Citroën Berlingo Fourgonnette: Retrodesign, 2CV, Ente, Umbau
AUTO BILD bringt die Kastenente nach Deutschland

Neues Auto, alte Optik: Die italienische Firma Caselani baut den Citroën Berlingo um zur Fourgonnette. AUTO BILD überführte so eine "Kastenente" über die Alpen nach Deutschland.
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Als wir gerade deutschen Boden befahren, als wir ein paar Kilometer hinter der Grenze zwischen Basel und Weil am Rhein das Design-Museum von Möbelhersteller Vitra ansteuern, da gucken sie, zücken ihre Handys. Und staunen. Greifen wir mal als Lob auf. Wer sich so für Kunst und Design interessiert, dass er vor dem Museum Schlange steht, der hat auch ein Auge für Kunst am Auto.
AUTO BILD auf großer Fahrt, es geht um eine Ente. Aber nicht, dass sich jetzt 2CV-Fans auf den Bürzel getreten fühlen, ein Citroën Berlingo ist natürlich gar keine Ente, auch keine Kastenente. Obwohl da hinten Fourgonnette draufsteht.

Altes Haus, altes Auto? Nee, der Citroen Berlingo ist nagelneu. Aber der Kastenwagen wurde zur Fourgonnette umgebaut
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Die Retro-Fourgonnette entsteht bei Mailand
Nee, dieser Berlingo hat 'nen Vierzylinder-Diesel unter der Glasfaser-Haube, keinen Zweizylinder mit mickrigen 24 PS unterm Blech, bei dem wir nicht mal drüber nachdenken würden, damit über die Alpen von Italien nach Rüsselsheim zu reisen. Doch der Reihe nach.

AUTO BILD-Reporter May als Gewichtheber. Die Front der Fourgonnette besteht aus Glasfasermatten, ist superleicht
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Fabrizio Caselani (50) begrüßt uns in seiner Manufaktur in Cremona, eine Stunde südöstlich von Mailand. "Benvenuto", sagt er und öffnet uns seine heiligen Hallen. Hier riecht es so wie früher, als wir mit Glasfasermatten, Kunstharz und Zweikomponenten-Spachtel die Rostlöcher unserer Altautos flickten. Nur dass hier nicht geflickt wird, hier wird erschaffen.
Der Wellblech-Kult ist zurück
In der Halle arbeiten sie an Jumper-Nutzfahrzeugen, die sie zu Foodtrucks umbauen. Einen haben sie cremeweiß lackiert, Kotflügel lila, es wird einer von fünf Eiswagen für einen deutschen Kunden. In der Lackierkabine wartet ein umgebauter Jumpy auf frische Farbe.
Die beiden größeren Modelle und der Hochdachvan Berlingo haben eine Gemeinsamkeit: Sie sehen aus wie die kultigen Kisten in Wellblech-Optik, mit denen die von Citroën in unsere Herzen fuhren. Der Kult ist zurück!
400 umgebaute Jumper seit 2017 und 200 Jumpy seit 2019
"Vor zehn Jahren", erklärt Fabrizio, "hatten wir die Idee dazu." Bis dahin baute seine Firma Boote, ebenfalls viel Glasfaser. Aber die Geschäfte stagnierten, und so erinnerte sich Fabrizio an seine Liebe zu Citroën, an sein erstes Auto, eine Charleston-Ente, an die Dyane danach, den Visa, CX, an den Méhari von Mama. Und er guckte in seine Autosammlung mit DS, Rallye-Enten, SM und all den 50er-Jahre-Schätzen.
Dann blickte er auf seinen Camper, und er beschloss: "Der ist so langweilig, den baue ich um auf alt." Dann lief es wie am Schnürchen, Designer David Obendorfer (49), der mal bei Alfa Romeo arbeitete und zwölf Jahre als Jachtdesigner, kam zu Fabrizio in die Firma, fing an zu zeichnen. Resultat: 400 umgebaute Jumper seit 2017, vom Jumpy sind es seit 2019 gut halb so viel. Jetzt also der Berlingo.

Zwischenstopp am Vierwaldstättersee in Luzern. Der Lack heißt übrigens Nevada beige, es gibt 13 verschiedene Farben
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Um es kurz zu machen: Der Umbau ist lizenziert von Citroën, die Designer waren auch bei der Entstehung dabei. Der Umbau eines Autos dauert drei Wochen, es fließen insgesamt 400 Arbeitsstunden ein. Die Front, die Haube, beide Seitenteile, das Dach, überall steckt Glasfaser drin, alles handgemacht. Etwa 20.000 Euro inklusive Steuern und neuer Lackierung kostet der Umbau, entweder man lässt den Neuwagen gleich anliefern oder bringt den Gebrauchten vorbei.
165 km/h mit der Fourgonnette: Kastenenten-Weltrekord?
Jetzt aber Abfahrt. Wir nehmen einen Hochdachvan für fünf Passagiere mit über die Alpen, elektrisch mit 50-kWh-Akku und leider nur etwas mehr als 200 Kilometer Autobahn-Reichweite und danach 35 Minuten auf 80 Prozent laden. Und ebendiesen Kastenwagen für drei Passagiere in der Farbe Nevada beige und mit XXL-Kofferraum für eine Europalette.

Zwei Design-Ikonen: Citroen Berlingo Fourgonnette vorm Design Museum von Möbelhersteller Vitra in Weil am Rhein
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Der Diesel hat 102 PS, und das müssen Sie glauben: Als wir nach über 800 Kilometern ankommen in Rüsselsheim, da stehen 5,7 Liter Verbrauch im Bordcomputer und zwischenzeitlich 165 km/h auf dem Tacho. Weltrekord! Ob jemals jemand so schnell war mit einer Kastenente? Auf gar keinen Fall! Nicht mit 24 PS, so lange kann es gar nicht bergab gehen, dass du 165 Sachen oder mehr auf dem Tacho siehst.
Innen ist alles Berlingo, bis auf ein Detail
Sie haben innen nichts verändert, nur eine Plakette hinter der Joystick-Schaltung angeschraubt, Fourgonnette steht drauf und die Zahl neun von 200. So viele wollen sie verkaufen, gern auch mehr.
Die Teile, die nicht aus Glasfasermatten entstehen, stammen aus dem Konzernregal. Die Lampen vorn sind vom Jeep Wrangler, der umgebaute Jumper hat Renegade-Licht, der Jumpy bedient sich im Regal des Fiat 500. Die hinteren runden Lampen unserer Kastenente in neu stammen von Zulieferer Hella. Und es ist wirklich alles gut verarbeitet, nix Bastelbude, nur Manufaktur.
Und die Ersatzteillage, etwa nach einem Unfall?
Und Sie fragen sich: Ist das nicht teuer, 20.000 Euro in den Designumbau eines Hochdachvans zu stecken, der ja eigentlich gekauft wird, weil er günstig ist? Die Antwort könnte Ihnen wohl Blumen Schröder oder Feinkost Müller liefern. Was muss das für ein Auftritt sein, wenn so ein Lieferwagen durch die Stadt fährt, vielleicht in Pastelweiß oder in grünem oder grauem Pastelton?

Alt und neu: Kastenente auf Basis 2CV und Fourgonnette auf Basis Berlingo
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Ach ja, als wir losfuhren, hatten wir noch eine Frage an den Designer: Was machen wir bei einem Unfall? "Kein Problem", sagte er, "dann schicken wir neue Glasfaserteile zu. Das repariert jeder Karosseriebauer."
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