Um Autos mit Verbrennungsmotor klimafreundlich zu fahren, müssen die getankten fossilen Kraftstoffe ersetzt werden: Idealerweise durch brennbaren Diesel oder Benzin, die aus erneuerbarer Energie erzeugt werden. Solche synthetisch erzeugten Kraftstoffe, E-Fuels genannt, waren bisher kaum mehr als Science-Fiction: Die Erwartungen an Öko-Kraftstoffe, die mit regenerativer Energie synthetisch erzeugt werden, sind hoch – die Realität ist dagegen bescheiden, denn bisher gibt es den klimaneutralen Supersprit nur in homöopathischen Dosen zu Forschungszwecken. Seit zwei Jahren produziert Porsche zusammen mit Partnern im Süden Chiles E-Fuels mit Windenergie, doch bisher sind die hergestellten Mengen gering.
Jetzt gibt es ein neues Verfahren, das mitten in Europa ausprobiert wird: Im rheinischen Jülich hat das Schweizer Unternehmen Synhelion die erste Industrieanlage in Deutschland zur Produktion von E-Fuels eingeweiht. Synhelion ist ein Start-up, gegründet von der renommierten Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich.
Synhelions industrielle Solartreibstoffanlage DAWN in Jülich, Pilotbetrieb begonnen
So funktioniert die Jülicher Anlage DAWN: Die Spiegel bündeln Sonnenlicht und konzentrieren die Energie auf den Solarturm.
Bild: Synhelion
An Ort und Stelle werden mit einem Solarkraftwerk E-Fuels erzeugt. 218 Spiegel reflektieren das aufgefangene Sonnenlicht auf einen zentralen "Sonnenofen" im 20 Meter hohen Solarturm. Dort werden bis zu 1500 Grad Celsius erzeugt. Diese höllische Temperatur ist hoch genug, um Biogas und Wasser in einem ersten Schritt in Synthesegas umzuwandeln. Im zweiten Schritt entstehen dann E-Fuels.

In Jülich wird synthetisches Rohöl produziert

Noch in diesem Jahr soll die Produktion der nachhaltigen E-Fuels made in Germany starten. Mehrere Tausend Liter E-Fuels jährlich sollen dabei herauskommen. Es wird synthetisches Rohöl sein, das anschließend konventionelle Raffinerien weiterverarbeiten können. Gemessen an dem jährlichen Bedarf an Kraftstoffen – in Deutschland wurden 2020 allein 28,6 Millionen Tonnen Ottokraftstoffe verfahren – ist das kaum nennenswert, aber ein Anfang, um den technischen Weg zu bereiten. Ziel ist die Produktion von nachhaltigem Kerosin, den die Lufthansa-Tochter Swiss – die ebenso wie der Mutterkonzern in das Projekt investiert – zur Beimischung in Flugzeugtreibstoffe nutzen will.
Parallel zur Inbetriebnahme des E-Fuels-Kraftwerks, DAWN genannt, teilt Synhelion mit Nachdruck mit, dass die Technologie zur Herstellung von Solartreibstoffen für die Skalierung im großen Maßstab bereit sei.
"Das Potenzial von erneuerbaren, synthetischen Kraftstoffen ist riesig", sagte Hartmut Höppner, Staatssekretär im deutschen Bundesministerium für Digitales und Verkehr, anlässlich der Einweihung in Jülich. "Um die Klimaziele im Verkehrssektor zu erreichen, brauchen wir Alternativen zu fossilen Treibstoffen." Diese erste Anlage zur Herstellung von Solartreibstoffen in Deutschland setze ein Zeichen dafür.
Synhelions industrielle Solartreibstoffanlage DAWN in Jülich, Pilotbetrieb begonnen
Direkt im Solarturm (hintergrund) wird die Sonnenenergie für die Produktion von flüssigen Kohlenwasserstoffen genutzt.
Bild: Synhelion
Die Anlage in Jülich ist ein erster Test, um das Verfahren zur Produktion für größere Mengen anlaufen zu lassen. Im nächsten Schritt ist ein größerer Sonnenofen mit mehr Kapazität in Spanien geplant. Dort scheint die Sonne deutlich intensiver und häufiger als in Jülich.
Über die voraussichtlichen Produktionsmengen von E-Fuels sind bislang kaum belastbare Informationen verfügbar. Auf EU-Ebene werden Vorgaben erarbeitet, die für 2030 auf eine verpflichtende Quote von 2,6 bis 5,7 Prozent grünem Wasserstoff und E-Fuels zur Nutzung im europäischen Verkehrssektor vorsehen.