Vor kurzem haben wir uns die Audi-Sport-Manufaktur Böllinger Höfe näher angeschaut. Dieses Mal blicken wir hinter die Kulissen eines Traditionsunternehmens, das als einfacher Tuner angefangen hat – und über die Jahrzehnte zu einem der renommiertesten Luxus-Hersteller der Welt geworden ist: Alpina.
Offiziell beginnt die Geschichte Anfang 1965, doch Gründer Burkard Bovensiepen tüftelt schon früher an Motor-Tuningsätzen. Von Beginn an das wichtigste Kriterium: Qualität. Halten muss das Zeug.
Was es bedeutet, wenn dem nicht so ist, muss der Auto-Enthusiast früh am eigenen Leib erfahren, als sein von der Firma Nardi leistungsoptimierter Fiat 1500 bereits auf der Rückfahrt vom Tuner aus Italien die Grätsche macht.
Bovensiepen folgt dem Prinzip, das etwa zur gleichen Zeit auch Ferruccio Lamborghini nachgesagt wird: Wenn das nicht gefällt, was es auf dem Markt gibt, macht man es eben einfach selbst besser.
Alpina Werksbesuch
Drei Stahlschränke voller selbstklebender Motorsport-Historie. Die Sticker sind größtenteils aus den frühen 80ern.

Das erste Projekt ist eine Mehrfachvergaseranlage für den damals neuen BMW 1500. Hintergrund: Viele 1500er-Kunden der ersten Stunde sind verärgert, als BMW kurze Zeit später die deutlich leistungsstärkeren Modelle 1600 und 1800 auf den Markt bringt.
Was tun? Gleich wieder ein neues Auto kaufen? Bovensiepen hat eine bessere Lösung. Sein System steigert die Leistung des 1,5-Liter-Vierzylinders auf 90 PS – für 980 DM inklusive Einbau. Und da der Umbausatz von guter Qualität ist, gibt BMW seinen Segen.

1983 wird Alpina zum eingetragenen Hersteller

Kurz darauf macht sich Alpina im Motorsport einen Namen, gewinnt 1970 das 24-Stunden-Rennen von Spa, drei Jahre später die Tourenwagen-Europameisterschaft. Ende der 70er-Jahre wird der Fokus schließlich auf eigene Fahrzeugmodelle für den Endkunden gelegt.

Der logische Schritt folgt 1983: Alpina wird zum eingetragenen Hersteller. Der Rest ist Geschichte.
Heute entstehen in Buchloe rund 2000 Fahrzeuge pro Jahr – die magische Marke wurde im vergangenen Jahr erstmals übertroffen. Vor einigen Monaten dann die überraschende Nachricht: BMW kauft die Markenrechte an Alpina, wird neue Modelle ab 2026 komplett im Haus produzieren. (Alpina B4 Gran Coupé - Lässig, leise, temporeich: der besonders besondere BMW)
Alpina Werksbesuch
Einst arbeiteten hier zehn Leute an den Motorinnereien. Heute ist die Instandhaltung Hauptgeschäft.

Bis dahin schauen wir uns erst mal in den Hallen in Buchloe um: Diese liegen mehr in einem Wohn- als Industriegebiet und wurden über die Jahre deutlich erweitert. Werkstätten, Bürogebäude, Entwicklungszentrum und natürlich der große Glasbau als repräsentative Verkaufsfläche.
Wir starten im historischen Trakt. Dort, wo alles begann – wo die Umbauten per Hand gedengelt wurden, Gussteile nachbearbeitet werden und heute noch Drehbänke aus 1965 stehen. Alpina arbeitet auch heute noch teils wie vor 40 Jahren.

Keine robotergestützte Fertigungsstraße

Warum auch nicht? Wer in Kleinserie individuell anpassen muss, braucht keine robotergestützte Fertigungsstraße. Ein Auto braucht eine Halterung fürs Auspuffsystem? Kein Problem. Ein Zylinderkopf eines historischen Modells braucht Überarbeitung?
Nichts leichter als das: Schließlich macht der Kollege an dieser Station seit Ewigkeiten nichts anderes; kennt seine Materie wie die sprichwörtliche Westentasche. Und an der Wand hängen Bilder von E30 und Z1.
Alpina Werksbesuch
Von der ersten Laminierung bis zum Finish einer Schürze dauert es etwa drei Tage.

Früher arbeiteten hier zehn Mann, als das Geschäft noch da-rin bestand, Leistung über die Optimierung derartiger Bauteile zu generieren. Heute kommen die Motoren direkt vom Werk, sind deren Innereien so präzise gefertigt, dass sich nicht mehr viel herausholen lässt.
Bis 2010 hat Alpina hier rund 20000 Motoren gebaut. Dieser Motorenbau war es dann auch, der Alpinas Schritt zum Hersteller bedingte. Zu stark wurden die Triebwerke, um sie einfach in Serienkarosserien einzubauen. Bessere Fahrwerke und stärkere Bremsen wurden nötig. Der Schritt zum Komplettfahrzeug war also logisch.

Auffällig sauber

Was auffällt: Die Gerätschaften, die Fliesen, das ganze Ambiente sind eine Zeitreise in die 1970er- und 1980er-Jahre, aber sauber ist es hier – auffällig sauber. Darauf habe der Seniorchef schon immer Wert gelegt, sagt PR-Expertin
Angelika Jörg-Kane, die selbst seit Jahrzehnten bei Alpina arbeitet. Die vielen langjährigen Mitarbeiter können Geschichten erzählen aus Zeiten, als noch Ikonen wie Derek Bell, Niki Lauda oder Dieter Quester für Alpina fuhren. Doch Alpina bildet auch aus – die alten Hasen geben ihre Erfahrung an die nächste Generation weiter.
Alpina Werksbesuch
Jedes Lenkrad wird in sechseinhalb Stunden Handarbeit zusammengenäht.

