Ein besonderer Test erfordert auch ein besondereres Format, daher sind wir von unserem üblichen Vergleichsschema für Wohnmobile ein wenig abgewichen. Im Zentrum der Betrachtung stehen in diesem Vergleich die beiden Basisfahrzeuge. Daher stellen wir gleich zu Beginn deren wichtigste Details direkt gegenüber. Wie fühlen sie sich an, wie fahren sie und welchen Komfort bieten sie uns Campern? Spannende Fragen, die man sich natürlich auch auf Herstellerseite stellt. Kann der Ducato noch mithalten? Oder müssen wir mit einer stärkeren Sprinter-Nachfrage rechnen? Jahrzehntelang hat der Transporter aus Italien herausragende Dienste für die Camping-Branche geleistet, war gleichermaßen zuverlässiges, wie günstiges Basisfahrzeug. In den 1980er-Jahren dominierten noch Mobile auf VW T3, VW LT oder Mercedes-Benz MB 100 die Szene. Damals brauchte man ganz starke Nerven – wegen der fehlenden Leistung etwa, die aus etwas besseren Hügeln nahezu unüberwindliche Hindernisse machte oder wegen des Lärms, den die LT- und MB 100-Motoren machten, die, von innen zugänglich, im Boden zwischen Fahrer und Beifahrer saßen und eine Verständigung zwischen diesen beiden nahezu unmöglich machten. Wie froh waren wir da, wenn wir mal wieder einen Ducato fahren durften! Der kam 1982, damals schon aus dem süditalienischen Werk in Sevel, mit Fünfganggetriebe und Lenkradschaltung! Und: Kein Motordeckel oder Schalthebel versperrte den Fußraum.
Überblick: Alles zum Thema Wohnmobile

Der Ducato ist nicht mehr der Jäger, sondern der Gejagte

Bürstner Lyseo M 690 G    Bürstner Ixeo TL 680 G
Welche Basis bietet mehr fürs Geld: Mercedes (l.) oder Fiat? Optisch kommt der Sprinter moderner daher.
Aber nun genug der Folklore. Wir schreiben das Jahr 2020 und modernste Technik hat auch bei den Nutzfahrzeugen Einzug gehalten. Start-Stopp-Technik, Seitenwind-Assistent, Multimedia mit Navigation und Rückfahrkamera, alles kein Problem. Allerdings ist heute der Ducato nicht mehr der Jäger, sondern der Gejagte. Das sieht man beim Vergleich mit dem Sprinter schon auf den ersten Blick. Die klare Formensprache außen, das moderne Armaturenbrett mit dem Lenkrad als Multimedia-Zentrale, die vielen möglichen Komfort- und Sicherheitsassistenten – da kann der jetzt altbacken wirkende Fiat nicht ansatzweise mithalten. Das setzt sich fort, wenn man auf dem Fahrer- oder Beifahrersitz Platz nimmt. Perfekte Einstellmöglichkeiten beim Mercedes, was Lehne und Sitzfläche betrifft. Und so bequem – man will gar nicht mehr aussteigen! Auch das Lenkrad lässt sich (natürlich) horizontal und vertikal anpassen. Nicht so beim Fiat. Hier muss sich der Fahrer dem Auto anpassen, ob es ihm gefällt oder nicht. Stets sitzt man zu nah am oder zu weit weg vom Lenkrad. Horizontale Verstellmöglichkeit? Fehlanzeige. Und unter der Motorhaube ist der Zugang zu Wischwasser und Kühlflüssigkeit fummelig. Der Einfüllstutzen für AdBlue sitzt unterhalb des Diesel-Tankverschlusses. Beim Mercedes fließt das Additiv durch eine Öffnung unter der Motorhaube.

Ixeo TL 680 G: Robuste Basis trifft außergewöhnlichen Grundriss

Bürstner Ixeo TL 680 G
Im Exeo gibt's eine riesige L­-Sitzgruppe mit verschiebbarem Tisch und Bank gegenüber.
Was Bürstner aus dem Ducato gemacht hat, ist allerdings aller Ehren wert: Der Ixeo TL 680 G paart das vom Kehler Hersteller gewohnte gemütliche Interieur hier mit einem spannenden Grundriss fernab vom Mainstream. Weil das "Schlafzimmer" bei Nichtgebrauch vorn unterm Dach schwebt, bleibt mehr Platz für alle anderen Raumanwendungen – und zwar in erster Linie für das Wohnen. Die Sitzgruppe ist mit "groß" nur unzureichend beschrieben. Sie ist das bestimmende Element der Ausstattung und nimmt fast die Hälfte der gesamten Grundfläche ein. Sieben Personen sollten sich hier zur fröhlichen Runde treffen können – wenn Corona es erlaubt, versteht sich. Möglich machen das eine L-Sitzgruppe, eine gegenüberliegende Bank und die beiden Fahrerhaus-Pilotsitze. Der Sitzkomfort ist gut, auch wenn die Rückenpolster eine Spur zu steil ausfallen. Der große, recht stabile Tisch lässt sich gut verstellen und bietet genügend Ablagefläche. Einziges Manko: Dieser Bereich ist auf einem Podest gebaut, mit entsprechender Stolperfalle. Vorsicht ist also geboten. Immerhin lässt sich so noch ein großes Bodenfach zum Fahrerhaus hin realisieren. Oben umlaufende Stauschränke nehmen Gepäck auf. Wenn die Gäste gegangen sind, fährt das elektrische Doppelbett von der Decke herunter. Hinter der Sitzgruppe schließt sich eine L-förmige Küche an, das Heck gehört einem geräumigen Bad.

