Beziehungskiste: Günter Schiele und seine Ford Edsel
Das Marketing versprach zu viel, die Presse war gehässig und schon war der Ruf des Edsel ruiniert.
Der Ford Edsel, Amerikas vielleicht tragischstes Auto, kommt immer noch spektakulär daher. Aber war sein vertikal stehender, fast ovaler Kühlergrill denn wirklich so versaut? Als der Edsel 1958 auf den Markt kommt, lästern die Kritiker über dessen Form, die bei ganz schamhaften Geistern gar Assoziationen mit dem weiblichen Genital weckt. "Die prüden Amis meinten, der vertikale Kühlergrill sehe aus wie eine Vagina", sagt Günter Schiele (58), beruflich als einer der obersten Qualitätswächter der DEKRA tätig und zugleich Ford Edsel-Sammler. "Okay, vielleicht. Mit ganz, ganz viel Fantasie." Drei Exemplare des nur drei Jahre lang erschienen Ami-Schlittens gehören ihm.

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Beziehungskiste: Günter Schiele und seine Ford Edsel
Günter Schiele liebt Edsel jeder Größe.
Als Leser von AUTO BILD könnten Sie Schiele kennen, denn als einer der obersten Qualitätswächter der DEKRA begleitet er die Dauertests. Sein Job ist es, peinlich genau zu sein, wenn ein Dauertest nach 100.000 Kilometern endet und das Auto zerlegt wird. Schiele dokumentiert die Demontage und beurteilt den Verschleißzustand aller Bauteile. Die Industrie fürchtet diesen Typen, der Motorschäden erkennt, bevor sie passieren. Doch bei seinen eigenen Autos pfeift dieser Mann auf gleichmäßige Spaltmaße. Denn Günter Schiele liebt den Edsel.

Erst Porsche, dann die Amis

Beziehungskiste: Günter Schiele und seine Ford Edsel
An diesem Kühlergrill beziehungsweise an seiner Form störte sich das prüde Amerika.
"A bissle verrückt muss ma scho sei, gell", schwäbelt der Mann mit dem V8-Knacks. Dabei fängt alles ganz anders an: 1972 heuert er bei Porsche in Stuttgart an, wo er eine Ausbildung zum Techniker macht und bis 1992 arbeitet. Zunächst an Flugmotoren, dann in der Motorenentwicklung. "Später habe ich jedes Jahr einen neuen Elfer bestellt und als Jahreswagen mit Gewinn verkauft. Das war schon geil. Aber das ist mir irgendwann zu langweilig geworden", erzählt Schiele. Er verfällt den alten Amerikanern. "Ich hätte gern im Amerika der 50er-Jahre gelebt", sagt Schiele. Vor 13 Jahren kauft er sich seinen ersten Ami, einen 1965er Ford Mustang Convertible. Ganz nett für den Anfang. Doch als Günter tiefer in die Materie einsteigt, findet er Gefallen an einem Auto, "das man entweder hasst oder liebt".

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Flops von gestern – Liebe auf den dritten Blick

Kein schlechtes Auto

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Drei Edsel, zwei von 1958 und einer von 1960, gehören Günter Schiele.
Heute gehören Schiele zwei Edsel von 1958, dazu ein zwei Jahre jüngerer. Der stammt aus dem letzten der nur drei Modelljahre, bereits 1960 ist Schluss. Doch nicht nur die als sexistisch empfundene Form macht dem Edsel zu schaffen. Amerikas Wirtschaft ächzt Ende der 50er unter der Rezession. Das Auto fährt dem Konzern zwei Milliarden Dollar Verlust ein. Tatsächlich ist der Edsel kein schlechtes Auto. Okay, ein gemütlicher Typ, relativ durstig und vergleichsweise teuer. Aber reicht das, um ihn im Rückblick zum größten Flop der Autogeschichte hochzujazzen?
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Ein Opfer seines eigenen Marketings

Eher wurde er zum Opfer seiner eigenen Marketingkampagne. "Never before a car like it" – ein Auto wie keines vor ihm, protzten die Werbetexter. Die Kundschaft erwartete ein Fahrzeug, das mit Atomantrieb fuhr und Blaubeerpfannkuchen backen konnte – und war enttäuscht von einem soliden Auto der oberen Mittelklasse, einem Quasi-Mercury mit komischem Namen, der tragischerweise auf Edsel Ford, Henrys Sohn, zurückging. "Die Presse war gehässig und der Ruf des Edsel ruiniert", erklärt Schiele, der ein Herz für Außenseiter hat und ausnahmslos selbst schraubt. Zum Leidwesen der Autobauer ist er in seinem Job weniger gnädig als mit den Unzulänglichkeiten seiner klassischen Amis.

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Beziehungskiste: Günter Schiele und seine Ford Edsel
Beziehungskiste: Günter Schiele und seine Ford Edsel
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Der Sammler der schamlosen Ford Edsel

Von

Lukas Hambrecht