Chevrolet Caprice Classic

— 02.09.2013

EIn Ami für alle

In seiner Heimat ist er eine Art VW Passat, das hält den Preis des Chevrolet Caprice am Boden. Viel billiger ist er kaum zu erleben, der "American Way of Drive“ mit dickem V8, Marshmallow-Fahrwerk und XXL-Plüschsesseln.



Zum teuren Stück fehlt dem Caprice der General-Motors-Marke Chevrolet vor allem eines: die Seltenheit. Denn als die amerikanischen Autos ihre Blütezeit hatten, als sie noch groß, stark und durstig sein durften, liefen der Impala und sein Schwestermodell Caprice millionenfach von den Bändern in Detroit und zahlreichen anderen GM-Fabriken. Die sogenannten Full-Size-Chevys waren so etwas wie der VW der Vereinigten Staaten: robust, erschwinglich und zuverlässig. In den 70er-Jahren kam allein Chevrolet in den USA auf 25 Prozent Marktanteil – mehr, als der ganze GM-Konzern heute besitzt. Von den einst riesigen Caprice-Herden ist nicht viel übrig geblieben. Limousinen gehören ohnehin nicht zu den Suchtobjekten der US-Car-Sammler.

Von wegen Weltauto: Für die Amis war der Caprice ein Schrumpf-Chevy, für uns in Europa eine Oberklasse-Limousine.

© M. Gloger

Chevys wurden zu Tode geritten: Wer New York von früher kennt, erinnert sich an Straßen voller großer Chevrolet in traditionellem Taxigelb. Auch die Highway Patrol liebt den Caprice zu Lebzeiten, weil die Cops ganz eigene Ansichten von einem guten Auto haben. Vorderradantrieb? Um Himmels willen. Ein solider Leiterrahmen, vorn ein starker Achtzylinder plus Ramm-Stoßstange, hinten eine robuste Starrachse – das ist die reine Lehre. Zu den Sonderangeboten auf dem Klassik-Markt zählen heute speziell die ab 1977 gebauten Caprice-Modelle. Es ist das Jahr einer tief greifenden Zäsur: Geschockt vom Embargo der Erdölstaaten erfinden die Amis das Downsizing und specken ihre großen Limousinen ab. "Unsere Autos sind zu vollgefressen, zu ineffizient. Zu viel Blech", sagt GM-Chefdesigner Bill Mitchell in diesen Tagen. Und kaum einer widerspricht. Speziell mit dem Caprice liefern Mitchells Leute ein Meisterstück ab. Die schlichten, kantigen Linien wirken auch nach über 30 Jahren noch attraktiv. Und: Gemessen an gängigen Maßstäben ist der Caprice natürlich ein klassischer Straßenkreuzer geblieben. Stolze 5,41 Meter Länge können für deutsche Normgaragen und Parkhäuser zum Problem werden. Aber für die Amerikaner ist er ein Schrumpf-Chevy: Fast 30 Zentimeter kürzer als sein Vorgänger und beinahe 300 Kilo leichter. Und trotzdem bietet er im Innenraum ähnlich viel Platz wie die Landjacht, die er ablöst.

Für die Parforcejagd: Chevrolet Camaro RS

Die Chevrolet der 70er-Jahre sind klassische Beispiele des damaligen amerikanischen Automobilbaus: so gut wie nötig, aber keinen Deut besser.

