Man kann ihn so oder so genießen: als schnellen Reisewagen für die lange Distanz, als Lastesel mit enorm viel Platz für den Einkauf oder Möbeltransport oder einfach mal zum Spaß an der Leistung und dem souveränen Gefühl, mit 650 Newtonmeter Drehmoment auch mal den Respekt von leistungsstärkeren Benzinern einzufordern. Gut, wie ein typischer Sportwagen sieht der Audi A6 Avant nicht gerade aus; aber was unter der Haube steckt, kann sich sehen und hören lassen. Doch der Reihe nach. Kurz vor Weihnachten, am 20. Dezember 2016, startet der blaue Riese in den Dauertest über 100.000 Kilometer. Monate zuvor durften wir unser Wunschauto konfigurieren: Von A wie Assistenzpaket über L wie Luftfederung bis U wie Umgebungskameras fanden über zwei Dutzend Extras aus der umfangreichen Ausstattungsliste Einzug in das 70.550 Euro teure Serienfahrzeug und hievten den Gesamtpreis auf stolze 101.790 Euro. Eine Stange Geld, auch wenn da für 326 PS und ein beeindruckendes Drehmomentmaximum von 650 Newtonmetern auf der Habenseite stehen. Über die Fahrleistungen des blauen Bombers (so lautete der redaktionsinterne Spitzname des Dauertesters) gibt es wenig zu diskutieren. Eine ansehnliche Beschleunigung von null auf 100 km/h in 5,2 Sekunden, aber vor allem der unaufgeregte, doch überaus nachdrückliche Schub in Zwischenspurts findet immer wieder Beifall.

An der A-Säule entstehen zunächst nervige Windgeräusche

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Video: Autos im Dauertest (2018)

Top 10 der Dauerläufer

Getreu dem Motto "Viel hilft viel" beginnen die ersten Testfahrten, und die ersten Kommentare finden sich im Dauertestbegleitbuch: "Ein schöner Langstreckengleiter mit ausreichend Leistung, aber starken Windgeräuschen ab Tacho 230 an der rechten A-Säule", konstatiert ein Kollege bei km 6403; und Redakteur Torge Eßer bekräftigt wenige Kilometer später: "Nervige Windgeräusche von der A-Säule gehen bei einem Auto dieser Preisklasse gar nicht!" Audi reagiert und kann dieses Problem eliminieren. Hohe Reisegeschwindigkeiten gehören also zum Alltag des A6. Die grundsätzliche Auslegung als eher komfortabler Reisebegleiter wird von allen Fahrern goutiert. Zwar suggerieren das Competition-Paket, Sportdifferenzial und -sitze sowie die aufpreispflichtige Dynamiklenkung und diverse andere Details ein anderes Bild, doch für die Rennstrecke ist der Dauertester tatsächlich kein Kandidat. Vier fixe Fahrprogramme lassen sich über das MMI-Bediensystem wählen, wobei die meisten Kilometer wohl in den Modi "comfort" und "auto" abgespult werden. In Stellung Comfort spielt die adaptive Luftfederung ihre ganze Stärke aus, trägt die Fahrzeuginsassen sanft und geräuscharm über Bodenwellen, Querfugen und Kanaldeckel hinweg, ohne dass der A6 schwammig und entkoppelt wirkt. Im Auto-Modus senkt sich die Karosserie ab Tempo 120 zu dem um 30 Millimeter ab. Auf sehr kurvigen und schnell gefahrenen Autobahnabschnitten wie etwa den Kasseler Bergen empfiehlt sich der Dynamic-Modus, der Lenkung und Federung straffer stellt und stärkere Wankbewegungen effektiv unterdrückt.

