Hinter Lars Cramers Idee steckt die moderne Variante der Eier legenden Wollmilchsau, also das stadttaugliche Offroadminiapartment-transportfamilienmobil. Oder so. Basis ist der VW T6.1 mit Allradantrieb, den es leider nicht mehr gibt, weshalb sich Cramer noch ein Kontingent von 18 Stück gesichert hat, denn der aktuelle Multivan auf Sharan-Basis hat kein Schwerlastfahrwerk mehr, erhält ab 2024 zudem nur einen elektrischen Not-Allrad, taugt also nicht für Schotterliebhaber wie ihn.

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Damit sei gleich mal verraten: Der nächste VW-Allrad-Transporter, der baugleich mit dem kommenden Ford Transit sein wird, soll die Heavy-Duty-Bulli-Geschichte bei Cramers Manufaktur Terracamper fortschreiben. Denn Terra heißt schließlich Erde, von Straße ist hier nicht die Rede.
Lars Cramer ist Solartechnik-Ingenieur aus Kassel, seine Frau Kanittha Bauingenieurin, beide sind leidenschaftlich gern unterwegs. Sie fahren am liebsten in abseitig-rumpelige Gegenden, zum Beispiel nach Island oder zu den militärischen Grenzkammpässen zwischen Italien und Frankreich. Dabei sammelten sie reichlich Praxiserfahrung fern der Zivilisation.
Das hauseigene Testgelände mit Schrägfahrgraben, Verwindungsstrecke, Steilstrecke, Blockholzbrücke und Grob-schotterpiste gleich neben der nagelneuen Fabrikhalle.
Bild: Bernhard Schmidt / AUTO BILD

Als adäquaten Untersatz kauften sie sich 2015 einen Ur-Terracamper, der damals noch in Hagen bei der Firma Vanufaktur gebaut wurde. Aber deren Boss Martin Hemp hat auch den ökoorientierten Flowcamper im Programm, der sich nicht so recht mit dem wilden Abenteuergeist des Terracamper vertrug. Deswegen wollte er die Offroadmarke verkaufen. Da sich die Hemps und die Cramers angefreundet hatten und Letztere sich eh verändern wollten, zudem einiges an Eigenkapital mitbrachten, kauften sie Terracamper, das heißt den Namen sowie technische Zeichnungen und Ideen.

Von Zelten in eine neue Halle

So zog die Bulli-High-End-Nischenmarke 2019 von Hagen nach Kassel-Calden, wo am dortigen schlagzeilengeplagten Flughafen günstig Gewerbegrundstücke zu kaufen waren. Die Cramers fingen zunächst in provisorischen Produktionszelten mit ihrer kleinen, aber feinen Manufaktur an, dann kam Corona, was für den kreativen Prozess und den Bau einer eindrucksvollen, ultramodernen Fabrikhalle gar nicht so schlecht passte. Fünf Mitarbeiter, alle mit einschlägiger Qualifikation plus Freude an Reisemobilen und Reisen, wurden eingestellt, dazu noch eine Bürokraft.
Zum Testgelände gehört auch eine schmale Holzbrücke. Der Terock passt gut drauf.
Bild: Bernhard Schmidt / AUTO BILD

In der nagelneuen Halle ist es sauber, hell und aufgeräumt wie in einer Klinik, die Atmosphäre entspannt, freundlich, ja herzlich, trotz der vielen Aufträge. Die Lieferfristen betragen derzeit knapp ein Jahr. Nebenan entstand sogar ein firmeneigenes Testgelände, auf dem wir unsere Adrenalinproduktion mal kurzzeitig ankurbelten, auf krassen Steigungen und Gefällen, radtiefen Verwerfungen, Stolpersteinen, Grobschotter, Kipprinne und einer Holzbrücke, wie sie auch im Urwald des Amazonasbeckens anzutreffen sein dürfte.
Hauptprodukte von Terracamper sind die VW-Allradbusse namens Terock und Tecamp, die sich nur in der Bestuhlung unterscheiden, dazu gesellt sich noch der Tecrawl auf Basis des Mercedes G-Modell (bis Baujahr 2018, denn der sehr teuer gewordene Luxus-Nachfolger richtet sich eher an Kunden, die damit vornehmlich posen wollen), und in Zukunft soll noch der Allrad-Crafter von VW dazukommen.

Extrem-Geländefahrmaschine oder doch eher geräumigen Maxi-Kastenwagen?

