Von wegen, in Europa gibt es keinen Weltraum-Bahnhof! Nicht nur, dass sie von Darmstadt aus die ESA-Missionen steuern. Nein, auch in Bottrop zünden sie regelmäßig Raketen. Während sich Elon Musk als Teilzeit-Präsident gerade immer weiter ins Aus schießt und SpaceX genau wie Tesla zunehmend vernachlässigt, füllt ausgerechnet Brabus die Lücke und legt deshalb jetzt schon wieder ein neues Raumfahrt-Programm auf.
Und das kann man diesmal wörtlich nehmen: Denn was da in diesem Frühjahr als GTS Rocket nach monatelanger Handarbeit aus der Manufaktur rollt, ist nicht nur stark und schnell wie eine Rakete, sondern bietet zudem tatsächlich auch noch mehr Raum.

Brabus GTS Rocket: Basis ist ein Mercedes SL

Basis dafür ist der Mercedes SL, den sie bei AMG in Affalterbach irgendwie nicht so recht zum Fliegen bekommen. Denn weder ist der wieder zum 2+2-Sitzer mutierte Roadster ein feudaler Tourer und kann das Cabrio der S-Klasse ersetzen, noch wird er seinen technischen Daten zum Trotz als klassischer Sportwagen akzeptiert, der gegen Elfer & Co einen Stich machen kann. Und so ein echter Hingucker ist er halt auch nicht.
Brabus GTS Rocket: Mercedes SL als Shooting Break
Der Innenraum lässt keine Wünsche offen.
Bild: Brabus
Während AMG sich gerade mit dem radikalen Roadster Pure Speed aus dieser Affäre ziehen will, die Nähe zur Formel 1 sucht und dafür alles weglässt von der Karosserie, was es nicht unbedingt braucht, geht Brabus den gegenteiligen Weg und baut einen SL mit Mehrwert: Wie vor bald 30 Jahren BMW beim ersten Z3 machen sie in Bottrop aus dem Roadster ein Coupé mit steiler Klappe und bauen so mal eben einen der spektakulärsten Kombis der Welt.
Breit, bullig und provozierend wie eine aus Wut am kurzen Arm in den Himmel geschlagene Faust steht der Shooting Break auf der Straße und zeugt dabei doch vom gepflegten Feinsinn der Bottroper Bodybuilder. Klar tragen sie dicker auf als jeder andere und feiern außen eine Orgie in Sichtcarbon. Aber drinnen haben sie schließlich nicht nur ein vierteiliges Kofferset maßgeschneidert für den Gepäckraum hinter den beiden Notsitzen, das groß genug ist für den Sommerurlaub zu viert. Sondern sie haben ihre Rakete sogar in den Windkanal gestellt. Und zwar nicht, um den Luftwiderstand zu senken und den Speed zu erhöhen, sondern um die Umströmung mit einem weiteren Flügel am Dach so zu steuern, dass kein hässlicher Scheibenwischer die Heckansicht stört wie ein Tattoo knapp oberhalb der Gürtellinie.