Der Komfort an Bord lässt keine Wünsche offen

Audi A6 Avant 3.0 TDI quattro
Das Interieur ist von höchster Qualität und glänzte nach 18 Monaten wie am ersten Tag. Die Bedienung des MMI funktionierte tadellos.
Den Spieltrieb des Fahrers unterstützt Audi mit dem Individual-Modus, in welchem sich die einzelnen Parameter individuell konfigurieren lassen. Wobei die Option, den Sound von Motor und Abgasanlage künstlich in Richtung "sportlich" zu trimmen, wegen der aufdringlichen Geräuschkulisse im Innenraum eher selten genutzt wird. Gewünscht hätten wir uns vielmehr eine wirklich sportliche Auslegung des Luftfahrwerks im Dynamik Modus. Wunschlos glücklich und zufrieden sind wir mit dem gebotenen Komfort an Bord. Sitze, Übersicht, Raumangebot – alles top. Die Verarbeitung hochwertiger Materialien zelebriert Audi schon seit Jahren auf allerhöchstem Niveau – nicht nur in dieser Baureihe. Klar, Qualität hat ihren Preis, die sich am Ende aber auszahlt: So wie dieser Testwagen glänzte noch kaum ein Dauertester nach 100.000 Kilometern harter Beanspruchung. Professionell aufbereitet wirkt der A6 bei Rückgabe fast wie neu.

Die Kraftstoffkosten belasten das Redaktionsbudget

Audi A6 Avant 3.0 TDI quattro
Über die gesamte Testdistanz schluckt der V6-TDI schließlich 9,9 Liter – nicht wenig, selbst bei überwiegend zügiger Fahrweise.
Weniger glanzvoll verhält es sich mit den Kosten. Zum teuren Anschaffungspreis gesellen sich hohe Kaskoklassen mit entsprechenden Versicherungsprämien. Das Redaktionsbudget wird vor allem durch die Kraftstoffkosten belastet. Notieren wir bei unserem Auftaktbericht noch einen Alltagsverbrauch von knapp neun Liter Diesel, ergibt unsere Verbrauchsrunde bereits 9,8 Liter. Über die gesamte Testdistanz schluckt der V6-TDI schließlich 9,9 Liter – nicht wenig, selbst bei überwiegend zügiger Fahrweise. Zum Vergleich: Ein deutlich stärkerer BMW M 550d (400 PS) läuft bei uns im Dauertest mit 8,5 Liter Durchschnittsverbrauch. Doch nicht nur der Treibstoffkonsum schlägt zu Buche. Der Ölverbrauch bleibt zwar innerhalb der Toleranz, liegt mit insgesamt 5,1 Litern aber leicht über dem Mittelwert unserer Dauertestflotte. Zudem haben wir zwischen den regulären Wartungs- und Inspektionsterminen zusätzliche 19,4 Liter AdBlue-Harnstofflösung nachgefüllt, damit die Stickstoffreduktion funktioniert. Vielfahrer dürften sich zudem an der engen Taktung der Wartungstermine stören. Einfluss auf den Fahrspaß hat das aber nicht. Leistungs- und Drehmomentpotenzial, Allradantrieb und diverse Assistenzsysteme sorgen zu jeder Jahreszeit für sichere und stressfreie Fahrt. Allenfalls die nachlassende Traktion der Bridgestone-Sommerreifen bei schwindendem Profil erfordert auf regennasser Fahrbahn erhöhte Aufmerksamkeit.
Extrabesuche in der Werkstatt sind einem Fühler am Sportdifferenzial geschuldet, der eine einmalige Fehlermeldung produzierte, sowie einer defekten Sensorik für den automatischen Abstandstempomaten (jeweils von der Garantie abgedeckt). Ansonsten arbeiten die Assistenzsysteme (Spurhalter, Notbremsassistent, Totwinkelwarner) absolut einwandfrei. In Sachen Multimedia gefällt das Soundsystem von Bang & Olufsen; für die exakt 6000 Euro Aufpreis gibt es aber auch schon einen passablen Gebrauchtwagen. Dezente Kritik musste sich das angestaubt wirkende Navigationssystem gefallen lassen. Das hat Audi mit der neuen Generation des A6 aber auf ein technisch anspruchsvolleres Niveau gehoben.

Bildergalerie

Audi A6 Avant 3.0 TDI quattro im Dauertest
Audi A6 Avant 3.0 TDI quattro im Dauertest
Audi A6 Avant 3.0 TDI quattro im Dauertest
Kamera
Audi A6 Avant 3.0 TDI quattro im Dauertest
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Wir fragen, Audi nimmt Stellung

Bei höheren Geschwindigkeiten (ab 220 km/h) traten an der A-Säule bzw. am Fensterrahmen vorn rechts Windgeräusche auf – häufiger bei kühler Witterung. Worin liegt die Ursache?

