ja, es klingt verrückt, den Buick in Betracht zu ziehen. Doch er ist berechenbarer als gedacht, der brave Polo ist dagegen voller Risiken und zeigt, dass klein nicht auch gleich billiger ist. Übrigens: Bisher fährt Elena Saab 9000. Für 500 Euro und ohne jedes Problem.

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