Das Gerücht hielt sich hartnäckig, jetzt ist die Katze endlich aus dem Sack: Teamchef Otmar Szafnauer (57) verlässt Aston Martin. Das hat das britische Formel-1-Team am Mittwoch bestätigt. Noch offen sind dagegen viele andere Fragen – auch für Aston Martin-Topfahrer Sebastian Vettel (34).
AUTO BILD erfuhr: Der Heppenheimer selbst wusste bis Saisonende nicht, ob Szafnauer bleibt oder nicht. Bis zuletzt verhielt sich der US-Amerikaner ganz normal, hielt beim finalen Team-Abendessen sogar noch eine Rede. „Ich gehe davon aus, dass wir für 2022 einen guten Job gemacht haben“, sagte er zudem erst kürzlich in einem Interview.
Für klare Verhältnisse wurde erst jetzt gesorgt, dabei wird schon seit Monaten über den Abgang des US-Amerikaners gemunkelt, auch intern. Bereits im Frühjahr meldete Radio Fahrerlager nach den ersten enttäuschenden Ergebnissen des grünen Renners, Teambesitzer Lawrence Stroll sei unzufrieden mit der Arbeit seines Teamchefs. Der wiederum beklagte die zu große Abhängigkeit von Mercedes, die aus der „pinken Kopie“ des 2019er-Silberpfeils für 2020 resultierte und 2021 aufgrund neuer Regeln floppte.
Als Stroll im Sommer Ex-McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh als Geschäftsführer der Aston-Martin-F1-Gruppe und damit als Szafnauers Boss installierte, war für die meisten Beobachter klar: Das ist das Ende des hemdsärmeligen Teamchefs, der das komplette Gegenteil des unnahbaren Ron Dennis-Zöglings Whitmarsh darstellt. Wenig später wurde Szafnauer mit einem Wechsel zu Alpine in Verbindung gebracht. Dort soll seine besondere Stärke wieder mehr zum Tragen kommen: ein Team mit effizienter Arbeitsweise ins vordere Mittelfeld zu führen.
Brisant für sein Ex-Team: Schon 2021 war Alpine (Rang fünf) mit Fernando Alonso und Esteban Ocon einer der größten Gegner von Aston Martin (Rang sieben), hatte in der Konstrukteurs-WM fast doppelt so viele Punkte wie die Briten.
Szafnauer gilt als enger Vertrauter von Sebastian Vettel.
Für Sebastian Vettel ist das ein schwerer Schlag. Nur ein Grund: Szafnauer gilt als enger Vertrauter des Deutschen, holte ihn zu Aston Martin. Whitmarsh dagegen war in seiner Zeit bei McLaren stets Vettels Gegner, kritisierte ihn nach einem Unfall mit Jenson Button (McLaren) in Spa 2010 sogar als „Crash-Kid“.
Ob Whitmarsh neben seiner Rolle als Group-CEO jetzt auch bei Aston Martin die Rolle des Teamchefs übernehmen wird, ist unklar. Bis ein Nachfolger gefunden ist, soll eine Gruppe führender Ingenieure die Mannschaft leiten, teilte Aston Martin mit. Dazu gehört auch Technikchef Andy Green. Angesichts der Regelrevolution, die 2022 komplett neue Autos bringen wird, sind das keine guten Voraussetzungen – zumal auf dem Fabrikgelände parallel auch ein neues Werk inklusive eines neues Simulators entsteht.
Ins schwierige Bild passt: Vettel blieb mit seinem Ausblick schon am Saisonende 2021 im Interview mit ABMS zurückhaltend. „Die Motivation ist da, wir versuchen uns gemeinsam zu steigern und das Team versucht alles zu drehen und zu wenden, was möglich ist“, sagte er da. „Die neuen Regeln bieten 2022 eine große Chance. Aber wir müssen auch realistisch bleiben und dürfen nicht über die Favoritenrolle reden, sondern müssen schauen, wie gut unser Auto ist.“
Allein: Die Entwicklung rund um die Teamspitze könnte auch Vettels eigene Zukunft beeinflussen. Sein Vertrag muss für 2023 genau wie schon im vergangenen Jahr wieder verlängert werden. Insider vermuten, dass der Hesse seine Karriere beenden könnte, wenn der Erfolg in diesem Jahr erneut ausbleibt.
Vettel bleibt auch bei diesem Thema vage: „Natürlich stellt man sich manchmal die Sinnfrage. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mir der Gedanke noch nicht durch den Kopf gegangen wäre … Wenn ich den inneren Antrieb und Ehrgeiz nicht mehr spüre und nur dabei bleibe, um Nachrichten zu vermitteln oder den Kontostand zu erhöhen, wäre das ein Verrat an der Generation, die noch kommt und diesen Traum lebt. … Aber das Feuer brennt noch.“
Der Satz fiel, als Szafnauer noch Teamchef bei Aston Martin war.

Von

Bianca Garloff