88 Prozent der Ladesäulen frei! Lade-Studie sorgt für Wirbel
Lade-Mythos entlarvt: Zahlen zeigen nicht die ganze Wahrheit

88 Prozent der Ladesäulen sind frei, und trotzdem bekommen E-Autofahrer keinen Strom? Warum die E-Auto-Debatte neu aufflammt. Einordnung und Kommentar.
Bild: Christian Charisius/Shell
Die Kritik an der Ladeinfrastruktur gilt als eines der größten Hindernisse für die Elektromobilität. Doch jetzt stellt eine neue Studie genau dieses Argument infrage. Oder auch nicht?
Eine Auswertung vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, die der "Automobilwoche" vorab vorliegt, kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Öffentliche Ladesäulen sind in Deutschland im Schnitt nur zu zwölf Prozent ausgelastet. Anders gesagt: Rund 88 Prozent der Ladepunkte sind gleichzeitig frei.
E-Mobilität: mehr Ladesäulen als Bedarf?
Die Zahlen zeichnen ein klares Bild: Der Ausbau der Ladeinfrastruktur läuft schneller als der Hochlauf der Elektroautos.

Öffentliche Ladesäulen sind in Deutschland im Schnitt nur zu zwölf Prozent ausgelastet.
Bild: Tom Salt / AUTO BILD
Zum Stichtag 1. Januar 2026 gab es laut BDEW über 200.000 öffentliche Ladepunkte in Deutschland – fast jeder fünfte davon ein Schnelllader mit mindestens 150 kW Leistung.
Die Branche sieht sich damit bestätigt. BDEW-Chefin Kerstin Andreae betont, dass massiv investiert wurde und das Angebot bereits deutlich über dem aktuellen Bedarf liege.
Gleichzeitig warnt sie: Politische Entscheidungen könnten den Hochlauf der Elektromobilität bremsen. Als Beispiel nennt sie fehlende Entlastungen beim Strompreis. "Wir brauchen positive Signale seitens der Bundesregierung", so die BDEW-Chefin, "gerade mit Blick auf die Elektrifizierung auch im Mobilitätssektor."
Warum die Ladesäulen dennoch nicht reichen
Auf den ersten Blick klingt die Studie wie eine Entwarnung: Es sind genug Ladesäulen vorhanden. Kritiker verweisen indes darauf, dass nicht die Gesamtzahl entscheidend sei, sondern der Zugang im täglichen Leben.
Viele Ladepunkte stehen an Autobahnen, Supermärkten oder großen Parkplätzen – also dort, wo sie sich vergleichsweise leicht errichten lassen.

Mehr als 200.000 öffentliche Ladepunkte sind eine starke Zahl. Aber sie stehen oft dort, wo sie vergleichsweise leicht gebaut werden können – nicht dort, wo sie gebraucht werden.
Bild: IONITY
Was häufig fehlt, sind Lademöglichkeiten in Wohngebieten. Vor allem für Fahrer ohne eigene Wallbox bleibt das ein Problem.
Kommentar von AUTO BILD-Chefredakteur Robin Hornig: Das Lade-Märchen
Fast 90 Prozent der öffentlichen Ladesäulen sind angeblich frei. So steht es in einer aktuellen Auswertung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft. Klingt nach Entwarnung. Klingt nach: Problem gelöst.
Ist es aber nicht.
Denn diese Zahl beschreibt eine Welt, die mit dem Alltag vieler Autofahrer wenig zu tun hat. Sie sagt etwas über Durchschnittswerte aus – aber nichts darüber, ob ich heute Abend einen Ladepunkt finde. Vor meiner Haustür. In meiner Straße. Genau dann, wenn ich ihn brauche.
Und genau da liegt das Problem.
Die Infrastruktur wächst. Keine Frage. Mehr als 200.000 öffentliche Ladepunkte sind eine starke Zahl. Aber sie stehen oft dort, wo sie leicht gebaut werden können – nicht dort, wo sie gebraucht werden. An Supermärkten. An Autobahnen. Auf Parkplätzen. Nur eben viel zu selten in Wohngebieten, in denen Menschen keine Wallbox haben.

Was häufig fehlt: Lademöglichkeiten in Wohngebieten.
Bild: Matthias Brügge / AUTO BILD
Das bestätigen auch andere Quellen. Im aktuellen Report der Deutsche Automobil Treuhand nennen viele Autofahrer die fehlende Lademöglichkeit im Alltag als zentrales Hindernis. Nicht, weil es zu wenige Säulen gibt – sondern weil sie nicht passend verteilt sind.
Die Energiebranche argumentiert aus Systemsich: Die Auslastung ist niedrig, also ist genug da. Der Kunde denkt anders. Er fragt sich nicht, wie viele Säulen im Schnitt frei sind. Er fragt sich, ob er bequem laden kann – ohne Umwege, ohne Planung, ohne Stress.
Ein Ladepunkt, der zwei Kilometer entfernt ist, hilft im Alltag nicht. Schon gar nicht, wenn langsames AC-Laden mehrere Stunden dauert. Niemand stellt sein Auto abends irgendwo im Viertel ab und holt es nachts wieder ab. Elektromobilität muss so einfach sein wie Tanken – oder besser: so bequem wie Parken.
Genau das ist der Maßstab. Und an dem messen die Menschen.
Solange Laden nicht dort stattfindet, wo Autos ohnehin stehen, bleibt die Skepsis – völlig zu Recht. Denn am Ende entscheidet nicht die Statistik über den Erfolg der Elektromobilität. Sondern der Alltag.
Oder einfacher gesagt: Freie Ladesäulen bringen nichts, wenn sie am falschen Ort stehen.
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