BMWs Autobahn-Assistent im Test
Freihändig im Fünfer

Nicht anfassen, nur gucken: Der Autobahn-Assistent im neuen BMW 5er lenkt allein und überholt auf Blickkontakt. Ein Selbstversuch.
Bild: Bernhard Limberger
Morgens um 11 auf der A 8 von München nach Ulm, ausnahmsweise ist nicht viel los. Jeder normale BMW-Fahrer würde deshalb jetzt – das Klischee lässt schön grüßen – den Blinker links setzen und mit Bleifuß nach Norden blasen. Erst recht, wenn er im neuen 5er sitzt, der wieder mal die dynamischste Limousine der Businessklasse sein soll.
Doch heute ist alles anders. Denn der neue 5er ist nun einmal auch das erste Auto, das BMW in Deutschland mit seinem erweiterten Autobahn-Assistenten ausrüstet. Wer bei den Verbrennern oder beim neuen i5 für 2000 Euro das Profi-Paket für Vielfahrer dazu bestellt, der kann fortan auf der Langstrecke dauerhaft die Hände in den Schoß legen. Klar, die automatische Regelung von Spurführung, Abstand und Tempo ist nicht neu und funktioniert mittlerweile sogar bis hinunter in die Kompaktklasse. Doch wo sonst überall nach ein paar Sekunden Abstinenz die Alarmglocken läuten, fährt man im 5er nun mit einer Sondergenehmigung der deutschen Behörden bis Tempo 130 erstmals dauerhaft freihändig.
Verantwortung liegt beim Fahrer
Ja, der Griff zum Handy, der Abstecher ins Internet oder die Lektüre der aktuellen AUTO BILD bleiben bei diesem System auch künftig tabu, weil die Augen und mit ihnen die Aufmerksamkeit weiter auf die Straße gerichtet bleiben müssen. Die Verantwortung liegt – anders als beim Drive Pilot der S-Klasse – beim Fahrer und nicht etwa beim Fahrzeug. Doch während Mercedes autonomes Fahren nach Level 3 aktuell nur bis 60 km/h und entsprechend selten offerieren kann, funktioniert das Level 2 bei BMW außer in Baustellen und bei extremem Wetter auf der gesamten deutschen Autobahn, versprechen uns die Ingenieure.

Fingerübungen: Während der BMW lenkt, kann der Fahrer sich seinen Teil denken und zum Beispiel beliebte Gesten üben.
Bild: Bernhard Limberger
Das lassen wir uns nicht zweimal sagen und machen noch vor der ersten offiziellen Presse-Testfahrt die Probe aufs Exempel. Während die Freude am Fahren in diesem Prototyp noch ungeprüft bleiben muss, steht heute also die Freude am Fahren-Lassen im Vordergrund, und ich versuche, es so gut wie eben möglich freihändig von München (Baustellen!) über Ulm nach Frankfurt zu schaffen.
Also schnell das Navi programmiert und den Autobahn-Assistenten mit einem doppelten Druck auf die Taste im Lenkrad aktiviert. Unmittelbar nach der Auffahrt auf die A 99 meldet sich die Elektronik zum Dienst bereit: Die Anzeige im Cockpit und Head-up-Display leuchtet grün, die beiden LED-Streifen auf dem Lenkrad auch, und ich lege zum ersten Mal für heute die Hände in den Schoß.
Konkurrenzlose Blicksteuerung mit an Bord
10, 20, 30, 60, 90 … im Stillen zähle ich die Sekunden und warte auf die üblichen Warntöne – die auch nach einer Minute nicht kommen, nicht nach zweien und nicht nach dreien. Erst als die A 99 in die A 8 übergeht, quittiert die Elektronik mit entsprechender Vorwarnung den Dienst und meldet sich wenige Hundert Meter später wieder zurück. Brav beschleunigt der BMW auf – so viel Dynamik muss offenbar doch sein – 130 km/h und ein bisschen was, erkennt zuverlässig die wechselnden Tempolimits und rollt ganz unaufgeregt gen Norden.

