Ab wann Reifenwechsel auf Winterreifen?
Winterreifen: Wie wahr ist die Sieben-Grad-Lüge?

Bei 7 Grad plus ist Zeit für Reifenwechsel, behaupten Reifenhersteller seit Jahrzehnten. AUTO BILD hat das früh als Lüge enttarnt. Aber was gilt heute?
Bild: Dierk Möller / AUTO BILD
Es ist einer der hartnäckigsten Mythen rund ums Auto: Wenn die Bodentemperaturen dauerhaft unter sieben Grad Celsius fallen, sei es höchste Zeit, von Sommerreifen auf Winterreifen zu wechseln. Denn unter sieben Grad würden Sommerreifen so verhärten, dass sie unsicher werden. Das jedenfalls behaupten Reifenhersteller spätestens seit den 80er-Jahren.
Das Irre daran: Es gibt Dutzende Reifenmarken mit Hunderten Modellen für verschiedenste Zwecke, und die Gummimischungen haben sich dank neuer Techniken und Materialien über die Jahrzehnte radikal verändert. Und trotzdem behaupten immer noch Leute, die angebliche Sieben-Grad-Grenze stünde nach wie vor für alle Autoreifen still und starr, wo sie schon vor 40 Jahren stand. Wer soll das glauben?
Schon Ende der 80er-Jahre entlarvte AUTO BILD die Sieben-Grad-Grenze als Lüge: Bei unseren Winterreifentests testeten wir als Referenz immer auch einen Satz Sommerreifen im Vergleich. Ergebnis: "Auf trockenem Untergrund waren die Bremswerte von Sommerreifen besser als die von Winterreifen – selbst bei leichten Minustemperaturen!", sagt AUTO BILD-Reifentester Dierk Möller (66).

Dierk Möller testet seit Ende der 1980er-Jahre Reifen bei AUTO BILD.
Bild: AUTO BILD
Eine ganz genaue Grenze wurde bisher – jedenfalls in veröffentlichten Tests – nicht ermittelt. Sie würde sich ohnehin sehr unterscheiden, je nachdem, welcher Reifen getestet würde, ob auf trockener oder nasser Fahrbahn und ob es um Bremswerte und Traktion oder um Haftung in Kurven geht.
Wie unterscheiden sich Winterreifen und Sommerreifen?
Winterreifen haben Lamellen, also feine Einschnitte. Sie verbessern den Grip auf Schnee und Eis – verschlechtern ihn aber auf Asphalt.
Und: Sommerreifen haben härtere Gummi-Mischungen. Sie müssen auch bei 50, 60 Grad Celsius Asphalttemperatur noch straff und stabil sein. Winterreifen dagegen müssen auch bei minus 25 Grad noch geschmeidig sein.
Beides galt früher und gilt heute immer noch.
Heute ist die 7-Grad-Lüge wahrer als früher
Jetzt aber kommt die überraschende Wendung in der Sieben-Grad-Frage: Was damals grob falsch war, ist heute nicht mehr ganz so falsch!
"Heutige Hochgeschwindigkeitsreifen haben Gummimischungen, die Kälte schlechter vertragen", erklärt AUTO BILD-Reifentester Dierk Möller. Bei – grob über den Daumen – minus fünf Grad "verglast" die Lauffläche.
Bei zarten Minusgraden und auf trockener Fahrbahn bremsen Sommerreifen zwar immer noch besser als Winterreifen. Aber im Winterhalbjahr sind die Straßen überwiegend feucht: bei Regen, Eis und Schnee sowieso, aber auch morgens, wenn die meisten Autofahrer zur Arbeit aufbrechen und noch Tau auf der Fahrbahn ist. Und da sind heutige Winterreifen sicherer als heutige Sommerreifen.
Das hat zwei Gründe:
- Die meisten Reifen in den 80er-Jahren mussten nur Autos, die leer nicht mal 1,3 Tonnen wogen, mit maximal 190 km/h transportieren (Geschwindigkeitsindex T). Heute wiegen viele Autos 1,8 Tonnen oder mehr, müssen Traktion für stärkere Beschleunigung bieten und haben Reifen mit V-Index, also bis 240 km/h. Außerdem müssen die Reifen weniger Rollwiderstand bieten, schadstoffärmer und leiser sein. Da sind Kompromisse zugunsten der Wintertauglichkeit bei Nässe schwieriger.
