Cadillac Lyric V: Fahrbericht
E-SUV aus Amerika mit 615 PS: was der Lyriq V wirklich kann
Ein elektrischer Cadillac, erst recht mit Sportabzeichen – daran müssen wir uns erst noch gewöhnen. Kann das gut gehen?
Bild: Cadillac
Was in München das M-Logo und in Stuttgart das Kürzel AMG, das ist in Detroit das "V". Denn so wie BMW und Mercedes ihre Muskelmodelle mit einem Sportabzeichen adeln, so macht es General Motors auch bei seiner Luxustochter Cadillac und sortiert etwa CT4 und CT5 in die V-Series ein. Das "V" steht für Vitesse, für Victory und für den Breitensport im feinen Zwirn – und genau wie bei den Kollegen aus Deutschland macht das Bodybuilding auch bei den Amerikanern vor der Elektromobilität nicht halt.
Deshalb haben sie kürzlich auch den Lyriq ins Fitnessstudio geschickt und ihren elektrischen Erstling dabei zum Sportler aufgepäppelt. Und wo, wenn nicht auf der deutschen Autobahn, soll der sich richtig austoben? Deshalb bleibt er anders als die Limousinen mit sechs oder acht Zylindern nicht den Amerikanern vorbehalten, sondern macht sich nun auch auf den Weg nach Europa. Wer also mindestens 108.809 statt 83.000 Euro nach Detroit überweist, der bekommt zwei Motoren, die 615 statt 528 PS leisten – und darf sich in einem Superlativ sonnen: Denn 880 Nm Drehmoment ermöglichen eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 3,3 Sekunden und machen den Lyriq V zum schnellsten Sprinter in der Cadillac-Geschichte.
Cadillac Lyric V: Sportler der sanften Sorte
Auf dem Papier mag das den Puls in die Höhe treiben und zwei Sekunden sind gegenüber dem Grundmodell sicher kein Nachteil. Doch bei der ersten Ausfahrt erweist sich der Stromer als Sportler von der sanften Sorte. Denn viel mehr als das bisschen Extra-Leistung hat der Lyriq V nicht zu bieten, und weil schon das Basismodell wie alle E-Autos in dieser Liga alles andere als behäbig fährt, hält sich der Lustgewinn in engen Grenzen.

Luxus trifft Leistung: Im Lyriq V sorgen feine Materialien, ein 33-Zoll-Display und individuell einstellbare Sportsitze für Komfort mit sportlichem Anspruch.
Bild: Cadillac
Ja, sie haben natürlich auch Federn und Dämpfer etwas nachgezogen und stabiler mit der Karosserie verschraubt, sodass der Lyriq etwas steifer und stabiler wirkt und ein engeres Band zwischen Fahrer und Fahrbahn schnürt. Und die Brembos haben spürbar mehr Biss. Aber während der V bei gelassener Gangart nach wie vor so ein entspannter Gleiter ist, wie man es von einem Caddy erwartet, wird er selbst denn nicht zum Fighter, wenn man ganz tief in den digitalen Menüs auf dem 33-Zoll-Bildschirm einsteigt, in den "Competitive Modus" wechselt und alle Regler auf 11 schiebt.
Denn auch mit spürbar mehr Gefühl in der Lenkung und mehr Grip am Lenkrad drängen die knapp drei Tonnen des elektrischen Koloss mächtig nach außen, und man freut sich daran, dass man jetzt die Seitenwangen der dick gepolsterten Sessel ein bisschen enger stellen kann, ohne dass es gleich zwicken würde wie in einer Rennschale. Weil ein Cadillac ohne Kuscheln kein Cadillac ist, kann das Fahrwerk gar nicht taff genug sein für so einen kolossalen Kraftakt und wenn die Elektronik schon bei 210 km/h wieder den Stecker zieht, fährt der Lyriq V keinen Deut schneller als sein braver Bruder und muss obendrein so manchen Passat TDI ziehen lassen. Dann reduziert sich der "Sport" irgendwann tatsächlich auf den Sprint an der Ampel oder in der Autobahnauffahrt, und man genießt ansonsten – zumindest in den USA – den "Super Cruise", mit dem man die Hände auf der Autobahn erstaunlich lange in den Schoß legen kann.

Auch als V-Modell bleibt der Lyriq ein praktischer Alltagsbegleiter mit großzügigem Stauraum.
Bild: Cadillac
Dabei haben sie den Stromer sogar flotte Dauerläufe auf der linken Spur gerüstet. Denn im richtigen Setup zieht er bis zu 25 Prozent mehr Energie aus dem Akku als das Basismodell und hält deshalb länger sein Tempo. Dann allerdings kann man natürlich die Normreichweite von 460 Kilometern geflissentlich vergessen und dafür öfter an der Ladesäule durchschnaufen. Immerhin ist er mit bis zu 190 kW Leistung dort vergleichsweise flott, selbst ohne 800-Volt-Architektur.
22-Zöller, schwarzes Dach und dunkle Anbauteile
Ach ja, und wo wir gerade am Meckern sind, halten sich auch die optischen Insignien der Kraft in engen Grenzen. Ja, der Lyriq V fährt auf großem Fuß und steht deshalb serienmäßig auf 22-Zöllern. Außerdem tritt er außen mit schwarzem Dach und dunklen Anbauteilen etwas düsterer auf und ist innen etwas feiner ausgeschlagen. Und wer's mag, kann sich das Trommelfell von einem individuell justierbaren Synthie-Sound kitzeln lassen.

22-Zöller, schwarzes Dach, viel Understatement: Der Lyriq V setzt auf dezente Kraft und luxuriösen Komfort statt auf laute Show.
Bild: Cadillac
Doch einen richtig eigenständigen Charakter gibt's mit dem Sportabzeichen kaum, und dick aufgetragen wird deshalb eigentlich nur auf der Rechnung. Denn 25.000 Euro sind eine stolze Summe für einen Besuch beim Bodybuilder. Und während BMW oder Mercedes-Kunden schon deshalb oft zum M oder zum AMG greifen, weil sie einfach ein bisschen aus der Masse herausstechen wollen, brauchen Cadillac-Kunden dafür kein Sportabzeichen. Sehr zum Leidwesen der Händler und zum Segen aller Individualisten ist der Lyriq auch so schon exotisch genug.
Fazit
Das Gute ist des Besseren Feind. Ja, ich weiß, dass das Sprichwort normalerweise andersrum geht. Doch wie so oft bei Elektroautos, egal in welcher Klasse, tun sich die Werkstuner ungemein schwer mit der Extraportion Sportlichkeit, weil schon das Grundmodell so viel Power hat und so gut beschleunigt. Und wenn es um Fahrdynamik geht, ist es halt verdammt schwer, aus so einem Koloss einen Kurvenkünstler zu machen, der dann nicht auch gleichzeitig zum Knochenschüttler wird. Bleibt zum Schluss also nur Posing statt Performance – und das hat ein Exot wie der Lyriq nicht nötig.
Service-Links