Das grüne Licht im Lenkrad zeigt an: Die Elektronik ist bereit. Der Pilot muss jetzt nichts mehr in die Hand nehmen.
Bild: Bernhard Limberger
Dass die Limousine zwischendurch mal von ein paar Lastern beim Elefantenrennen ausgebremst wird, stört den Versuch nicht. Denn zum Autobahn-Assistenten gehört auch eine bislang konkurrenzlose Blicksteuerung, dank derer man den 5er förmlich mit den Augen lenken kann. Einmal streng in den Spiegel oder über die Schulter geschaut, schon wechselt der BMW die Spur und zieht nach dem nächsten Schulterblick wieder zurück. Dafür jedenfalls muss hier keiner mehr die Hände ans Lenkrad nehmen. Kann man aber natürlich: Wenn einem die Elektronik zu defensiv ist und nach zu langen Lücken sucht, beschleunigt ein Tippen am Blinker den Vorgang, oder man macht es halt gleich selbst.
Wenn sich der Beinahe-Autopilot trotzdem immer mal wieder ausschaltet, liegt das weniger an den technischen Restriktionen, weil es hier weder Baustellen gibt noch Starkregen und bis zum Kreuz Elchingen auch kein Wechsel der Autobahn ansteht. Sondern schuld daran bin ganz allein ich. Denn je mehr ich dem System vertraue, desto größer wird die Versuchung, es zu überlisten. So lange kann man schließlich gar nicht Däumchen drehen oder die Hände im Nacken verschränken, ohne auf dumme Gedanken zu kommen.

Augen auf: Zum Überholen reicht ein gezielter Blick in den Außenspiegel, den Rest erledigt die Businessklasse von BMW dann ganz allein.
Bild: Bernhard Limberger
Was also tun mit der gewonnenen Freiheit? Endlich Chicken McNuggets mit Soße essen, ohne dass man dabei mit den Knien lenken muss? Den Burger beim Abbeißen mit beiden Händen zusammenhalten und so eine große Sauerei vermeiden oder eine kleine Maniküre auf der linken Spur – nicht im Sinne des Erfinders, aber durchaus möglich, solange die Augen nur regelmäßig am Asphalt haften. Oder einfach nur entspannen und aufpassen, dass dabei nicht der Sandmann anklopft.
Autobahn-Assistent funktioniert erstaunlich gut
Einerseits ist es gut, dass Big Brother mich genau beobachtet und sich die Kamera nicht überlisten lässt. Und andererseits ist es schade, dass der Gesetzgeber noch nicht mehr Freiheit erlaubt und sich BMW nicht mehr Verantwortung traut. Zumindest noch nicht. Schließlich kommt im nächsten Jahr zunächst wohl im 7er auch ein System für Level 3 und damit eine völlige Steuer-Befreiung.
Bis dahin bleibt mir nur die Entspannung und das Staunen darüber, wie gut der Autobahn-Assistent funktioniert. Denn mittlerweile rolle ich auf der A 7 Richtung Kitzingen, die ersten 300 Kilometer liegen bald hinter mir, und mehr als zehnmal musste ich das Lenkrad dabei nicht anfassen. Ziehe ich meine frevelhaften Fehlversuche ab, bleiben vier, fünf Eingriffe übrig, und die längste Etappe ohne war über eine Stunde.

Zieleinlauf: von München nach Frankfurt und fast nie die Hand am Lenkrad. Kein Leichtsinn, sondern Technikerprobung im echten Leben.
Bild: Thomas Geiger
Gleich hinterm Biebelrieder Kreuz bietet der Assistent schon wieder die Übernahme an. Von der A 7 geht es auf die A 3 und durch den Spessart, wo sich die Elektronik weder vom Nieselregen irritieren lässt noch von der Dunkelheit in der Einhausung bei Hösbach. Nur gegen den Stau vor dem Seligenstädter Dreieck ist auch der Autobahn-Assistent machtlos. Und während dort für die Konkurrenz von Mercedes die große Stunde schlagen würde, weil der auf der Fahrt von München bis hierher ansonsten eher nutzlose Drive Pilot der S-Klasse jetzt das Kommando übernähme.
Im BMW beginnt die Überwachungskamera dagegen so langsam zu nerven. Statt den Assistenten nur auszuschalten und selbst zu lenken, würde ich deshalb am liebsten runter von der Autobahn und auf den Straßen im Spessart der Freude am Fahren nachspüren. Aber das ist ja eine andere Geschichte.
Fazit
Erst ist es ungeheuer aufregend – und danach umso entspannter. Denn mit jedem Kilometer wächst das Vertrauen in den Autobahn-Assistenten, und man lehnt sich ein Stückchen weiter zurück. Doch bei aller Faszination fürs technisch Machbare wird während der Fahrt auch die Frage nach dem Sinn immer lauter. Denn solange der Fahrer in der Verantwortung bleibt und sich die Elektronik beim kleinsten Mangel an Aufmerksamkeit ausschaltet, hat man außer ein wenig Komfort nichts gewonnen. Ja, BMW hat einen eindrucksvollen Anfang gemacht. Aber da muss mehr kommen, damit der Nutzen des Nichtstuns die Freude am Fahren überwiegt.
Service-Links