- Seit dem 4. Dezember 2010 gilt in Deutschland die Winterreifenpflicht (siehe unten). Vorher verzichtete fast die Hälfte der deutschen Autobesitzer auf Winterreifen. Also bestellten Autohersteller bei den Reifenherstellern für die Erstausrüstung noch Sommerreifen, die auch bei Kälte nicht gleich gefährlich wurden. Mit der Winterreifenpflicht ist das überflüssig geworden.

Bei den Reifentests misst AUTO BILD unter anderem auch Bremswege auf nasser Fahrbahn.
Bild: Toni Bader / AUTO BILD
Ab wann soll man also Winterreifen aufziehen?
Bei welcher Witterung sollte man also auf Winterreifen wechseln, und wann sind Winterreifen Pflicht? Diese beiden Fragen kann man nur einzeln beantworten, denn es gibt in Deutschland keinen festgelegten Zeitraum, in dem allgemein eine Winterreifenpflicht besteht. Der Gesetzgeber schreibt Winterreifen nur bei winterlichen Straßenverhältnissen wie Glätte, Schnee, Schneematsch oder Eis vor ("situative Winterreifenpflicht").
Theoretisch könnte man im Winter demnach auch mit Sommerreifen fahren.
Das ist allerdings schon aus praktischen Gründen keine gute Idee. Denn wenn man vom Wintereinbruch überrascht wird, lässt sich der Reifenwechsel meist gar nicht mehr unmittelbar vornehmen – wenn man zu Hause ist und die Reifen selbst wechselt, dann schon. Aber wenn man weiter weg ist oder den Wechsel der Werkstatt überlässt, hat man ein Problem.
Was taugt die alte Faustregel "von O bis O"?
Eine Faustregel, die auch von Reifenherstellern empfohlen wird, lautet "von O bis O" – von Oktober bis Ostern sei die richtige Zeit für Winterreifen. Genauer ist es jedoch, sich nach der Temperatur zu richten. Der Zeitpunkt kann sich sehr unterscheiden, je nachdem, ob man am Niederrhein oder in Oberwiesenthal lebt.
Die vergangenen Jahre haben gezeigt: In vielen Regionen Deutschlands liegt die Durchschnittstemperatur in den ersten Oktoberwochen oft noch über zehn Grad Celsius – noch zu warm für Winterreifen. Bei höheren Temperaturen mit Winterreifen zu fahren, erhöht den Spritverbrauch und kann das Fahrverhalten des Autos negativ beeinflussen. Deswegen sollte man auf Winterreifen im Sommer grundsätzlich verzichten.
Dennoch ist die Faustregel "von O bis O" eine gute Orientierungshilfe. Denn spätestens Anfang Oktober sollten alle, die die Räder nicht selbst wechseln, sich schon mal um einen Termin in der Werkstatt bemühen. Sobald die Temperaturen sinken, sind die Terminbücher schnell voll. (Unsere aktuellen Winterreifen-Tests finden Sie hier!)
Winterreifenpflicht: 88,50 Euro Bußgeld plus einen Punkt in Flensburg
Darüber hinaus ist das Fahren mit Sommerreifen bei "winterlichen Bedingungen" verboten. Die Straßenverkehrsordnung (StVO) definiert diese Wetterverhältnisse so: "Der Führer eines Kraftfahrzeuges darf dies bei Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eisglätte oder Reifglätte nur fahren, wenn alle Räder mit Reifen ausgerüstet sind, die ... den Anforderungen des § 36 Absatz 4 der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO) genügen" (StVO § 2, Absatz 3a). Wer bei Winterwetter mit Sommerreifen erwischt wird, gefährdet nicht nur sich selbst und andere, sondern riskiert auch eine Strafe. Das Bußgeld liegt bei mindestens 88,50 Euro plus einem Punkt in Flensburg. Wenn jemand behindert oder gefährdet wird oder sogar ein Unfall passiert, kann das Bußgeld bis auf 148,50 Euro steigen.

Ein neuer Winterreifen muss seit 1. Januar 2018 das Alpine-Symbol (Schneeflocke) tragen.
Bild: Hersteller
Auch wenn die Winterreifenpflicht vom Wetter abhängig ist, ist es ratsam, die Sommerreifen zu wechseln, sobald die Temperaturen sinken. Schnee kommt schließlich oft überraschend über Nacht – und wenn die Reifen dann nicht gewechselt sind, schaut man am nächsten Morgen in die Röhre.
FAQ Winterreifen
Gibt es in Deutschland eine generelle Winterreifenpflicht?