Damit wird die ganze Unwegsam-Bandbreite abgedeckt: von der Extrem-Geländefahrmaschine Mercedes G mit Minimal-Wohnkomfort bis zum geräumigen Maxi-Kastenwagen mit ganz guten Offroad-Eigenschaften und als Kompromiss dazwischen dem knapp geschnittenen, wendigen und robusten VW Bulli. Für Hardcore-Abenteurer ist parallel zum Mercedes G noch der Ausbau des Ineos Grenadier geplant, eines britischen Offroadmobils, das aussieht wie der alte Land Rover Defender, aber mit seinem BMW-Motor viel besser sein soll. Es wird in der ehemaligen Smart-Fabrik im französischen Hambach gebaut.
So geht’s los: Ein gestrippter Bulli sieht innen aus wie eine Raumkapsel. Mitarbeiter Henry Lohleit verlegt die Grundelektrik.
Bild: Bernhard Schmidt / AUTO BILD

Wichtig für die Cramers sind Geländetauglichkeit, Stabilität, Vielseitigkeit, optimale Fahrbarkeit, Flexibilität des Grundrisses und Zuverlässigkeit. "Wir kleben in jeden unserer Terracamper-Bulli einen 25 Millimeter dicken Alu-Systemboden, verblocken ihn also mit dem Wagenboden, was zu einer deutlich höheren Steifigkeit der Gesamtkarosserie führt", erklärt Lars Cramer. "Darauf schrauben wir die dank Alu-Profilen sehr leichten, dennoch robusten modularen Möbelelemente. Ist der Bulli als Pkw zugelassen, können die Möbel wieder ausgebaut werden, und das Fahrzeug kann als Transporter oder Familienkutsche dienen."
Bei der Elektrik verlässt sich Cramer nicht auf Soft-Schalter oder gar Apps, hier geht alles mechanisch, weil es zuverlässiger funktioniert und reparabel ist. Fahrwerksseitig setzt er auf bewährte Seikel-Komponenten. Auch eine Luftfederung wäre auf Wunsch lieferbar. Neben handelsüblichen GFK-Aufstelldächern (SCA 290) bietet Terracamper darüber hinaus ein selbst entwickeltes Aufstelldach namens Xtreme Open-Sky aus Aluminium für 19.000 Euro an.

Auswahl zwischen 13 Standard- und 200 Sonderfarben

Es baut zwar höher, ist aber deutlich stabiler als ein klassisches Bulli-Klappdach, und es finden eine acht Zentimeter dicke Matratze, ein Lattenrost, die Bettwäsche und manches mehr Platz. Zusätzlich hat das Aufstelldach ein zweites integriertes Klappdach, sodass der ganze Bulli über Stehhöhe verfügt, man oben im Bett den Sternenhimmel beobachten oder optimal lüften kann. Selbst bei der Fahrt kann die kleinere Luke geöffnet werden, dann hat man hinten ein Cabrio.
Das Team von Terracamper, links Lars und Kanittha Cramer. Noch werden hier vorwiegend VW T6.1 ausgebaut, alles Allrad natürlich.
Bild: Bernhard Schmidt / AUTO BILD

Die Optionsliste bei Terracamper umfasst ohne die 13 Standardfarben und 200 Sonderfarben erstaunliche 130 Positionen. Billig ist der Spaß allerdings nicht, Qualität und Finesse haben ihren Preis. Sparsam ausgerüstet geht es bei 90.000 Euro (Grundausbau und SCA-Dach) los, ein gut ausgestatteter Terock oder Tecamp inklusive Alu-Aufstelldach, Seikel-Fahrwerk, Unterbodenschutz, Schnorchel und vielem mehr kostet 137.000 Euro.
Günstig erscheint dagegen das Mercedes G-Modell Tecrawl. Mangels Neuwagen muss man freilich selbst einen G mitbringen, der dann für rund 24.000 Euro (ohne Dachzelt und Maxi-Markise wie auf den Fotos) zu einem Weltreise-Camper veredelt wird.
Während in der großen Halle fleißig Bullis ausgebaut werden, sitzen die Cramers schon wieder am Computer und tüfteln mit einem 3D-Programm am Ausbau des Allrad-Crafter zum Expeditionsfahrzeug. Wie beim aktuellen Sortiment des Hauses zu sehen, legen die beiden dabei größten Wert auf eine coole Optik. Alle Produkte des Hauses sehen irgendwie nach "unbedingt haben wollen" aus. Auf den Tevan oder Temax – oder wie auch immer der Große heißen wird – sind wir daher schon sehr gespannt.

Firmeninfo TERRACAMPER

Bevor die Cramers Terracamper 2019 kauften, gab es die Marke bereits in Hagen. Besitzer Martin Hemp konzentrierte sich auf den ökologisch orientierten Flowcamper. Inzwischen entstehen in Kassel-Calden extrastabile VW Busse und manches mehr. Infos: www.terracamper.de