© M. Gloger

Von raumökonomischer Bauweise bleibt der Caprice trotzdem weit entfernt. Klar, der Kofferraum ist so riesig, dass man darin übernachten könnte. Aber der Platz für die Beine vor der Rücksitzbank fällt angesichts der äußeren Größe mickrig aus. Ja, er ist ein Sechssitzer. Auf dem Papier. Aber wenn nur vier US-Car-Fans im Chevy cruisen, macht das allen mehr Spaß. Der Caprice ist eine aufgewertete Version des Brot-und-Butter-Impala, weshalb das Passagierabteil geradezu in Plüsch schwelgt. Dass sich alles, vom Bodenteppich bis zum Lenkrad, beim Foto-Exemplar in leuchtendem Rot präsentiert, ist typisch für die Mission des Jedermann-Automobils: Es ist seine vornehmste Aufgabe, die Atmosphäre eines bürgerlichen Wohnzimmers zu vermitteln. Und die sehen im Amerika der 70er-Jahre häufig genauso aus. Auf den üppig gepolsterten Sesseln sitzt man nicht, man kuschelt sich hinein. Genießt den Luxus, der für Euro-Limousinen der damaligen Zeit noch extraordinär, für die Amerikaner aber längst selbstverständlich ist: elektrisch herabsausende Seitenscheiben, eine eiskalt pustende Klimaanlage und eine sanfte Dreistufenautomatik. Abgesehen vom roten Plüsch wirkt der Chevy keineswegs verspielt. Die Instrumentierung zeigt sich geradezu nüchtern-sachlich, die wenigen Bedienungsknöpfe sind logisch angeordnet und klar gekennzeichnet. Es ist ein Auto, mit dem auch die "Little Old Lady from Pasadena" – unvergesslich geworden durch die Beach Boys – zurechtkommt, wenn sie zum Grocery Store um die Ecke fährt.

Der hat richtig Kraft: Chevrolet Suburban

Nach dem Chrom-Zeitalter kam die Plüsch-Ära. Das Cockpit schwelgt in flauschigem Teppich und künstlichem Holzfurnier.

© M. Gloger

Die eckige Karosserie lässt sich besser überblicken als ein moderner Kleinwagen. Und die Servolenkung fordert praktisch keinen Kraftaufwand. Sie arbeitet präzise, wenn auch von Fahrbahnkontakt keine Rede sein kann. Es ist jene spezielle, uramerikanische Art von Fortbewegung, die auch von der sanft gedämpften Federung und dem daraus resultierenden schwingenden Komfort geprägt wird. An die Stelle der heute für so wichtig gehaltenen Fahrdynamik tritt ruhiges, stressfreies Gleiten. Es schont die Nerven nicht nur in Los Angeles, sondern auch bei der Fahrt durch Castrop-Rauxel. Ruhig ist so ein Caprice, der Achtzylinder meldet sich nur bei voller Beschleunigung zu Wort. Normalerweise ist von ihm kaum etwas zu hören, weil er auf die Fülle des reichlich eingeschenkten Hubraums vertrauen kann. In diesem Fall ist es die klassische 350-cubic-inch-Version des sogenannten Small-Block-V8 (5,7 Liter). Sie produziert bei gelassenen 3800 Umdrehungen 170 PS und, weit wichtiger, ein sattes Drehmoment, das praktisch sofort zur Stelle ist, wenn die Kurbelwelle ins Rotieren kommt. Über den Small Block gibt es sonst nichts zu sagen, was nicht schon ewig bekannt wäre: Er gilt als praktisch unzerstörbar, wenn er nicht durch Dauervollgas thermisch überfordert wird. Dass er dafür selten weniger als 15 Liter pro 100 Kilometer aus dem Tank schlürft, sei ihm gegönnt. Trotzdem macht so ein Caprice auch kühle Rechner froh. Denn in der Anschaffung ist er ein Schnäppchen, und das Thema Wertverlust kann sein Besitzer getrost ad acta legen. Fiese Defekte sind auch nicht zu erwarten. Was ihn im Alltag wirklich wertvoll macht.

Technische Daten

Ein schöner Motor ist er nicht, der Allerwelts-V8, der sich unter einem Gewirr von Schläuchen versteckt. Aber er liefert kultivierte Leistung.

© M. Gloger

Chevrolet Caprice Classic Motor: V8, vorn längs • eine zentral liegende Nockenwelle, über Kette angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder, ein Fallstrom- Vierfachvergaser Rochester Quadrajet • Hubraum 5733 ccm • Leistung 126 kW (170 PS) bei 3800/min • max. Drehmoment 366 Nm bei 2400/min • Antrieb/Fahrwerk: Dreistufenautomatik • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung vorn an Querlenkern, Schraubenfedern und Stabilisator, hinten Starrachse mit Längs- und Schräglenkern und Schraubenfedern • Reifen 235/75 R 15 H • Maße: Radstand 2945 mm • L/B/H 5385/1915/1455 mm • Leergewicht 1738 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 10,0 s • Spitze 190 km/h • Verbrauch 15 bis 22 Liter pro 100 km • Neupreis: 23.571 Mark (1977).