Es gibt keine allgemeine Winterreifenpflicht – aber eine "situative Winterreifenpflicht". Ob Winterreifen Pflicht sind, ist vom Wetter abhängig. Wer bei Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eis- oder Reifglätte mit den falschen Reifen fährt, riskiert eine Strafe.
Woran erkenne ich einen Winterreifen?
Es gibt zwei Symbole, die einen Winterreifen kennzeichnen: Der M+S-Schriftzug (steht für Matsch und Schnee) und das Alpine-Symbol (Berg mit Schneeflocke). Für seit 1. Januar 2018 produzierte Winter- oder Allwetterreifen ist das Schneeflocken-Zeichen Pflicht. Die Übergangsphase für ältere Winterreifen lief im September 2024 aus. Ab 1. Oktober 2024 dürfen nur noch Reifen mit Alpine-Symbol (Schneeflocke auf Bergpiktogramm) bei winterlichen Bedingungen zugelassen werden. Reifen mit nur M + S-Kennzeichnung verlieren ihre „Winterreifen“-Anerkennung bei solchen Bedingungen. Wieso überhaupt Winterreifen?
Die speziell für den Einsatz im Winter entwickelte Gummimischung bleibt auch bei niedrigen Temperaturen flexibel, gleichzeitig erzeugen zahlreiche, speziell konzipierte Lamellen Angriffkanten. Damit können sich die Reifen besser in Schnee und Matsch krallen, haben eine besonders gute Zugkraft, einen kürzeren Bremsweg und bieten somit mehr Sicherheit. Breite, umlaufende Drainagerillen in der Lauffläche leiten Wasser und Schneematsch besonders gut ab und fördern damit den intensiven Bodenkontakt in der Aufstandsflächen. Gibt es Versicherungsprobleme bei einem Unfall mit falscher Bereifung?
Bei grober Fahrlässigkeit droht dem Autofahrer laut ADAC bei einer Regulierung des Schadens mit der Haftpflichtversicherung der Gegenseite eine Mithaftung. Außerdem müsse man mit erheblichen Leistungskürzungen der Kaskoversicherung rechnen. Wann müssen zusätzlich Schneeketten montiert werden?
Im Tiefschnee kommen auch Winterreifen an ihre Leistungsgrenzen. Wer also auf die Almhütte zum Skilaufen geht, sollte sich vorher über die Schneekettenpflicht im Urlaubsland informieren und die Schneeketten nicht vergessen. In einigen Skigebieten sind Schneeketten vorgeschrieben, entsprechende Straßenbeschilderung weist jeweils darauf hin. Vorsicht vorm Kauf von Winterreifen: Erst in der Bedienungsanleitung des Autos lesen, bis zu welcher Rad- und Reifengröße Schneeketten zugelassen sind. Wie schnell kann man mit Winterreifen fahren?
Wie bei Sommerreifen gibt es auch bei den Winterreifen einen Geschwindigkeitsindex. Die Schlüsselzahl hierfür steht bei der Reifengröße: Q bedeutet maximal 160 km/h, T – 190 km/h, H – 210 km/h und V – 240 km/h. Und nicht vergessen: Die Fahrphysik wird auch durch Winterreifen nicht außer Kraft gesetzt – natürlich kann man auf Schnee niemals so schnell fahren, wie es der Reifen auf trockener Straße maximal erlaubt. Wie viel Profiltiefe muss ein Winterreifen mindestens haben?
Vorgeschrieben für Sommer- und Winterreifen sind lediglich 1,6 mm. Das ist viel zu wenig. AUTO BILD-Tester Dierk Möller: "Wenn der Reifen weniger als drei bis vier Millimeter Profil hat, sollte er ersetzt werden." Das Fahr- und Bremsverhalten auf Schnee und bei Nässe ist ab dieser Profiltiefe nicht mehr sicher genug. Wie finde ich heraus, welche Reifengröße ich kaufen muss?
Das steht in den Papieren. Im alten Fahrzeugschein finden Sie die Reifenangaben unter den Ziffern 20, 21, 22 und 23. Haben Sie Ihr Auto nach dem 1. Oktober 2005 an- oder umgemeldet, finden Sie die Zahlen in der Zulassungsbescheinigung Teil I unter 15.1 bis 15.3. In den neuen Papieren stehen aber nicht mehr alle freigegebenen Größen, diese Infos hat der Händler.
