"Wo sehen Sie sich hier bei uns?" Fragt der Chef so etwas unter vier Augen, hat das oft nichts Gutes zu bedeuten. Meist leitet ein Boss damit die Ansage ein: Sie arbeiten zu langsam, zu schlecht, andere sind kreativer. Volvo scheint keine Angst vor so einer Positionsabfrage zu haben, jedenfalls sehen sich die Schweden mit ihrem neuen V90 ganz eindeutig in der Premiumabteilung. Ob so viel Selbstvertrauen etwas Gutes bedeutet? Für die Antwort müssen wir nicht im Kaffeesatz herumstochern – wir holen direkt einen wohlgedienten Kombi-Kollegen dazu und befragen beide.

Mit dem V90 sieht sich Volvo in der Premium-Liga

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Video: Volvo V90 vs Audi A6 Avant

Edel-Kombi-Duell

Unser Musterarbeitnehmer in dieser Liga: Audi A6 Avant. Ein fleißiger Edellaster in bester körperlicher Verfassung und mit feinsten Manieren. Im A6 3.0 TDI quattro S tronic mit 218 PS sehen wir den direkten Konkurrenten zum 235 PS starken V90 D5 AWD. Die beiden spielen somit in einer Leistungsliga, kommen außerdem je mit einer Automatik in die Gänge und verteilen ihre Kraft auf alle vier Räder. Kraft ist an dieser Stelle das richtige Stichwort. Der Audi holt seinen Diesel-Punch aus einem Dreiliter-Sechszylinder, Volvo muss einen 2.0-Vierzylinder ausquetschen – andere Maschinen sieht die Firma nicht vor. Macht nix, dafür kostet der Schwede doch weniger als der Prestigebomber aus Deutschland, oder? Nix da, im "Basispreis" liegt er glatt 3000 Euro darüber. Erst nach Betrachtung der Ausstattungsliste relativiert sich das etwas. Dennoch, auf dem Papier ist der Volvo erst einmal teurer. Schauen wir mal, ob sich dieser Unterschied auch herausfahren lässt.
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Der Sechszylinder-Diesel bringt den Audi weit nach vorne

Audi A6 Avant 3.0 TDI
Souverän motorisiert: Der drei Liter große V6-TDI schüttelt seine 218 PS lässig aus den Brennräumen.
Im V90 arbeitet der Vierzylinder passabel leise, doch nicht unmerklich. Unter Last flirrt es leicht im Schalthebel, oberhalb von 3000 Touren drängelt sich leises (und unpassendes) Pfeifen des Laders unter das Grundrauschen im Innenraum. Im Audi summt der V6 ganz sachte, schüttelt die Kraft enorm lässig heraus und zeigt sich auch unter Drehzahlen lebendiger, unbekümmerter. Der macht Spaß! Keine Frage: Beim Antrieb zeigt Audi, wie dieseln heutzutage geht. Gefühlt hat der 3.0er ungleich mehr Druck – obwohl Volvo viel Aufwand betreibt, die Turbo-Charakteristik zu glätten. Die harten 20-Zoll-Räder des V90 rumpeln gut hör- und leider auch stets spürbar über Querfugen und kleine Unebenheiten. Trotz kuschelweicher Federung durchzieht den Volvo deshalb immer wieder mal ein feines Beben. Unebenheiten im Asphalt arbeitet der A6 erwachsener ab. Außerdem arbeitet die Audi-Lenkung feinfühliger. Der Volvo-Fahrer tastet die elektrisch simulierte Mittellage ab wie ein Fahranfänger.
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Im Alltag ist man mit beiden Kombis gleich gut unterwegs

Volvo V90 D5 AWD    Audi A6 Avant 3.0 TDI
Auf Augenhöhe: Was den Alltagsnutzen angeht, sind sich Volvo V90 und Audi A6 Avant ebenbürtig.
So weit die Technik. Und wie fühlt sich der Fahrer sonst? Im Volvo zunächst etwas gestresst. Die Bedienung über den großen Berührbildschirm muss man "erlernen", zu viele Menüs verschachteln sich ineinander, bei starker Sonneneinstrahlung verschwimmen überblendete Piktogramme und fettige Fingerabdrücke zu einem verwaschenen Bild. Der Pilot sitzt gut, jedoch nicht perfekt wie im A6. Dessen Rückenlehne gibt sanfter nach, die Schultern kuscheln sich deshalb gut geführt an die Wangen. Hinten gibt es am Schweden nichts zu mäkeln. Der A6 schluckt zwar mehr Gepäck, im Alltag herrscht aber Gleichstand. Als hätten die beiden voneinander abgekupfert: breite Ladefläche, fast ebener Boden, schnelle Umklapp-Arie, Zusatzfach im Boden. Positionsbeschreibung: zwei ehrliche Kombis.

Fazit

Der stattliche Schwede macht an, der Fahrkomfort ist gut, die Sicherheitsausstattung erstklassig. Schade, dass der Motor in dieser Liga etwas gewöhnlich wirkt.