Abhängigkeit von Zulieferern

VW Zulieferer-Streit: Infos und Hintergründe – UPDATE

— 24.08.2016

Die wichtigsten Infos zum Zuliefererstreit

Nach dem Streit zwischen Volkswagen und zwei Zulieferern läuft die Produktion wieder an. Alle Infos und Hintergründe zum Lieferboykott und der Einigung!

(dpa/Reuters/mas) Volkswagen hat den Machtkampf mit zwei Lieferanten beigelegt und damit größeren wirtschaftlichen Schaden abgewendet. Nach einem 20-stündigen Verhandlungsmarathon einigte sich der Konzern am 23. August 2016 mit den Firmen der Prevent-Gruppe auf ein Ende des Lieferstreiks, der zu Produktionsausfällen in mehreren VW-Werken geführt hat. "Der Lieferstopp wird ab sofort aufgehoben", sagte ein Prevent-Sprecher. Die betroffenen Standorte bereiteten nun schrittweise die Wiederaufnahme der Produktion vor, teilte VW mit. Damit ist die drohende Kurzarbeit für fast 30.000 Mitarbeiter in sechs VW-Werken abgewendet. Darüber, wie die Einigung im Detail aussieht, schweigen beide Seiten.

Auch nach der Einigung in Deutschland geht der Streit mit der Prevent-Gruppe n Brasilien weiter. Die dortige Tochter des Autobauers erklärte, der seit Monaten anhaltende Konflikt werde vor Gericht geklärt werden müssen. Seit März 2015 sei die Fertigung von etwa 130.000 Fahrzeugen in drei Werken ausgefallen.

Worum ging es eigentlich?

Zwischen Volkswagen und den beiden wichtigen Teilezulieferern ES Automobilguss und Car Trim, die zur Unternehmensgruppe Prevent gehören, tobte seit Tagen ein Streit. Anlass dafür war nach Angaben aus dem Umfeld von Prevent ein von VW gekündigter Auftrag zur Entwicklung neuartiger Sitzbezüge. Warum der Auftrag gekündigt wurde, ist nicht bekannt, möglicherweise ist aber der wegen der VW-Abgasaffäre verordnete Sparkurs ein Grund dafür. Für bereits erbrachte Investitionen und Vorleistungen forderte Car Trim 56 Millionen Euro Entschädigung, was VW ablehnte. Daraufhin stellte Car Trim die Lieferung von Sitzbezügen ein. Um den Druck zu erhöhen, setzte die Prevent-Tochter ES Automobilguss die Lieferung von Getriebegehäusen aus.

Der Vorgang ist einmalig in der Automobilindustrie, wo derartige Konflikte meist hinter den Kulissen ausgetragen werden und Lieferanten zu Kompromissen bereit sind, um ihre Geschäftsbeziehungen zu Herstellern im harten Wettbewerb nicht zu gefährden. VW ließ erkennen, dass man den Konflikt auch deshalb eskalieren ließ, weil Prevent sich nicht an bestimmte Regeln hielt. "Wir hätten das ganze Theater nicht gemacht, wenn es nicht um Dinge gegangen wären, die über das gute Miteinander hinaus gingen", sagte eine Person mit Kenntnis der Beratungen. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) warnte, das Vorgehen der Lieferanten dürfe keine Schule machen. "Es bleibt bei mir ein Unbehagen über das Vorgehen der Prevent Group."

Wie sieht die Einigung aus?

Einzelheiten wurden nicht bekannt. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, VW und Prevent hätten auf gegenseitige Schadenersatzansprüche verzichtet sowie die zuvor erfolgte Kündigung einer umfangreichen Kooperation teilweise rückgängig gemacht. Zudem blieben die beiden Prevent-Firmen bei VW mindestens weitere sechs Jahre im Geschäft. Bei den von VW benötigten Getriebeteilen dürfe sich VW in den kommenden sechs Jahren einen weiteren Lieferanten suchen, allerdings "nur im Umfang von 20 Prozent". Außerdem sei eine Vertragsstrafe vereinbart worden, sollten künftig Zulieferungen ausfallen. Ein VW-Sprecher sagte zu dem "SZ"-Bericht auf Anfrage lediglich: "Wir haben über die Inhalte der heutigen Vereinbarung Stillschweigen vereinbart, und daran halten wir uns."

In Marathon-Verhandlungen hatten Volkswagen und die Zulieferer seit 22. August 2016 um eine Lösung des Konflikts gerungen. Volkswagen hatte betont, auf eine gütliche Einigung zu setzen. Der Autobauer hatte aber daneben angekündigt, notfalls alle rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen. Das Landgericht Braunschweig hatte einstweilige Verfügungen erlassen, welche die Lieferanten zur Wiederaufnahme der Belieferung verpflichten. VW hätte aber frühestens Ende dieser Woche seine Ansprüche per Gerichtsvollzieher durchsetzen und die Teile holen lassen können.