FAQ Winterreifen
Gibt es in Deutschland eine generelle Winterreifenpflicht?
Es gibt keine allgemeine Winterreifenpflicht – aber eine "situative Winterreifenpflicht". Ob Winterreifen Pflicht sind, ist vom Wetter abhängig. Wer bei Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eis- oder Reifglätte mit den falschen Reifen fährt, riskiert eine Strafe.
Woran erkenne ich einen Winterreifen?
Es gibt zwei Symbole, die einen Winterreifen kennzeichnen: Der M+S-Schriftzug (steht für Matsch und Schnee) und das Alpine-Symbol (Berg mit Schneeflocke). Für seit 1. Januar 2018 produzierte Winter- oder Allwetterreifen ist das Schneeflocken-Zeichen Pflicht. Die Übergangsphase für ältere Winterreifen lief im September 2024 aus. Ab 1. Oktober 2024 dürfen nur noch Reifen mit Alpine-Symbol (Schneeflocke auf Bergpiktogramm) bei winterlichen Bedingungen zugelassen werden. Reifen mit nur M + S-Kennzeichnung verlieren ihre „Winterreifen“-Anerkennung bei solchen Bedingungen.
Wieso überhaupt Winterreifen?
Die speziell für den Einsatz im Winter entwickelte Gummimischung bleibt auch bei niedrigen Temperaturen flexibel, gleichzeitig erzeugen zahlreiche, speziell konzipierte Lamellen Angriffkanten. Damit können sich die Reifen besser in Schnee und Matsch krallen, haben eine besonders gute Zugkraft, einen kürzeren Bremsweg und bieten somit mehr Sicherheit. Breite, umlaufende Drainagerillen in der Lauffläche leiten Wasser und Schneematsch besonders gut ab und fördern damit den intensiven Bodenkontakt in der Aufstandsflächen.
Gibt es Versicherungsprobleme bei einem Unfall mit falscher Bereifung?
Bei grober Fahrlässigkeit droht dem Autofahrer laut ADAC bei einer Regulierung des Schadens mit der Haftpflichtversicherung der Gegenseite eine Mithaftung. Außerdem müsse man mit erheblichen Leistungskürzungen der Kaskoversicherung rechnen.
Wann müssen zusätzlich Schneeketten montiert werden?
Im Tiefschnee kommen auch Winterreifen an ihre Leistungsgrenzen. Wer also auf die Almhütte zum Skilaufen geht, sollte sich vorher über die Schneekettenpflicht im Urlaubsland informieren und die Schneeketten nicht vergessen. In einigen Skigebieten sind Schneeketten vorgeschrieben, entsprechende Straßenbeschilderung weist jeweils darauf hin. Vorsicht vorm Kauf von Winterreifen: Erst in der Bedienungsanleitung des Autos lesen, bis zu welcher Rad- und Reifengröße Schneeketten zugelassen sind.
Wie schnell kann man mit Winterreifen fahren?
Wie bei Sommerreifen gibt es auch bei den Winterreifen einen Geschwindigkeitsindex. Die Schlüsselzahl hierfür steht bei der Reifengröße: Q bedeutet maximal 160 km/h, T – 190 km/h, H – 210 km/h und V – 240 km/h. Und nicht vergessen: Die Fahrphysik wird auch durch Winterreifen nicht außer Kraft gesetzt – natürlich kann man auf Schnee niemals so schnell fahren, wie es der Reifen auf trockener Straße maximal erlaubt.
Wie viel Profiltiefe muss ein Winterreifen mindestens haben?
Vorgeschrieben für Sommer- und Winterreifen sind lediglich 1,6 mm. Das ist viel zu wenig. AUTO BILD-Tester Dierk Möller: "Wenn der Reifen weniger als drei bis vier Millimeter Profil hat, sollte er ersetzt werden." Das Fahr- und Bremsverhalten auf Schnee und bei Nässe ist ab dieser Profiltiefe nicht mehr sicher genug.
Wie finde ich heraus, welche Reifengröße ich kaufen muss?
Das steht in den Papieren. Im alten Fahrzeugschein finden Sie die Reifenangaben unter den Ziffern 20, 21, 22 und 23. Haben Sie Ihr Auto nach dem 1. Oktober 2005 an- oder umgemeldet, finden Sie die Zahlen in der Zulassungsbescheinigung Teil I unter 15.1 bis 15.3. In den neuen Papieren stehen aber nicht mehr alle freigegebenen Größen, diese Infos hat der Händler.
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