Historie

Der Name Caprice taucht zum ersten Mal 1965 in den GM-Annalen auf, als Kennzeichen einer aufgewerteten Variante des Full- Size-Modells Impala. Weitere Ausführungen des großen Chevrolet sind die Modelle Bel Air und Biscayne. Die klassischen Straßenkreuzer, auf Wunsch mit einem bis zu 7,4 Liter großen Achtzylinder ausgerüstet, erfahren wie alle großen Limousinen der GM-Familie eine komplette Umgestaltung für das Modelljahr 1977. Geringere Abmessungen und vor allem ein deutlich reduziertes Gewicht sind das Ergebnis des Downsizing-Programms. Die verschiedenen Karosserie-Varianten bleiben bis auf das Cabriolet, das schon 1974 eingestellt worden war, im Programm: das zweitürige Coupé, der bis zu neunsitzige Station Wagon sowie der El Camino, ein Pick-up auf Limousinen-Basis. Erst 1991 kommt ein wirklich neues Modell. Das behält zwar alle technischen Merkmale bei, stößt mit seinem verquollen-rundlichen Design aber nicht nur auf Zuneigung. Aus dieser Modellreihe sticht vor allem der ab 1994 gebaute Impala SS hervor: Mit seinem von der Corvette stammenden V8 ist er bereits heute ein gesuchter Youngtimer.

Plus/Minus

Gruß nach Europa: Fleur de Lys heißt die Blume im Haubenemblem. Chevrolet wollte die französische Herkunft des Markennamens unterstreichen.

© M. Gloger

Die Chevrolet der 70er-Jahre sind klassische Beispiele des damaligen amerikanischen Automobilbaus: so gut wie nötig, aber keinen Deut besser. Auch der Caprice vereint solide Grundkonstruktion mit einer Fertigungsqualität, die bestenfalls mit leger beschrieben werden kann. Klaffende Karosseriefugen und großzügig eingepasste Plastikteile dürfen Chevy-Liebhaber nicht stören – was funktionieren muss, funktioniert auch. Die Achtzylinder revanchieren sich, regelmäßige Ölwechsel vorausgesetzt, mit biblischer Lebensdauer. Auch die Dreistufenautomatik und die Bestandteile des Fahrwerks machen selten Ärger. Wer die amerikanische Art des geruhsamen Cruisens schätzt, findet im Caprice ein überzeugendes und zudem sehr preisgünstiges Angebot.

Ersatzteile

Weil der Caprice noch nicht im Klassiker-Himmel angekommen ist, schenkt ihm die amerikanische Reproduktions-Industrie wenig Beachtung. Karosserieteile und Ersatz für verschlissenes Interieur sind deshalb nicht leicht aufzutreiben. Weit besser ist die Situation bei der Mechanik. Da gibt es alles, beispielsweise bei www.kanter.com, bei www.summitracing.com oder auch bei www.classicindustries.com. Die Preise fallen durchweg akzeptabel aus, auch wenn Luftfracht, Zoll und Mehrwertsteuer den Endbetrag in die Höhe treiben. US-Bestellungen lohnen sich nur dann, wenn ein großes Paket zusammenkommt. Bei Kleinteilen sind die Nebenkosten höher als der Warenwert.

Marktlage

Unverbastelte Caprice gehören zu den Ausnahmen. Motor-Tuning, Breitreifen und ein hochgestelltes Heck im Dragster-Stil sind häufig zu finden, was nicht den Wert, aber die Preisvorstellungen des Verkäufers in die Höhe treibt. Die Suche nach originalen Exemplaren lohnt sich, weil die Preise noch niedrig sind, aber die Talsohle bereits durchschritten haben.

Empfehlung

Nur mit den werksoriginalen Produktionsnummern von Motor und Getriebe hat ein Caprice die Chance, zu einem wirklichen Klassiker zu werden. Seltener, aber nicht unbedingt teurer als Limousinen sind die Caprice Coupés. Und der Station Wagon ist eine Empfehlung für anspruchsvolle Familien: Ein Raumtransporter dieses Formats konnte nur in Amerika entstehen.

Autor: Götz Leyrer

Fotos: M. Gloger


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