Lyseo M 690 G: Basis modern und edel, Grundriss klassisch

Bürstner Lyseo M 690 G
Gegenüber der breiten Aufbautür befindet sich im Lyseo direkt die Sitzgruppe.
Der Lyseo M 690 G besitzt einen eher konventionellen Grundriss mit den besonders in Deutschland beliebten Einzelbetten im Heck. Sie können mittels ausziehbarem Brett und Zusatzpolstern auch zu einer Liegefläche zusammenwachsen. Zwei Stufen (oder eine kleine Leiter) erleichtern den Zugang. Unter den Fußenden der Betten befinden sich rechts ein Kleiderschrank mit Kleiderstange und links ein großer Stauraum. Reichlich Platz für Campingmöbel und Co. bietet die große Heckgarage. Trotz gleicher Außenlänge fällt bei dieser Anordnung das Raumgefühl natürlich knapper aus als im Ixeo. Das fängt schon bei der kleineren Sitzgruppe an, die maximal vier Personen Platz bietet. Ablagefläche bietet die oben umlaufende Galerie, vorn zudem Ablagetaschen rechts und links. Die schlichte, kompakt gebaute Küche ist mit Dreiflammherd, runder Edelstahlspüle, genügend Stauraum in Ober- und Unterschränken (drei Schubladen mit automatischem Einzug und eine Tür rechts) sowie schlankem Kühlschrankturm mit integriertem Eisfach und Gemüse-Schublade ähnlich ausgestattet, wie die des Ixeo. Nur die Arbeitsfläche fällt im Lyseo knapper aus. Das schöne Bad bietet Toilettenschrank, WC und Schwenkwand mit großem Spiegel, Waschbecken, Unterschränkchen und separater Duscharmatur. Die Badtür ist außen mit einem großen Spiegel versehen.

Fahreindrücke: Der Sprinter ist das deutlich bessere Fahrzeug

Bürstner Lyseo M 690 G    Bürstner Ixeo TL 680 G
Feines Ansprechen der Federung im Sprinter, der Ducato zeigt Abrollkomfort auf ordentlichem Niveau.
Dann starten wir die Motoren: Beim Ducato dreht man den Zündschlüssel wie schon 1982, und der Vierzylinder erwacht ratternd und brummend zum Leben. Bei Mercedes geht das (natürlich) auf Knopfdruck und der ebenfalls vierzylindrige Benz-Diesel nimmt schnurrend seinen Dienst auf. Noch schöner wird es, wenn man den sahnigen 190-PS-Sechszylinder (4860 Euro) wählt. Eine Option, die Fiat nicht anbietet. Dafür hat sich in Sachen Getriebe Einschneidendes getan. Die Italiener statten ihren Oldie auf Wunsch (3500 Euro) mit stattlicher Neungang-Automatik aus. Was für ein Fortschritt zu dem anstrengenden automatisierten Schaltgetriebe! Die Gangwechsel sind zwar häufig, aber praktisch nicht spürbar. So komfortabel arbeitet nicht einmal die Siebengang-Automatik des Sprinters, die bei unseren Fahrtests unentschlossen wirkte, mal zu spät, mal zu früh schaltete. Doch davon abgesehen, ist der Sprinter das deutlich bessere Fahrzeug. Er bietet einen Fahrkomfort, den man in höheren Preisregionen erwartet. Er bremst gut, meistert Gefahrensituationen souverän. Der Fiat fährt zwar ebenfalls sicher, seine Bremse schwächelte aber und beim Komfort wirkt der Fiat wie ein Rauhbein aus dem Wilden Westen.

Bildergalerie

Bürstner Lyseo M 690 G    Bürstner Ixeo TL 680 G
Bürstner Ixeo TL 680 G
Bürstner Lyseo M 690 G    Bürstner Ixeo TL 680 G
Kamera
Wohnmobil-Test Fiat Ducato gegen Mercedes Sprinter
Fazit von Alex Failing und Axel Sülwald:
Wer Ducato und Sprinter im Vergleich fährt, merkt sofort: Der Fiat ist in die Jahre gekommen – und der Sprinter in fast allen Belangen das bessere Fahrzeug. Trotzdem weiß der Italiener immer noch zu gefallen und besitzt zurecht eine treue Fangemeinde. Für beide gilt: Wer die Aufpreisliste ausreizt, sollte das Gewicht im Auge behalten!