Verrücktester SL aller Zeiten: 1000 PS

So krass die Kehrseite des vielleicht verrücktesten SL aller Zeiten auch sein mag. Es braucht nur einen Druck auf den Startknopf, dann hat keiner mehr Augen für die breiten Backen oder für die coole Heckklappe. Sondern dann flammen darunter vier Endrohre auf, die mit ihrer glutroten Beleuchtung fast schon hypnotisch jeden Blick in ihren Bann ziehen.
Brabus GTS Rocket: Mercedes SL als Shooting Break
Der Antrieb des Brabus GTS Rocket liefert 1000 PS.
Bild: Brabus
Es ist, als würden sie in Cape Canaveral die Rakete vorglühen, die Spannung steigt, der Countdown läuft und unter der Haube grollt ein Achtzylinder, der stärker ist als alles, was AMG je in seine Straßenmodelle eingebaut hat. 4,5 statt 4,0 Liter Hubraum, zwei eigene Turbos mit höherem Ladedruck, ein paar neue Softwarezeilen für den Steuerchip und zwei neue Benzin-Pumpen mit größerem Durchsatz – schon klettert die Leistung von 612 auf 796 PS und das maximale Drehmoment klettert auf 1250 Nm, von denen Brabus mit Rücksicht aufs Getriebe 200 Nm gleich wieder einkassiert.
Und dazu kommt ja noch die E-Maschine, von der sie in Bottrop zwar die Finger lassen, deren Boost sie aber gerne in Kauf nehmen: Weil sie noch einmal 204 PS ins Rennen wirft, stehen am Ende tatsächlich 1000 PS im Fahrzeugschein und bis zu 1620 Nm warten nur darauf, den frischen Asphalt der Teststrecke mit den 275er-Breitreifen im Bug und den 325ern im Heck in großen Fetzen vom Boden zu reißen.
Brabus GTS Rocket: Mercedes SL als Shooting Break
Brabus macht den Mercedes SL zur Rakete mit Mehrwert.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Die explosive Kraft dieser Rakete fährt einem beim Kick-down in den Magen wie die Faust eines Preisboxers, und dass der einen Handschuh aus feinstem Leder trägt, mindert den Schmerz nicht im Geringsten. Denn auch wenn Brabus die Kabine nobler ausgeschlagen hat als in jedem Bentley, mehr Carbon verteilt und mehr Ziernähte ins Leder gestochen hat, wird der Rocket bei Vollgas zur Folterkammer, und die Sinne können all die Reize gar nicht mehr verarbeiten.

Gebrüll der acht Zylinder

Die Welt vor den Fenstern verwischt wie im schnellen Vorlauf, das Trommelfell zittert unter dem Gebrüll der acht Zylinder, die Gummis qualmen wie Raketentriebwerke nach der Zündung, und der Bulle aus Bottrop stürmt davon, als hätte jemand den Afterburner angeworfen: Nur 2,6 Sekunden braucht der Rocket 1000 auf Tempo 100, die 200 km/h sind nach 9,5 Sekunden erreicht, nach 23,6 Sekunden flimmert eine 300 über den Tacho. Und dass schon bei 317 Sachen wieder Schluss ist mit der Raserei, mag man kaum glauben, so viel Druck ist da noch auf dem Kessel. Doch mehr wollen sie bei deutlich über zwei Tonnen Leergewicht den Reifen nicht zumuten, und auch die E-Maschinen stoßen da irgendwann an ihr Limit. Man ist das abgehoben!
Abgehoben sind aber nicht nur die Eckdaten und das Erlebnis, sondern auch der Preis: Weil bei diesem Umbau fast keine Schraube ungelöst und kein Bauteil unangetastet bleibt, stehen auf der Rechnung am Ende rund 940.000 Euro – gut vier Mal so viel wie für das Grundmodell. Aber erstens gibt es dafür ja auch eine Rakete mit Mehrwert. Und zweitens hat niemand behauptet, private Raumfahrt sei was für Preisfüchse. Davon kann auch Elon Musk ein Lied singen.
Natürlich braucht man weder einen SL mit 1000 PS, noch mit großem Kofferraum. Denn die 816 PS ab Werk sind mehr als genug, und bei den Brabus-Preisen kann man das Übergepäck auch mit dem Taxi um die Welt kutschieren. Aber in dieser Liga geht es nicht ums "Brauchen", sondern ums "Können". Und wenn's einer kann, dann ist es Brabus. Nicht nur, weil der Rocket GTS durch und durch gut gemacht ist. Sondern vor allem, weil sie in Bottrop schaffen, was ihnen in Affalterbach irgendwie gerade nicht gelingen mag – und den SL tatsächlich wieder zu etwas ganz Besonderem machen.