Da war der Mitarbeiter am McDonald’s Drive-In in Riad baff: Plötzlich stand Mattias Ekström (43) in seinem Audi RS Q e-tron vor seinem Fenster und verlangte nach zwei Eis. Der Schwede war auf dem Rückweg von einer Rallye-Dakar-Etappe zurück ins Biwak und hatte Lust auf eine Erfrischung.
Er drehte ein paar Runden durch die Hauptstadt Saudi-Arabiens, wo die Mutter aller Rallyes gerade über die Bühne geht. Dann fand er schließlich den Drive-in. „Die Höhe war perfekt fürs Bestellen“, sagt Ekström zu AUTO BILD. „Ich glaube, der Junge an der Kasse hat einen Herzinfarkt bekommen. Und wisst Ihr, was er dann gefragt hat? ,Fährst Du Formel 1?‘ Da habe ich mir gedacht: Der ist mal gut informiert… Das ist der einzige Motorsport, in den ich es nie geschafft habe. Ich habe ihm also erklärt, dass es ein Dakar-Auto ist, und das ist auch cool!“
Ekström war auf dem Rückweg von einer Rallye-Dakar-Etappe zurück ins Biwak und hatte Lust auf eine Erfrischung.
Der doppelte DTM-Champion absolviert im Audi RS Q e-tron gerade seine erste Marathon-Rallye. Auf der achten Etappe holte er heute (Montag) seinen ersten Sieg. Und typisch Ekström: Der Spaß darf nicht fehlen. Auf den Überführungs-Etappen hören er und Beifahrer Emil Bergkvist Musik von Ed Sheeran. „Der bringt uns in die richtige Stimmung“, erklärt der Schwede. „Wenn du zu aufgeputscht bist, wird es hier bei der Dakar gefährlich für dich, deinen Beifahrer und das Auto. Bist du zu entspannt, fährst du zu langsam.“
Nach seinem Erfolg liegt der Rallycross-, Extreme-E- und Dakar-Pilot auf Gesamtrang elf und ist damit bester Audi-Fahrer. Teamkollege Carlos Sainz belegt Position 18, der dritte Audi von Stéphane Peterhansel Platz 33.
Für Audi ist es eine Premiere in der Wüste. Mit zwei Siegen (Nummer eins holte Carlos Sainz) und diversen Podiumsplätzen ist man hoch zufrieden. Und es war sogar mehr drin. Doch das deutsche Werksteam litt erst unter einem vermeintlichen Fehler im Roadbook (Sainz fand einen Geo-Punkt nicht und verlor rund zwei Stunden) und dann unter unerwarteten Dämpfer-Schäden.
Der hochkomplizierte Antrieb (Systemleistung 500 kW/680 PS) aus drei Elektro-Motoren (einer pro Achse und einer als Generator) und einem Energiewandler (2-Liter-Vierzylinder-Turbo aus der DTM) hielt dagegen allen Belastungen Stand. Selbst dem feinen Wüstensand, vor dem vor allem die DTM-Motortechniker warnten. Ekström: „Ohne die Probleme mit den Stoßdämpfern und der Navigation wären wir bei der Musik dabei.“
Der Audi ist das einzige Top-Fahrzeug, das durch die Dünen pfeift statt brüllt. Das traditionelle Motorgeräusch hören die Piloten nur dann in ihrem Rücken, wenn der Energiewandler Strom für die Elektromotoren produziert. Dafür ist ein 300 Liter großer Benzintank an Bord. Die klassischen Verbrenner-Renner brauchen teils mehr als 500 Liter. In Führung liegen zwei von ihnen: Nasser Al-Attiyah im Toyota Hilux hat 38 Minuten Vorsprung auf Sébastien Loeb im BRX-Hunter. Ganz ohne Sprit geht es in der Wüste also noch nicht, dank Elektro-Power ist der Audi aber effizienter unterwegs.
Mattias Ekström hat den zweiten Etappensieg für Audi bei der Rallye Dakar eingefahren.
Genau wie die Ingolstädter Ingenieure lernt auch Wüsten-Neuling Ekström auf jedem Meter, unter anderem auch von seinen erfahrenen Teamkollegen Carlos Sainz und Stéphane Peterhansel. „Ich schaue mir teilweise Videos von ihren Etappen an“, verrät er. Mit Erfolg: Nur ein Navigationsfehler verhinderte seinen ersten Dakar-Sieg schon auf Etappe sechs. Der Schwede verpasste am Freitag den letzten Geo-Punkt kurz vorm Ziel und musste umdrehen. „Da musste ich meinen Finger mal gegen den Wind halten“, lacht er. Der Grund für das Missgeschick, das zu Etappenplatz zwei führte: „Wo viele Zuschauer stehen, habe ich vielleicht noch ein bisschen zu viel Respekt und bin ein wenig abgelenkt gewesen. In den Dünen bin ich insgesamt immer noch viel zu vorsichtig. Aber da kann viel passieren. Bist du auf dem Kamm zu schnell, rollst du ab. Jeden Tag hat man einen Moment, wo man sagt: Hoppala, das war eng.“
Doch auch der Schwede findet immer mehr den richtigen Flow beim Surfen durch die Dünen. „Mit dem Elektromotor durch den Sand – das ist gigantisch“, schwärmt er. „Denn der hat nur Vorteile: Wir müssen nicht schalten und können uns deshalb voll auf die Dünen konzentrieren. Außerdem ist das Drehmoment immer da, selbst wenn man kurzfristig mal den Schwung verloren hat.“
Ekströms wichtigste Erkenntnis: „Hier muss man anders ticken. Hier zählt man keine Zehntelsekunden sondern Minuten. Ich genieße das.“
Teamkollege Carlos Sainz (59) dagegen ärgert sich immer noch über den Navigations-Ärger von Etappe fünf. „Heute weiß ich: Es war ein Fehler im Roadbook“, sagt er zu AUTO BILD. „Ich bin kein Navigator, aber ich bin clever genug zu sehen, dass es ein Fehler war. Und die Organisatoren hätten darauf reagieren sollen. Heute ist es egal, weil wir dann auch die Dämpfer-Probleme hatten. Aber die Arbeit eines Jahres durch einen Fehler im Roadbook zu verlieren, ist nicht akzeptabel.“
Immerhin bewies Audi anschließend perfektes Teamwork. Gleich zweimal stoppte Mister Dakar, Stéphane Peterhansel (14 Siege), um dem in der Gesamtwertung weiter vorne liegenden Sainz seinen Dämpfer zu überlassen. „Ich hatte während meiner ganzen Karriere viele Teamkollegen, die mir geholfen haben“, betont der Edelhelfer. „Das kann ich jetzt mal zurückgeben. Für mich ist es eine Freude, meinen Teamkollegen zu helfen. Wir sitzen alle im selben Boot und wollen Audi weiterbringen.“
Der Franzose kann mittlerweile sogar darüber scherzen, dass er als rollendes Ersatzteillager herhalten musste. Peterhansel: „Carlos hat sich bei mir entschuldigt, da habe ich gesagt: Danke, dass Du mir einen schönen Urlaub im Sand ermöglicht hast. Jetzt fehlt mir nur noch Sonnencreme.“
Bis Freitag rollt die Dakar-Karawane noch durch Saudi-Arabien. Mittendrin die drei Flüster-Audi, deren Piloten in den letzten Tagen in der Wüste viele neue Erfahrungen gemacht haben – und sei es, wie man mit einem Rennwagen bei McDonalds ein Eis bestellt.

Von

Bianca Garloff