Was waren die Folgen des Streits? 

Wegen des Lieferstopps standen bei dem Autobauer viele Bänder still, laut VW konnten insgesamt 27.700 Mitarbeiter in mehreren Werken nicht arbeiten wie geplant. Allen voran stand im Stammwerk Wolfsburg die Produktion des wichtigsten VW-Modells Golf still. Der Autobauer sprach von "Flexibilisierungsmaßnahmen bis hin zu Kurzarbeit". Im Passat-Werk Emden gingen bereits Mitte August 7500 Mitarbeiter in Kurzarbeit.

Warum brach ein Streit um Kurzarbeitergeld aus?

Kann die Produktion bald wieder anlaufen? Derzeit stehen in vielen Werken die Bänder still.

Volkswagen hatte wegen des Streits und des daraus resultierenden Produktionsstillstands für mehrere Tausend Beschäftigte Kurzarbeitergeld beantragt. Dieser Antrag war umstritten, denn das Kurzarbeitergeld wird aus Mitteln der Bundesagentur für Arbeit bestritten. Die SPD hielt das Kurzarbeitergeld für Volkswagen-Mitarbeiter für gerechtfertigt. Es werde aus einem Topf bezahlt, in den Arbeitgeber und Arbeitnehmer einzahlten, sagte der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD, Bernd Westphal, im Deutschlandfunk. Daher sei die Zahlung "korrekt". Die Arbeitnehmer könnten am wenigsten für das Problem. Der CDU-Arbeitsmarktexperte Karl Schiewerling äußerte sich in der "Süddeutschen Zeitung" dagegen sehr kritisch. "Kurzarbeit ist keine Streikkasse für Unternehmen, die sich im Wirtschaftskampf befinden und eingegangene Verträge mutwillig nicht einhalten", sagte er. Die Mittelstandspolitiker Hans Michelbach (CSU) und Thomas Gambke (Grüne) äußerten sich in der "Rheinischen Post" ähnlich.

Wie geht es weiter?

Die gute Nachricht: Die Prevent-Firmen liefern wieder. Die betroffenen VW-Standorte bereiten nun die Wiederaufnahme der Produktion vor, das Thema Kurzarbeit dürfte sich für die Werke in Emden, Wolfsburg, Kassel und Zwickau somit rasch erledigen. Ein Sprecher des VW-Werks Kassel-Baunatal sagte, am 25. August 2016 (Donnerstag) werde die volle Kapazität wieder erreicht. In Kassel werden Getriebe hergestellt, ES Automobilguss will nun benötigte Getriebeteile wieder liefern.

Warum kam es so schnell zu Engpässen?

Nur 25 Prozent eines Autos werden noch vom Hersteller gefertigt – der Rest stammt von den Zulieferern.

Die Bedeutung der Automobilzulieferer hat in den vergangenen Jahren rapide zugenommen. Wie abhängig die Autobauer von einer reibungslosen Zusammenarbeit mit diesen Firmen sind, zeigt das aktuelle Beispiel bei VW. "Rund 75 Prozent eines Automobils stammt von Zulieferern, der eigentliche Hersteller fertigt nur die restlichen 25 Prozent", sagt der Gelsenkirchener Automobilwissenschaftler Ferdinand Dudenhöffer. Nicht nur einzelne Teile wie Kolben oder Schalter werden zugeliefert. Um die Fertigungstiefe und den eigenen Entwicklungsaufwand zu verringern, entwickeln und bauen die Zulieferer ganze Baugruppen wie etwa Getriebe komplett mit Fahrwerk.

Keine Teilelagerung aus Kostengründen

Ebenfalls um Kosten zu sparen, haben die Autobauer die Lagerhaltung praktisch abgeschafft – oft wird je nach Bedarf direkt bis ans Band geliefert. Unter den Zulieferern gibt es eine ausgeprägte Hierarchie: Die Stufe 1 liefert direkt an die Automobilbauer. Der Stufe-1-Zulieferer hat wiederum mehrere eigene Zulieferer (Stufe 2). Die lassen sich von der Stufe 3 zuliefern und so fort. "Da baut sich eine Kette auf, und wenn ein Sandkorn dazwischen kommt, bleibt alles stehen", sagt Dudenhöffer. Mit einem Streik bei einem Zulieferer der Stufe 1 könne man gleich eine ganze Branche lahmlegen. Rund 2000 Zulieferer gibt es in Deutschland, mit mehr als 300.000 Beschäftigten.

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