Die Präsentation war ein voller Erfolg: Teambesitzer Lawrence Stroll (62) persönlich zeigte den neuen Aston Martin AMR22 der Öffentlichkeit. Unter den Gästen war auch Formel-1-Chef Stefano Domenicali (56). Der saß neben dem aktuellen Aston Martin-F1-CEO und früheren McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh und spendete Applaus, als die englische Flagge vom grünen Renner gezogen wurde.
Dennoch stellt sich nur einen Tag nach dem Event am Aston Martin-Firmensitz in Gaydon die Frage: War das alles nur schöner Schein?
Insidern zufolge ist man bei Aston Martin jedenfalls längst nicht so vom neuen Auto überzeugt, wie man nach außen hin vermitteln wollte. Laut Formel-1-Designexperte Giorgio Piola (Motorsport.com Italien) planen die Briten sogar schon jetzt, zur Saisonmitte eine B-Version des AMR22 auf die Strecke zu bringen. Der Zeichner nimmt in einem Video kein Blatt vor den Mund: „Der Aston Martin sieht wirklich hässlich aus.“
Dazu passt: Bei der Präsentation stach Beobachtern das aus der Vogelperspektive sehr breit wirkende Heck ins Auge. Zum Vergleich: Die Vorabversion des neuen Haas VF-22 von Mick Schumacher ist im Bereich des Antriebs deutlich schmaler und weist erkennbar die beispielsweise von Red Bull stets favorisierte Flaschenhals-Form auf. Das heißt: Das Heck des Schumacher-Renners ist extrem eng gestaltet, das wiederum verbessert den Luftstrom. Die Seitenkästen an Vettels Aston Martin bauen dagegen sehr breit und sind deutlich unterschnitten. Auch die Kühleinlässe geben Rätsel auf. Neben einer viereckigen Öffnung ist eine ovale Fläche unlackiert geblieben. Was sich dahinter verbirgt, ist unklar.
Der Aston Martin hat ein deutlich ausladenderes Heck.

Einen ersten Eindruck dürfte der Heppenheimer indes schon vom neuen Auto gewonnen haben. Am heutigen Freitag fand der Shakedown in Silverstone statt. Bereits in seinen Interviews am Donnerstag deutete der Ex-Weltmeister aber an: „Entweder haben wir ein Auto, das von vornherein gut ist – oder wir können es verbessern.“ Können oder vielleicht sogar müssen?
Denn auch sein Technikchef Andrew Green ließ mit vorsichtigen Aussagen aufhorchen: „So etwas wie die Entwicklung dieses Autos habe ich noch nie erlebt. Wenn ich es mit einem Wort zusammenfassen müsste, so würde ich sagen – nervenzerreißend.“
Der Brite verweist auf das neue Regelwerk, den größten Technikumbau seit Anfang der 1980er Jahre. Green: „Die Umstellung des Reglements zu Bodeneffekt-Autos ist beispiellos in der Geschichte der Formel 1. Wir haben noch nie so viel gearbeitet. Ich glaube, dass wir bei allen Rennställen eine enorme Entwicklung erleben werden. Das neue Reglement ist auch für uns Techniker eine aufregende Sache und bietet große Chancen, aber es zerrt wirklich an den Nerven.“
Doch nicht nur die neue Aerodynamik, auch die 18-Zoll-Niederquerschnittsreifen stellen die Techniker vor ganz neue Herausforderungen.
„Die meisten Leute sprechen im Zusammenhang mit den 2022er Autos von der Aerodynamik“, erklärt Green. „Aber für mich ist die Umstellung auf die größeren Räder ein mindestens so großer Schritt ins Unbekannte.“
Immerhin: Green selbst deutet an, dass man offenbar in der Lage ist, schnell und flexibel zu reagieren – besonders im Bereich der Seitenkästen. „In der Theorie führen viele Wege zum Ziel. Wir haben das Konzept so ausgelegt, dass wir schnell reagieren können. Zum Beispiel haben wir die Kühler so installiert, dass wir jederzeit die Form der Seitenkästen ändern können. Ich erwarte, dass die Autos vom Design her schneller konvergieren als sonst.“
Allen Spekulationen also zum Trotz: Die Wahrheit liefert immer erst die Stoppuhr auf der Rennstrecke. Bis die erste Ergebnisse liefert, müssen sich die Fans noch knapp zwei Wochen gedulden. Zum ersten Härtetest rücken die Teams ab dem 23. Februar in Barcelona aus.

Von

Bianca Garloff