Ford Capri (1972): Test
Der Ur-Capri steht für den Aufbruch in eine neue Ära

Bild: Martin Meiners / AUTO BILD
Eine Ikone seiner Klasse ist zweifellos der Ford Capri. Er übertrug das Konzept des Pony Cars von den USA nach Europa, um die individuellen Bedürfnisse der "jungen Erwachsenen" zu erfüllen, so nannte der damalige Ford-Manager Lee A. Iacocca seine Zielgruppe. Das aufregende Design mit gestreckter Haube, dem knackig kurzen Heck und der sich organisch anschmiegenden Dachpartie riss nicht nur die "jungen Erwachsenen" vom Hocker, auch die ältere, eher konservative Kundschaft griff begeistert zu.
Die prickelnde Capri-Welt war so vielseitig wie bei keinem europäischen Auto zuvor. Die Kombinationsmöglichkeiten von Motoren, Ausstattungslinien und Einzel-Extras waren beinahe grenzenlos. Dazu bot der Capri eine fesche Sportwagen-Optik in Kombination mit kostengünstiger Großserientechnik und ausreichend Platz für vier Personen.

Capri-Fans reagieren eher verhalten auf das 1300er-Basismodell. In originalem Zustand belassen, hat es jedoch seinen eigenen Reiz.
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In Kombination mit dem 1,3-Liter-V4-Basismotor sprechen die Fahrleistungen aber eher die "älteren Erwachsenen" an. Der V4 klingt beim Drehen angestrengt, das ist jedoch nötig, um flott voranzukommen. Cruisen liegt dem Capri am ehesten. Die servolose Lenkung ist einigermaßen gefühlsecht, jedoch stört der spindeldürre und rutschige Lenkradkranz beim Kurbeln.
Im Slalom tendiert der Ford bei forciertem Gasfuß zu unsportlichem Untersteuern, die hintere Starrachse muss man groben Mutes zum Ausreißen zwingen – allerdings reichen dazu die 50 PS kaum aus. Auch die seitenhaltlosen Sitze laden nicht gerade zum Kurvenkratzen ein – die gemütliche Geradeausfahrt liegt dem Ford viel mehr. Die darf auch gern mit vier verschiedenaltrigen Erwachsenen stattfinden, denn das Platzangebot ist für Coupé-Verhältnisse auch hinten nicht von schlechten Eltern.
Plus/Minus
Der Ur-Capri steht für den Aufbruch in eine neue Ära, denn er markiert eine Wende in der Geschichte von Ford in Europa. Vergleichbar mit dem sensationellen Erfolg des ersten Mustang 1964 in den USA, schlug der Capri I 1969 in Europa ein wie eine Bombe. Das attraktiv gestylte Coupé mit genug Platz für vier Personen sorgte für einen Image-Wandel und verkaufte sich bis zum Produktionsende im Dezember 1973 fast 1,1 Millionen Mal. Trotz der hohen Stückzahl haben nur sehr wenige Capri I in originalem Zustand überlebt: Rost und wilde Tuning-Orgien dezimierten den Bestand erheblich.

Im Elchtest bleibt der Capri stets gut beherrschbar. Die Fahrwerksabstimmung geriet eher weich.
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Der Zustand der Bleche im Motorraum erlaubt Rückschlüsse auf den Gesamtzustand. Finden sich bereits flickenteppichartige Reparaturbleche an den Stehwänden oder Löcher an den Federbeindomen, gammelt der Capri wahrscheinlich auch an weiteren Stellen. Die vorderen Kotflügel sind mit der Karosserie verschweißt, was Reparaturen erschwert und Pfusch fördert. Unbedingt prüfen: das Windleitblech vor der Windschutzscheibe und die A-Säule im Bereich der Türanschläge. Eine Sanierung dieser Partien ist sehr aufwendig.
Der Unterboden kann praktisch an jeder Stelle von Rost befallen sein, am sichersten ist es, die Vordersitze auszubauen und den Teppich zu entfernen. Auch die Reserveradmulde und den Bereich um die Scharniere an der Heckklappe genau inspizieren. Natürlich sind auch die Rost-Klassiker ein Thema beim Capri: alle Radläufe, die Schweller auf gesamter Länge, die hinteren Endspitzen sowie die Türunterkanten.
Je nach Schwere der Umbauten sind Tuning-Maßnahmen nicht immer einfach rückgängig zu machen. Es gibt viele nachträgliche Umbauten, nicht immer mit originalen Teilen aus dem RS-Programm. Die mit anderen Ford-Modellen identische Großserien-Technik des Capri I ist dagegen weitgehend problemlos und simpel instand zu setzen.
Marktlage
In gutem Zustand haben am ehesten die leistungsschwächeren Vierzylinder-Capri überlebt, nicht selten mit Automatik-Getriebe. Bei diesen Exemplaren ist die Wahrscheinlichkeit am höchsten, einen wenig verbastelten, originalen Zustand vorzufinden. Solche Fahrzeuge findet man mit Glück für 10.000 bis 15.000 Euro. Für einen guten originalen Capri I mit V6 sollte man mit mindestens 20.000 Euro kalkulieren. Ein Überflieger ist der ehemalige Rennstrecken-Sieger und Porsche-Killer 2600 RS: Top-Autos kratzen an der 80.000-Euro-Marke.

Gute Stube oder heißes Sport-Studio, im Capri ist dank zahlreicher Extras alles möglich. Herrlich zeitgeistig: das optionale Vinyldach.
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Ersatzteile
Die Versorgungslage für Alt-Ford-Teile ist komplett in der Hand von freien Anbietern, werksseitig gibt es nicht mal mehr eine Capri-I-Zündkerze. Gut sortiert ist motomobil.com. Auch Clubs wie der Capri-Club Deutschland (capri-ersatzteile.de) kümmern sich. Vor allem in England werden immer wieder Karosserieteile nachgefertigt, jedoch ist die Passgenauigkeit häufig von einem anderen Stern. Preisbeispiele von motomobil.com: GfK-Kotflügelvorn links oder rechts je 350 Euro; Reparaturblech Schweller außen links oder rechts je 65 Euro.
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