Welcher Autoliebhaber kennt sie nicht? Die akute Angst, an die Stelle sinnbefreiter PS-Monster könnten seelenlose Elektroautos treten. Die sich weniger der Freude am Fahren als vielmehr der Rettung des Planeten verpflichtet fühlen. Brabus bemüht sich, derlei Sorgen zu entkräften. Und beweist zur IAA 2011, dass der Blick über den eigenen Tellerrand zur Paradedisziplin des Bottroper Unternehmens gehört. Dessen zwei Weltpremieren gehen mit ebenso vielen Botschaften einher: • Der 4WD Full Electric will Fahrspaß, Alltagsnutzen und Elektroantrieb unter einen Hut bringen. • Der Rocket 800 demonstriert, dass Bottrop unverändert die Heimat der faszinierendsten Straßenautos der Welt bleibt – 800 PS Ballermänner mit eingeschlossen.

Gleich vier Motoren befeuern die elektrische E-Klasse

Brabus 4WD Full Electric
Vorbote einer neuen Ära? Der Brabus 4WD Full Electric setzt auf E-Motoren als Antrieb.
Bild: Jürgen Mainx
Aber braucht man die überhaupt noch? Oder naht in Form eines schicken weißen Kombis im traditionellen Brabus-Ornat die Wachablösung, der Vorbote einer neuen Ära? Im Rahmen zweier weltexklusiver Ausfahrten suchen wir Antworten. Die Eckdaten des 4WD Full Electric klingen vielversprechend: Gleich vier Motoren befeuern die elektrische E-Klasse. An jeder Radnabe findet sich ein Aggregat mit 80 kW und 800 Newtonmetern ein. Was in der Summe 435 PS und unglaubliche 3200 Newtonmeter maximales Drehmoment ergibt. Das Quartett ersetzt nicht nur das ursprüngliche Triebwerk, sondern stellt seine Leistung zudem stufenlos zur Verfügung. Weswegen der 4WD Full Electric keinerlei Getriebe benötigt. Die entstehenden Freiräume kleistert Brabus mit Akkus zu. Was 350 Kilogramm Mehrgewicht mit sich bringt – und eine Reichweite von 240 Kilometern. Die neue Technik erfordert ein Umdenken: Das Auto wird nicht gestartet – es gibt keinen Anlasser –, sondern hochgefahren. Durch bedächtiges Drehen am Zündschlüssel nehmen alle Aggregate mit sanftem Klacken die Arbeit auf.

Die 3200 Nm Drehmoment fühlen sich an wie 500

Brabus 4WD Full Electric
Schwerlastverkehr: Akkus und Motoren bürden dem T-Modell rund 350 Kilo zusätzlich auf.
Bild: Jürgen Mainx
Wir rollen los. Erfreuen uns an der komplett digitalen Instrumentierung. Die Informationen wie abgerufene Newtonmeter oder bereitgestellte Kilowatt darstellt. Das Fahrgefühl ringt uns ein anerkennendes "Nicht schlecht" ab: Der Elektro-Express setzt sich zügig in Gang, summt zurückhaltend und verfügt über ausreichend Kraftreserven. Der viergeteilte Antrieb generiert überraschende Agilität – durch gezielte Verteilung der Antriebsmomente auf die einzelnen Räder lenkt das Auto williger ein. Drei Minuspunkte schmälern jedoch das Vergnügen: • Die Einbaulage der Akkus beschneidet den Lenkradius und führt zu einem erhöhten Wendekreis. • Die je 30 Kilo schweren Radnabenmotoren sind ungefederte Masse, die ungünstigste Form zusätzlichen Gewichts. Bereits beim Überfahren niedriger Bordsteine macht sich das bemerkbar. • Der Vortrieb fühlt sich weniger nachdrücklich an als erhofft. Bei durchgetretenem Gaspedal aus niedriger Geschwindigkeit scheinen nicht 3200 Newtonmeter ihren Dienst zu tun, sondern 500. Profaner Grund hierfür: der fehlende Hebelarm des Getriebes.
Etwas ernüchtert steigen wir in den Rocket um. Geraten allein beim Anblick des Zwölfenders umgehend in Hochstimmung: Die markante Front mit den riesigen Lufteinlässen in der Schürze und den zusätzlichen Luftschlitzen oberhalb des Grills kündet von immenser Power. Kotflügelverbreiterungen und fest stehender Heckflügel geben dem etwas rund gelutschten CLS willkommene Konturen. Unter der Haube das alte Brabus-Spiel: V8 raus, V12 rein. Hubraumerhöhung, neue Lader, Wasser-Luft-Ladeluftkühlung, fertig. Viele Mitbewerber dürften an derlei Herausforderungen verzweifeln – für Brabus stellen sie Routine dar. Lediglich das Getriebe markiert Neuland: Erstmalig verheiratet der Mercedes-Veredler den siebenstufigen AMG-Automaten (verstärkt) mit dem Pracht-Motor.

Der Zwölfzylinder im Brabus Rocket 800 birgt eine enorme Sprengkraft

Brabus Rocket 800
Brachialer Beschleuniger: In 3,7 Sekunden stürmt der aufgeblasene CLS auf Tempo 100.
Bild: Jürgen Mainx
Das kürzer gestufte Schnellschalt-Getriebe wirkt Wunder: Das Thema Wandlerschlupf löst sich in Wohlgefallen auf, das Ansprechverhalten verbessert sich spürbar. Im Vergleich zum zuletzt von uns in Dubai bewegten E V12 Cabrio mit identischer Leistung birgt das Auto jetzt noch mehr Sprengkraft – was natürlich auch den rund 20 Grad geringeren Außentemperaturen geschuldet ist. Glücklicherweise hält die Traktionskontrolle die Räder bei durchgetretenem Gaspedal davon ab, sich in schwarzen Rauch zu transformieren. Nach erbittertem Widerstand gehen die Pneus mit dem Asphalt schließlich eine Zweckgemeinschaft ein – mit dramatischen Konsequenzen für die Besatzung: Die sieht sich derart druckvoll nach vorn gepeitscht, dass sie befürchten muss, die Augäpfel würden umgehend am Hinterkopf austreten und an den Kopfstützen kleben bleiben. Den passenden Reifen vorausgesetzt, soll das Geschoss mehr als 370 km/h rennen. Nicht ausgeschlossen, dass 2012 ein High-Speed-Rekordversuch stattfindet – und der Rocket 800 gleich mehrere Bestmarken eliminiert.
Ungeachtet derlei Ambitionen, könnten wir uns durchaus vorstellen, den bei Bedarf handzahmen Rocket 800 jeden Tag zu nutzen. Dagegen spricht allerdings der Preis: Mit 510.510 Euro kostet der Rocket Unsummen – rund 100.000 Euro mehr als der Vorgänger von 2005. Womit das Auto zumindest für Superreiche erreichbarer ist als sein Elektro-Konkurrent: Beim Brabus 4WD Full Electric handelt es sich (noch) um ein unverkäufliches Einzelstück.

Fazit

von

Ben Arnold
Obwohl sich das Drehmoment weniger spektakulär anfühlt als erhofft: Der 4WD Full Electric ist eines der wenigen E-Projekte mit Sex-Appeal. Trotzdem regiert der V12 unverändert die Welt: Der Rocket macht exakt so viel Spaß, wie Power und Preis vermuten lassen.