Ford Mustang: Western von gestern
Fords heißester Hengst galoppiert weiter
Von wegen alles auf E! Während Ford in Köln den Flirt mit der elektrischen Zukunft wagt, kommt aus Detroit noch mal ein nagelneuer Mustang nach der ganz alten Schule.
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Es herrscht ein Summen im Ford-Stammwerk wie in einem Bienenstock. Nachdem die Kölner mit reichlich Verspätung endlich die Produktion des europäischen Explorers auf Basis von VW ID3 und ID4 zum Laufen gebracht und dafür sogar den Fiesta geopfert haben, steht die Marke in Europa gar vollends unter Strom.
Doch jetzt mischt sich in den ganzen Elektropop plötzlich wieder ein bisschen handgemachter Motown-Sound – authentisch, ungehobelt, laut und dreckig. Denn zwischen all den E-Autos aus der Vorproduktion parken die ersten neuen Mustang, die es mehr als ein Jahr nach der US-Premiere pünktlich zum 60. Geburtstag jetzt auch wieder zu uns schaffen. Während sie in Köln aufs heftigste mit der Zukunft flirten, kommt aus Detroit deshalb noch einmal ein nagelneuer Sportwagen nach der ganz alten Schule.
Zwar werden sie auf der anderen Seite des Atlantiks nicht müde, vom "All New Mustang" zu sprechen. Doch zumindest auf den ersten Blick sieht das Pony Car aus wie immer. Und das ist auch gut so. Rock-Giganten wie die Stones, AC/DC oder Guns'n'Roses erfinden sich ja auch nicht für jedes Album neu, sondern spielen immer wieder die gleichen Hits.

Innen atmet der Mustang einen frischeren Zeitgeist.
Bild: Fabian Hoberg / Thomas Geiger / AUTO BILD
Und genauso ist es bei einem Sportwagen, der sich in sechs Dekaden mehr als zehn Millionen Mal verkauft hat und seit über einem Jahrzehnt die Charts anführt: Egal ob mit festem Dach oder mit der Stoffmütze des Cabrios behält der Mustang deshalb die endlos lange Haube hinter seinem stolzen Grill, immer sind die Kotflügel weit ausgestellt und prall gefüllt wie Bruce Springsteens hoch gekrempelte Hemdsärmel und wie immer ist das Heck knackig und gespannt, wie bei einem Wildpferd vor dem Sprung. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man die neue Schärfe im Design, das geglättete Blech und die neuen Leuchten, die hinten mit ihrem Pfeil-Design verspielter wirken, als es einem Mustang guttut.
Innen atmet der Mustang dann schon einen frischeren Zeitgeist. Denn, als wolle er sich auf die Play-Station wagen, prangt hinter dem Lenkrad jetzt ein digitales Display, das bald ein Dutzend Darstellungen kennt und nach rechts in einen riesigen Touchscreen ausufert. Darüber laufen neben Navigation und Infotainment all die Apps und Einstellungen, mit denen man sich und sein Auto fit macht für die Rennstrecke und für den Dragstrip. Das ist zwar praktisch und passt in die Zeit, wirkt aber ein bisschen so, als schaue man Western von gestern nicht auf Celluloid, sondern in 4K auf dem LED-Display.
Ford Mustang: Achtzylinder stimmt klassisches Lied an
Aber all der neumodische Kram ist ohnehin vergessen, wenn ein Druck auf den Startknopf den Mustang zum Leben erweckt und der Achtzylinder sein lustvolles Lied anstimmt. Daheim in Amerika mag es den Wagen auch als Vier- oder Sechszylinder geben, schließlich zählt dort jeder Dollar. Doch bei uns hat Ford die einzig richtige Entscheidung getroffen und sich auf den V8 fokussiert. Wer Mustang sagt, der will auch acht Zylinder. John Wayne steigt ja auch nicht auf ein Pony. Und die Elektrifizierung kann dem Sportwagen ebenfalls gestohlen bleiben. Wofür haben sie schließlich den Mustang Mach-E gebaut?