Komplett vor Ort gemacht wird bis heute die Veredelung der Interieurs. Lange bevor die großen Hersteller selbst begannen,  mit ihren hochpreisigen Individual-Abteilungen die Fahrzeuge dem Geschmack des Käufers anzupassen, war das bereits eine Kernkompetenz von Alpina. Es gibt kaum eine Lederfarbe, Kontrastnaht oder Kombination, die nicht umsetzbar wäre.
Ein Kunde aus Japan hatte sich einst seinen Innenraum aus sieben unterschiedlichen Farben zusammengestellt. Ob es gefällt oder nicht – in Handarbeit ist das alles machbar. Wer es besonders edel will, wählt Alpinas Lavalina-Leder.

Besonderes Augenmerk aufs Lenkrad

Ein pflanzlich gegerbtes Material höchster Güte,  das per CNC-Technik präzise zugeschnitten wird. Minimale Lederdicke: 0,3 Millimeter. Damit sind selbst feinste Details machbar. Ein Kunde wollte sogar die Lüftungsschlitze der Düsen beledert haben.
Besonderes Augenmerk legt Alpina auf die Lenkräder, schließlich hat der Fahrer dieses ja ständig in der Hand. Sechseinhalb Stunden dauert es insgesamt, bis eines fertig ist. "In jedes Lenkrad nähe ich einen kleinen Schutzengel ein", sagt Isolde Klöck, die mit ihrer Fingerfertigkeit und Erfahrung jedes Lenkrad zum kleinen Kunstwerk formt.
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Ein kurzer Abschiedsplausch, dann machen wir uns mit dem XD4 von dannen. Die Zukunft? Für Alpina sorgenfrei.

In einer kompletten Innenausstattung stecken zwischen 90 und 120 Arbeitsstunden, je nach Fahrzeuggröße und Aufwand. Das höchste Ziel ist die Langlebigkeit der Materialien. Und hier profitiert Alpina von jahrzehntelanger Erfahrung. Am Ende steht die Qualitätskontrolle, bei der jedes einzelne sichtbare Teil noch mal gesondert unter die Lupe genommen wird.
Hier werden auch die Alpina-spezifischen Teile wie Felgen oder Dämpfer nochmals getestet. Erstere auf runden Lauf, bei den Dämpfern wird stichprobenweise die Kennlinie geprüft. Anfangs kamen die Basisautos von BMW übrigens als Komplettfahrzeuge an.
In Buchloe wurden dann die optimierungswürdigen Teile entfernt und das meiste davon entsorgt. Nur Verschleißteile wie Stoßdämpfer oder Abgasanlagen wurden aufgehoben. Irgendwann bestellte man die Autos dann ohne Beifahrersitz – dafür gab es von BMW eine kleine Gutschrift.

Sämtliche Anbauteile in der hauseigenen Werkstatt gefertigt

Nach und nach wurden mehr Teile "wegverhandelt". So weit, bis Autos nun teils als komplett gestrippte Karosse bei Alpina ankommen.
Sämtliche Anbauteile bestehen aus Glasfaser und werden in der hauseigenen Werkstatt gefertigt. Dabei sind die Formen aller je gebauten Modelle nach wie vor vorhanden, und Schürzen können auf Bedarf nachgefertigt werden.
2008 hat Alpina noch einmal groß in die Entwicklungsabteilung  investiert und ein neues Testzentrum mit fünf Motorenprüfständen gebaut. Dazu kommt ein Abgas-Prüfstand, auf dem hausintern selbst die aktuellen WLTP-Zyklen durchlaufen werden können.
Wird ein Motor von Alpina angefasst und erfährt Überarbeitungen, etwa an Kolben, Lagern oder Abgasanlage, kann hier ein komplettes Testszenario bis hin zum Dauerlauf abgespult werden. Dazu gesellen sich externe Entwicklungsaufträge als weiteres Geschäftsfeld. Künftig noch wichtiger als bisher.
In der Endfertigung werden die Veredelungen schließlich montiert. Rad-Reifen-Kombinationen, Anbauteile und natürlich auch die charakteristischen Zierstreifen, die mit einer Hilfslinie präzise per Hand geklebt werden. Dann sind die individualisierten Schätze bereit für die Auslieferung oder Abholung.
Die Kunden können auf Wunsch ihren Alpina direkt im Werk in Empfang nehmen und sich selbst ein Bild davon machen, wie hier mit viel Leidenschaft und Liebe fürs Detail einzigartige Autos entstehen – ein bisschen so, wie wir das auch getan haben.
Denn Firmenchef Andreas Bovensiepen, der heute mit seinem Bruder Florian Alpina leitet, hat uns bei dieser Gelegenheit gleich die Schlüssel zu unserem neuen XD4-Langzeittestwagen in die Hand gedrückt.
Den Auftaktbericht haben Sie bereits im letzten Heft gelesen, künftig werden wir regelmäßig berichten, wie sich das 394 PS starke Diesel-SUV im Alltag schlägt.

Fazit

Alpina macht viele Dinge anders – manches aus reiner Notwendigkeit, anderes aus Überzeugung. Heraus kommen einzigartige Nobelkarossen, denen man die Liebe zum Detail ansieht. Nach diesem Einblick noch viel mehr.