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Dieses Phänomen ist uns von Einzelfällen bekannt. Ab Herbst 2017 (KW 42/17) haben wir in der Fertigung die Feineinstellung der Türen optimiert. Dadurch schließen diese besser, was sich gerade im höheren Geschwindigkeitsbereich positiv bemerkbar macht. Ab diesem Zeitpunkt kennen wir keine Beschwerden mehr. In den wenigen Fällen einer derartigen Beanstandung stellen wir die Tür mit entsprechend höherer Vorspannung ein.

Ist der 3,0-Liter-V6-TDI ebenfalls von einem Rückruf wegen einer nicht erlaubten Abschaltvorrichtung betroffen? Welche Maßnahmen ergreift Audi, um den Motor den neuesten Abgasnormen anzupassen?

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Zu diesem Modell und seinem technischen Stand gibt es keinen behördlich angeordneten Rückruf. Dennoch werden wir im Rahmen eigener Rückrufe und freiwilliger Servicemaßnahmen das Motorsteuergerät auf einen neuen Softwarestand bringen. Im Sinne einer hohen Umsetzungsrate wird dieses Update wie ein echter Rückruf behandelt. Durch das Software-Update wird etwa die Warmlaufstrategie der Abgasnachbehandlung optimiert und die Emissionen im Realbetrieb reduziert. Diese Maßnahmen haben keine Auswirkungen auf Performance oder Verbrauch. Wir setzen hier die Erkenntnisse aus der laufenden Qualitätsbeobachtung im Feld und aus der Analyse der Motorsteuerungssoftware unserer Dieselmotoren und im Rahmen des Dieselgipfels um.

Im zeitlich gestrafften Dauertestbetrieb fiel auf, dass Inspektion und Ölwechsel mitunter nahe beieinander liegen. Ist hier nicht eine kundenfreundlichere Lösung denkbar?

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Die Wartungsintervalle richten sich nach der Laufleistung und Beanspruchung des Fahrzeugs.Wir haben die Wartungsintervalle verbraucherfreundlich ausgelegt, und diese passen im Durchschnitt auch sehr gut. Sollten sich im Kundenbetrieb jedoch enge Abstände zwischen Ölwechsel und Inspektion ergeben, kann der Kunde natürlich jederzeit entscheiden, eine Maßnahme vorzuziehen. Sein Audi-Servicepartner wird ihn sicher auch entsprechend beraten.

In bestimmten Fahrsituationen (z. B. beim erneuten Gasgeben nach Schubbetrieb) reagierte das Wandlergetriebe träge. Gibt es eine Erklärung bzw. Abhilfe?

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Die Steuerung unseres Wandlerautomatikgetriebes Tiptronic ist lernfähig, sie stellt sich also auf die Fahrweise des Fahrers ein. Bei den sehr vielen unterschiedlichen Fahrertypen und Fahrprofilen, wie es sie gerade im Redaktionsbetrieb gibt, sind solche Eindrücke also durchaus normal und geradezu zu erwarten. Aus dem Feld kennen wir diese Beanstandung nicht. Wenn sich die Kunden kurzfristig mehr Spontaneität wünschen, empfehlen wir, in den Sportmodus des Getriebes zu wechseln.

Schon bei 14.500 km kam vom Drehzahlfühler am Sportdifferenzial eine Fehlermeldung …

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Wir vermuten hier einen Belag auf der Steckverbindung. Nach dem Tausch des Sensors gab es keine Beanstandung mehr.


Fazit

von

Michael Iggena
Für gut 100.000 Euro kann man einiges erwarten – und wird nicht enttäuscht. Die Fahrleistungen dieses A6 genügen sportlicheren Ansprüchen, Fahrwerk und Getriebeabstimmung könnten jedoch in einzelnen Fahrmodi ein noch geschärfteres Profil vertragen. Wer so viel Geld in ein Auto investiert, sollte sich auch stets der überdurchschnittlichen Betriebskosten bewusst sein – das gilt auch oder gerade beim Erwerb als Gebrauchtwagen. Vor größeren Überraschungen ist man gefeit, hier tragen die Materialgüte und Verarbeitung Früchte. So überwiegen am Ende die positiven Eindrücke – und die Neugier auf den Nachfolger steigt.

Von

Michael Iggena