Deutsche Mittelklasse der 60er im Klassik-Test

— 07.08.2011

Wohlstand für alle

In den 60er-Jahren kommt Schwung in die deutsche Mittelklasse: Ford überrascht mit der "Linie der Vernunft", Volkswagen bedient auch Käfer-Müde, Opel punktet mit zeitloser Eleganz.

Es ist wie im richtigen Leben: Die Wohlstandsbürger wachsen aus ihren schlotterigen Nachkriegs-Klamotten heraus. Bäuche schwellen, der Fassonschnitt ist längst Elvis-Tolle und Backenbärten gewichen. Billigketten wie Kepa oder Woolworth verwöhnen die Backfische mit Lippenstift und Nagellack zu Preisen von weit unter einer Mark. Und machen so den kleinen Luxus erschwinglich. Wohlstand für alle! Zum großen Luxus zählt das Auto. Wer radelt, träumt vom Moped. Wer schon knattert, schwärmt vom Kleinwagen. Wer endlich einen besitzt, der will bald ins nächst größere Auto steigen. Im Herbst 1961 hat Volkswagen das auch begriffen. Der "große VW" Typ 3 beendet die jahrelange Käfer-Monokultur. Der Neue bewegt die Massen mehr als der bereits ein Jahr zuvor präsentierte Ford 17M "Badewanne" oder der europäisierte Opel Rekord P2.
Deutsche Mittelklasse der 60er-Jahre im Einzeltest
Ford 17M P3 VW 1500 S Typ 3 Opel Rekord P2

Davon träumten die Deutschen: Ford 17M P3, VW 1500 S und Opel Rekord P2.

Anfangs wegen der veralteten Heckmotor-Bauweise belächelt, schafft es VW dank seiner Marktmacht, innerhalb von zwölf Jahren fast 2,6 Millionen Typ 3 in die Weltmärkte zu drücken. Unser Testwagen ist übrigens ein 1500 S, die Luxusversion von 1963. Außer der Mehrleistung von neun PS (54 statt 45) unterscheidet er sich nur geringfügig vom Ur-Typ 3. Solche Kompromisse müssen wir eingehen, denn die Bürgerträume von damals sind rar geworden. Nicht einmal VW hat heute noch einen fahrbereiten Typ 3 der ersten Serie.

Kleine Wirtschaftswunder: VW Käfer, Opel Kadett A und Ford Taunus 12M

Bildergalerie

Ach ja, so schöne alte Autos testet man nicht. Und wenn doch? Dann zeigt sich, dass alltägliche Transport-Bedürfnisse schon vor 50 Jahren bestens erfüllt wurden: gute Übersicht, genug bis viel Platz und (mit Ausnahme des VW) Riesen-Kofferräume. Nur bei der Sicherheit hapert es natürlich. Gurte waren ein Thema, Bohrungen sind schon vorhanden. Bremsen? Es trommelte rundum. Kein Wunder, dass unsere gemessenen Bremswege nahezu unendlich sind. Alle Achtung: Der 17M bekam ab April 1962 (auf Wunsch) schon Scheibenbremsen vorn. Doch das Fahrverhalten bleibt antik. Damals dominierte die Simpel-Bauweise mit an Blattfedern gehaltener Starrachse hinten, auch hochtrabend "spur- und sturzkonstante Hinterachse" genannt. VW setzte auf die Pendelachse, die zickig reagieren konnte, aber komfortabler war. Unser Dank geht an die Eigner dieser drei Bürgerträume: Ralph Deneke aus Hamburg für seinen VW 1500 S, Kai Krause und seinen Hamburger Opel-Schrauber Andreas Haupt für den Rekord. Und an Wolfgang Laufer von Ford für den Taunus 17M.
Die Punktewertung Ford 17M VW 1500 S Opel Rekord
Spaßfaktor
Temperament 5 6 3
Sound 4 6 4
Handling 6 7 6
Zwischenergebnis 15 19 13
Kuschelfaktor
Sitze 5 7 5
Federung 4 5 4
Platzangebot/Variabilität 7 4 7
Zwischenergebnis 16 16 16
Neidfaktor
Qualität 6 7 6
Design 8 5 6
Image 4 3 4
Zwischenergebnis 18 15 16
Gesamtergebnis 49 50 45
Diether Rodatz

Diether Rodatz

Fazit

Die zehn Maximalpunkte fährt keiner der drei Klassiker ein. Aber hier zeigt sich schon ein zarter Anfang der VW-Tradition, immer unter den Ersten zu sein. Während die Konkurrenten mit modischem Design polarisieren, hält VW sich kühl zurück und behält so die Nase vorn.

Fotos: Sven Krieger

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