Der Motor ist zwar ein alter Bekannter, wurde aber beim Generationswechsel gründlich modernisiert.
Bild: Fabian Hoberg / Thomas Geiger / AUTO BILD
Also stampfen acht Kolben durch die ewigen Weiten von fünf Litern Hubraum und es klingt, als trabe eine ganze Herde Wildpferde durch die Prärie. Stolz und sonor bei moderater Drehzahl, frenetisch, ja infernalisch, wenn der digitale Zeiger sich dem roten Bereich nähert. Und als wäre das nicht schon genug der analogen Anmache, garniert Ford das auch noch mit einem wunderbar direkten Schaltgetriebe, bei dem der Knauf knochentrocken durch die kurzen Gassen klackert. Mag schon sein, dass die zehnstufige Automatik effizienter ist, den Sprint verbessert und ein paar km/h mehr Tempo erlaubt. Aber wer im Mustang freiwillig den Knüppel aus der Hand gibt, der fragt beim Sex auch nach Socken.
Der Motor ist zwar ein alter Bekannter, wurde aber beim Generationswechsel gründlich modernisiert und leistet schon in der Grundversion 446 PS und 540 Nm. Und wer das neue "Dark Horse" bestellt, bekommt neben einem schärferen Track-Package mit adaptivem Fahrwerk und bissigen Brembos auch 453 PS.

Die Zeiten, in denen das Musclecar nur gerade aus schnell war, die waren schon in der letzten Generation vorbei.
Bild: Ford
Aber so viel Mühe sich die Entwickler auch mit dem ernsthaften Engagement auf der Piste auch gegeben haben mögen, braucht es im Mustang keine Finesse und keinen Firlefanz. Sondern als Sportwagen nach der alten Schule darf der seine Leistung gerne mit dem Holzhammer auf die Straße prügeln. Denn im Rausch der Endorphine fragt keiner mehr, ob der Sprint jetzt in 4,4 oder in 5,3 Sekunden gelingt und ob am Ende 250 oder 263 km/h auf dem Digitaltacho stehen.
Mustang ist gar nicht mehr so störrisch
Wichtig sind allein der Spaß an der Freude und das Gefühl, einen störrischen Gaul mit starker Hand am kurzen Zügel zu führen. Wobei der Mustang gar nicht mehr so störrisch ist. Sondern die Zeiten, in denen das Muscle Car nur gerade aus schnell war, die waren schon in der letzten Generation vorbei. Mittlerweile giert der Gaul förmlich nach Kurven, und auf dem Gesicht des Fahrers macht sich keine Furcht breit sondern Freude. Es müssen ja nicht gleich die Serpentinen eines Alpenpasses sein. Dafür nimmt man besser einen Boxster. Aber egal ob Siebengebirge oder Smokey Mountains, Harz oder Hollywood Hills – selten hat eine eilige Landpartie mehr Spaß gemacht.
Was der Mustang bei Antrieb und Abstimmung mittlerweile an rabiater Raffinesse zu bieten hat, das fehlt ihm beim Ambiente nach wie vor. Die Materialauswahl jedenfalls ist – nun ja – eher preisbewusst als premium und das letzte Quäntchen an Präzision lassen die Jungs in Detroit wie bisher vermissen. Grobe Schalterleisten, hartes Plastik und lose Gummimatten in den Ablagen – aber irgendwo muss der Kampfpreis schließlich herkommen.

Der Mustang startet bei uns als Coupé für 59.900 Euro.
Bild: Fabian Hoberg / Thomas Geiger / AUTO BILD
Denn auch an der Kasse bleibt sich der Mustang treu – und startet bei uns als Coupé bei 59.900 Euro. Die Automatik kostet 3000 Euro mehr, frische Luft gibt es ab 65.000 Euro und für das nur als Coupé erhältliche Dark Horse werden mindestens 72.500 Euro fällig. Natürlich ist das viel Geld für einen Ford. Erst recht für einen ohne Akkus und E-Motor. Aber gemessen an der Motorisierung ist der Mustang ein Schnäppchen – und wird zu dem mit großem Abstand billigsten Achtzylinder am Markt. Erst recht, seitdem die V8-Motoren in Allfalterbach & Co bis weit jenseits der Mittelklasse zunehmend auf dem Altar der Political Correctness geopfert werden.
Aber sollen die Herren Manager in ihren feinen Vorstandsbüros in Stuttgart, München oder Ingolstadt doch mit dem Zeitgeist gehen. Ein Westernheld hat sich noch nie um die Mode geschert.
Fazit
Natürlich gibt es ausgefuchstere Sportwagen, welche die stärker und schneller sind und präziser. Aber kaum ein Sportwagen ist so ehrlich, authentisch und vor allem so nahbar wie der Mustang. Und das zu einem in dieser Liga unschlagbaren Preis. Schön, dass sie sich solch einen Wildfang wenigsten in Detroit noch leisten.
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