Ein Mitsubishi-Showroom unterm Eiffelturm? Ein Subaru-Händler am Weißen Haus? Suzuki am Big Ben? Absurder Gedanke. Ein Toyota-Autohaus neben dem Reichstag aber: Das gab es wirklich. AUTO BILD erzählt die ganze seltsame, meist fröhliche Geschichte. Sie beginnt mit dem Absurdesten überhaupt: der brutalen Teilung einer Stadt. Das DDR-Regime ließ 1961 eine Mauer durch Berlin bauen. Was eben noch mittendrin war – Reichstag, Brandenburger Tor, Potsdamer Platz – war jetzt am Rand.
Auch der Schiffbauerdamm, die Straße gegenüber vom Reichstag, am anderen Ufer der Spree. Hier, direkt an der Mauer, entstand die nächste Absurdität: eine Werkstatt für Bonzen-Autos. Im "Kfz-Instandsetzungsbetrieb der Ministerratsfahrzeuge" kümmerten Ost-Berliner Mechaniker sich um dicke Volvo 264 TE und 760 und Citroën CX von SED-Größen wie Willi Stoph, Günter Mittag und Hans Modrow. 1989 fiel die Mauer, 1990 suchte der Bund nach Käufern für Ost-Liegenschaften.
Toyota in Berlin
Historische Toyota-Sammlung mitten in Berlin.
Bild: Archiv Carlos Levy
Für die Werkstatt war die Bedingung, dass der Käufer nicht nur die drei Hallen samt Inventar übernimmt, sondern auch die Mitarbeiter. Und sie zehn Jahre lang behält. Im fernen Köln kriegten die Brüder Ernesto und Carlos Levy, Betreiber zweier Autohäuser, davon Wind. Denn ein Freund von Ernesto Levy dozierte im Bundeswirtschaftsministerium über Marktwirtschaft, hörte davon und stellte den Kontakt her, etwa im Januar 1990.

"Wenn wir hier vor drei Monaten gelaufen wären, wären wir tot"

Toyota-Deutschland-Vertriebsleiter Volker Schüßler buchte sofort Flüge nach Berlin – am nächsten Morgen stapften Schüßler und Carlos Levy an der nun ihrer Funktion beraubten Mauer entlang. "Wenn wir hier vor drei Monaten gelaufen wären, wären wir tot", sagte Schüßler damals." Der Bund hatte die Liegenschaft wohl erst Mercedes angeboten, aber die wollten nicht", so Carlos Levy (80) zu AUTO BILD.
Toyota in Berlin
12. Dezember 1991: Toyota-Chef Eiji Toyoda (r.) besucht Spree-Automobile. Ein Magnolienbaum wird gepflanzt, Kazuko und Eiji Toyoda schwingen die Spaten. Daneben v. l.: Julita Levy, ihr Schwager Carlos Levy und dessen Bruder Ernesto Levy.
Bild: Archiv Spree-Automobile
Die 17 Toyota-Betriebe im Westen Berlins waren nicht begeistert, dass die Kölner sich den Standort schnappten. "Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen", resümiert Carlos Levy heute. Im Oktober unterschrieben die Levys den Kaufvertrag. "Wir hatten Bildschirmtext BTX und C-Netz-Telefone, da mussten wir aufs Dach, um Empfang zu haben."
Und die rund 80 Mitarbeiter aus der Ministerrats-Werkstatt? "Am Anfang war große Angst unter den Leuten, dann waren sie froh, dass wir alle übernommen haben. Auch den Stasi-Mann, der vorher nur dazu da war, alle zu überwachen, mussten wir behalten. Der hatte früher darauf geachtet, dass die Leiter in dem Betrieb an der Mauer immer angekettet war. Aber die haben wir alle katholisch gemacht", erzählt Levy, der aus einer jüdischen Familie stammt.
Katholisch? "Wir haben mit jedem Mitarbeiter kurz gesprochen: Du bist morgen Verkäufer, kommst so und so angezogen zur Arbeit. Die Mechaniker haben relativ schnell die Toyota-Technik beherrscht, Karosseriebauer und Lackierer kannten sich schon aus. Kaufleute haben wir im Bereich von Dispo und Administration eingesetzt."
Toyota in Berlin
Anfang der 90er: Die DDR-Gebäude tragen den Toyota-typischen grauen Fries am Dach.
Bild: Archiv Carlos Levy
Levy lächelt und erzählt weiter: "Alle waren sehr, sehr engagiert, lernwillig und fleißig, ganz toll. Wir haben aus vielen leitende Angestellte gemacht. Hat viel Spaß gemacht." Ein paar Jahre später hatten die Levys vier Toyota-Standorte in Berlin. Für die Hauptstadt wurde derweil das "Band des Bundes" geplant, eine Reihe von Gebäuden in Ost-West-Richtung vom Kanzleramt bis über den Schiffbauerdamm hinaus.

Das Autohaus stand bis Ende der 90er

Da war Spree-Automobile im Weg. Und nun? "Wenn der Bund Pläne hat, können Sie enteignet werden", erörtert Levy. "Das kann aber zehn Jahre dauern. Wir haben dort sehr viel investiert." Nun lächelt er wieder. "Wir haben einen Kompromiss gefunden. Am Schluss war es eine Win-win-Situation." Ende der 90er-Jahre zog Spree-Automobile also dort aus, und die Bagger rückten an. Wo erst Autos von SED-Funktionären und später Autos einfacher Berliner repariert wurden, entstand bis 2003 das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus. Darin tagen unter anderem Untersuchungsausschüsse, hier ist das Parlamentsarchiv, in der Geheimschutzstelle werden Verschlusssachen verwahrt. An das Toyota-Autohaus erinnert hier nichts mehr.
Toyota in Berlin
Heute sind sie Klassiker: Toyota-Modelle in Reih und Glied bei "Spree Automobile".
Bild: Archiv Carlos Levy
Wirklich gar nichts? Dabei war doch 1991 Toyota-Chef Eiji Toyoda in Berlin und besuchte nur dieses eine Autohaus. Er pflanzte einen Magnolienbaum, in Japan ein Symbol für Reinheit und Unschuld, Mut und Kraft, Glück und Erfolg. Der Baum selbst hatte sicherlich nicht viel Glück und Erfolg, denn der Dezember ist keine gute Pflanzzeit für Magnolien. Aber was ist aus der Gedenktafel geworden, die aus diesem Anlass aufgestellt wurde?
Eiji Toyoda
1957 wurde Toyota in den USA ausgelacht, so schlecht war der Crown. 1985 zeigte Eiji Toyoda den Amerikanern, wie man Autos baut: in dieser Joint-Venture-Fabrik von GM und Toyota in Fremont bei San Francisco.
Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS picture-alliance/dpa
AUTO BILD macht sich auf die Suche – und findet im Toyota-Autohaus Motor Company in Berlin-Weißensee, unter Rosenbüschen am Parkplatz, eine Tafel mit derselben Aufschrift. Die von damals? Kaum, denn die ovale Form ist anders. Offenbar hat schon mal jemand die Tafel ersetzt. 2012 hat Motor Company den Ex-Konkurrenten Spree-Automobile übernommen, die Levys konzentrieren sich seitdem auf Nordrhein-Westfalen.
Die Geschichte aber hat ihre Spuren hinterlassen: in Fotoalben, auf einem Parkplatz in Weißensee und in den Leben der Beteiligten. "Das war eine spannende, verrückte Zeit", schwärmt Levy bei unserem Besuch in Köln. "Unvorstellbar."