Es gibt Fotos, bei denen heute vermutlich jeder Autosammler Schnappatmung bekommen würde. Ayrton Senna in Jeans und Hemd, einen Gartenschlauch in der Hand und vor sich einen roten Honda NSX. Keine Luxus-Garage, keine Mechaniker mit Mikrofaser. Der dreimalige Formel-1-Weltmeister wäscht einfach sein Auto.
Gut 35 Jahre später dürfte man mit diesem Honda etwas vorsichtiger umgehen. Denn wenn RM Sotheby's den roten NSX am 31. Oktober in London versteigert, erwarten die Experten einen Preis zwischen 500.000 und 800.000 Pfund. Umgerechnet sind das grob 580.000 bis 930.000 Euro.
Ganz schön viel Geld für einen alten Honda, aber das hat seinen guten Grund. Denn der Mann mit dem Gartenschlauch hat mit diesem Auto nicht nur für ein Werbefoto posiert. Er ist damit gefahren. Zum Einkaufen vielleicht und sogar zur Arbeit. 1991 rollte Senna mit genau diesem NSX zum Großen Preis von Portugal in Estoril. Dort tauschte er den roten Honda gegen seinen rot-weißen McLaren, stellte den Formel-1-Renner auf Startplatz drei und fuhr im Rennen auf Rang zwei.

Honda schenkt Senna ein bisschen Alltag

Die Verbindung zwischen Senna und Honda ging damals ohnehin weit über einen Motor im Heck seines McLaren hinaus. Mit Honda-Power hatte der Brasilianer bereits zwei WM-Titel gewonnen, 1991 sollte der dritte folgen. Und weil man sich in Japan für solche Dienste offenbar nicht nur mit einem höflichen Nicken bedankte, stellte Honda seinem Superstar drei NSX für den privaten Gebrauch zur Verfügung.
Mit diesem Honda fuhr Ayrton Senna 1991 sogar zum Formel-1-Rennen in Estoril.
Bild: RM Sotheby’s
Zwei davon waren schwarz. Der dritte trug die Farbe "Formula Red", ein schwarzes Dach und die Fahrgestellnummer T000233.
Honda Automobil de Portugal importierte den Wagen, am 22. März 1991 bekam er das Kennzeichen "SX-25-59". Der NSX blieb in Lissabon und wurde Senna übergeben, wenn er nach Portugal kam. Das geschah regelmäßig, denn der Brasilianer hatte sich in Quinta do Lago an der Algarve ein Haus gekauft.
Und offenbar hatte er wenig Interesse daran, seinen Honda für spätere Generationen zu konservieren. Im Dokumentarfilm "Ayrton Senna: Racing Is in My Blood" lässt Senna die Kupplung kommen und die Hinterräder qualmen. Heute würde bei einem Auto mit dieser Geschichte vermutlich schon ein Steinschlag eine mittlere Lebenskrise unter Sammlern auslösen. Damals war es eben ein Sportwagen, der gefahren werden wollte.

Ein bisschen Senna steckt in jedem NSX

Dass ausgerechnet ein Honda zu den Straßenautos gehört, die man bis heute am stärksten mit Senna verbindet, hat noch einen weiteren Hintergrund. Der Brasilianer durfte den NSX nicht nur fahren, er half auch dabei, ihn besser zu machen.
Honda holte seinen Formel-1-Star während der Entwicklung als Testfahrer ins Auto. Senna fuhr den neuen Mittelmotor-Sportwagen am Limit und gab den Ingenieuren seine Einschätzung zum Fahrverhalten. Vor allem bei der Steifigkeit sah er noch Luft nach oben. Honda hörte zu und besserte nach. So steckt zumindest ein bisschen Senna in jedem frühen NSX.
Ayrton Senna wäscht seinen Honda NSX selbst. Heute wird genau dieses Auto für bis zu 930.000 Euro gehandelt.
Bild: RM Sotheby’s
Und der war Anfang der 90er ohnehin ein Exot. Honda baute zwar zuverlässige Kleinwagen und vernünftige Limousinen, wollte aber plötzlich Ferrari zeigen, wie Sportwagen gehen. Also gab es eine Aluminiumkarosserie, den Motor hinter den Sitzen, einen drehfreudigen V6 und dazu eine Alltagstauglichkeit, bei der italienische Exoten jener Jahre ziemlich alt aussahen.

Vom Gebrauchtwagen zur Reliquie

Nur ist dieser NSX aber eben längst kein normaler NSX mehr. Nach Sennas tödlichem Unfall in Imola 1994 begann für Chassis T000233 ein zweites Leben.
Im Februar 1995 wurde der Wagen laut den portugiesischen Unterlagen in Lissabon auf Laboa Etablissement zugelassen. Später befand er sich in der Obhut des Honda-Händlers Nipomotor, 2009 wechselte er zu einem Besitzer im portugiesischen Faro und 2013 schließlich zu Robert McFagan. Der brachte den Honda nach Großbritannien, wo er 2016 für den Straßenverkehr zugelassen wurde.
2019 führte die Reise noch einmal zurück nach Imola. 25 Jahre nach Sennas tödlichem Unfall kam sein alter NSX an jene Rennstrecke, die für immer mit seinem Namen verbunden bleiben wird. 2024 ging der Honda schließlich zurück nach Japan. Und nun kommt er wieder nach Europa.

Fast eine Million für einen alten Honda

Bleibt nur die Frage, wie viel Senna-Aufschlag die Sammler am 31. Oktober tatsächlich bezahlen. Bis zu 800.000 Pfund hält RM Sotheby's für möglich. Dafür bekommt man einen roten Honda aus dem Jahr 1991. Einen Sportwagen, dessen Nachfahren heute längst selbst Klassiker sind. Und ein Auto, das vermutlich nicht einmal annähernd so perfekt ist wie die hochglanzpolierten Luxuskarossen, zwischen denen es künftig stehen dürfte.
Aber vielleicht wäre Perfektion bei diesem NSX ohnehin ein Fehler. Denn die kleinen Spuren seines früheren Lebens erzählen davon, dass Ayrton Senna damit wirklich gefahren ist. Und dass er irgendwann in Jeans und Hemd vor dem Haus stand, den Gartenschlauch aufdrehte und seinen Honda wusch.