Kolumbus hat Amerika eher aus Versehen entdeckt und Marco Polo war auch ein bisschen länger unterwegs als geplant – Entdecker leben nach ihrer eigenen Zeit. Das musste auch Ford lernen, als die Kölner den Fiesta gestoppt und in ihrem Stammwerk den europäischen Explorer auf Kiel gelegt haben.
Denn obwohl sie sich aus dem Modularen Elektrobaukasten des VW-Konzerns bedient haben, um Zeit zu sparen, haben sie sich bei ihrem ersten elektrischen Pkw aus Europa für Europa dann doch ein Jahr Verspätung eingefangen und obendrein noch eine peinliche Pause in der Produktion in Köln. Doch jetzt schimmert so langsam etwas Licht in den Tunnel und endlich steht der Explorer bereit, um zu zeigen, ob er das Warten wenigstens wert war.
Mit dem US-Modell hat er dabei nur den Namen gemein. Denn aus dem Big Mac wird ein vergleichsweise schlanker Crossover, der mit 4,47 Metern genau zwischen VW ID.3 und ID.4 steht. Vor allem aber leistet er sich mehr Kanten und damit mehr Charakter als die rundgewaschenen Seifenstücke als Niedersachsen.
Mit etwas Verspätung serviert uns Ford endlich den Explorer Electric.
Bild: Ford
Leider sind die Unterschiede innen nicht ganz so groß – zumindest für den Fahrer. Der blickt wie üblich in das Mini-Display hinter dem Lenkrad, sucht darunter den Startknopf, dreht rechts am Stöckchen, ob er vorwärts oder rückwärts fahren und zumindest ein bisschen rekuperieren will beim Bremsen und fingert auf den breiten Speichen orientierungslos über die Sensortasten, die sie in Wolfsburg gerade wieder ausmustern.

Ford Explorer: kreative Innenraumgestaltung

Dafür allerdings ist die Mittelkonsole umso eigenständiger – nicht nur, weil davor senkrecht ein 15 Zoll großer Monitor prangt, auf dem Fords eigene, sehr viel eingängigere Software läuft. Sondern weil es dahinter auch ein Geheimfach gibt, das an der Zentralverriegelung hängt und zum Beispiel Handy oder Haustürschlüssel schluckt, wenn man zum Joggen, ins Kino oder zum Einkaufen geht. Und davor hat Ford zwischen die Sitze ein Hochregal gezimmert, dessen Einschübe und Raumteiler mehr Raum für Kreativität und Variabilität bieten als jeder Lego-Kasten. Da dürften selbst die Skodas staunen, mit ihren simply cleveren Details.
Einen Frunk sucht man beim Explorer vergeblich.
Bild: Ford
So praktisch die Mittelkonsole ist, hätten sie doch eigentlich gleich noch einen Frunk bauen können. Nicht, dass der Kofferraum mit 536 bis 1422 Litern zu klein wäre. Aber wenn man das Ladekabel tatsächlich mal braucht und aus dem Souterrain ziehen will, dann ist es natürlich voll, es regnet und man hat die helle Hose an.
Aber es gibt Hoffnung: Als erster Hersteller stellt Ford den Kunden die Konstruktionsdaten von weiteren Ablagen, Haltern und Trennelementen zum Download bereit, die sich dann jeder am 3D-Drucker selbst drucken kann. Vielleicht gibts da irgendwann auch mal einen Kabelkoffer für die Klappe im Bug.
Das Cockpit wird dominiert von einem 15 Zoll großen Monitor.
Bild: Ford
Während der Aufbau einen gewissen Eigensinn zeigt, ist auch die Abstimmung bei Ford wie immer ein bisschen strammer und engagierter ist als bei VW. Natürlich ist der Explorer vom ID.3 nicht so weit weg wie der selige Fiesta vom Polo, und das Leergewicht von 2,1 Tonnen lastet vor allem in flotten Kurven schwer auf dem Entdecker. Aber trotzdem fühlt sich der Ford ein wenig verbindlicher an, wenn er im besten Fall in 5,3 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 sprintet, lenkt schärfer ein und bremst bissiger.

Los geht's mit 170 PS

Beim Antrieb selbst gibt es keine Unterschiede. Der 42.500 Euro teure Einsteiger mit 170-PS-Heckmotor und 52-kWh-Akku für 384 Norm-Kilometer kommt zwar erst Ende des Jahres. Aber den Hecktriebler mit 286 oder den Allradler mit 340 PS kennt man schon aus der ID-Familie – genau wie die Akkus mit 77 oder 79 kWh Netto-Kapazität für 566 bis 602 Kilometer, von denen der kleine allerdings nur mit 135 kW lädt, während der große schon auf 185 kW kommt.
Für den elektrischen Explorer werden mindestens 42.500 Euro fällig.
Bild: Ford
Um so spannender ist der Blick in die Preisliste, die bei Ford bis zum Debüt des Einstiegsmodelle mit 49.500 Euro für den Hecktriebler und 53.500 Euro für den Allradler beginnt. Wer es ein bisschen schicker mag und Extras will wie das vegane Leder oder die elektrische Heckklappe, der zahlt 3700 Euro Aufschlag für die Premium-Version und muss dann für Panoramadach oder Wärmepumpe nochmal in die Tasche greifen.
Da hätten wir uns ein bisschen Großzügigkeit für so einen Nachzügler gewünscht. Erst recht, weil der Explorer immerhin 2000 Euro mehr kostet als ein gleich motorisierter ID.3 und kaum billiger als der ID.4. Im Gegenteil: Weil VW auch die kleinen Akkus schon im Rennen hat, gibt’s den größeren ID.4 aktuell sogar schon für 9000 Euro weniger.
Natürlich kann der Explorer seine Wolfsburger Wurzeln nicht verhehlen, und den Hoffnungsträger nach einem US-SUV aus grauer Vorzeit zu nennen, war sicher auch nicht die allerbeste Idee. Doch das Design ist gelungen, der Innenraum pfiffig, und an der Technik gibt's nichts auszusetzen. So schwimmt Ford jetzt endlich mit auf der elektrischen Welle. Und was lange währt, wird doch noch gut.