Diesen Auftakt ins Baku-Wochenende hätte keiner weniger gebrauchen können als Mick Schumacher: Gerade einmal drei Runden weit kommt der Deutsche im ersten Freitagstraining, dann streikt sein Haas mit einem kapitalen Wasserleck im Kühlsystem. Schumi Jr. muss sein Auto im Notausgang abstellen, das Training auf dem anspruchsvollen Stadtkurs in Baku ist für ihn vorzeitig beendet.
So viel Wasser wie rauskam, noch dazu so schnell, da muss etwas ordentlich kaputt sein", räumt Teamboss Günther Steiner zähneknirschend ein. Für Haas spitzt sich die Lage damit weiter zu, denn Teile sind beim US-Team dieser Tage knapp: "Im Moment ist unser größtes Problem, mit der Produktion nachzukommen, weil wir zuletzt so viele Schäden hatten", sagt Steiner und spielt damit einmal mehr auf die vielen Unfälle Schumachers an.
Den Deutschen hatte er zuletzt vor weiteren Crashs gewarnt, für diesen Führungsstil aber seinerseits harsche Kritik von Schumachers Onkel Ralf geerntet. Immerhin: Im zweiten Baku-Training zeigt Mick Schumacher, dass er sich die Worte offenbar zu Herzen genommen hat: Trotz der erschwerten Umstände durch die verlorene Trainingszeit, hält er sich von den Mauern fern, beendet die Session schließlich als 19.
Zaungast: Mick Schumacher kann nach Defekt nur zuschauen

Auch mit dem steigenden Druck geht Schumi Jr. selbstbewusst um, denn langsam fahren ist für ihn keine Option: "Wir wollen Punkte holen, dafür müssen wir in gewisser Weise ins Risiko gehen", sagt Schumacher und fügt hinzu: "Es liegt an mir, das richtige Maß zu finden."
Dabei gibt es laut dem 23-Jährigen durchaus noch etwas Lernbedarf, trotzdem will er sich in seiner zweiten Formel-1-Saison von den Kritikern nicht alles schlechtreden lassen. "Wenn ich mich für die Leistung belohnt hätte, dann sähe die Diskussion jetzt anders aus", glaubt Schumacher, der beispielsweise in Miami ein starkes Rennen zeigte, ehe ihn kurz vor Schluss ein Crash mit Kumpel Sebastian Vettel die ersten Punkte kostete. Diese sind laut Schumacher aber "nur eine Frage der Zeit."
In Baku dürften sie für ihn und sein Haas-Team, das ohne Updates im Vergleich zur Konkurrenz immer weiter zurückfällt, aber schwer werden: Teamkollege Kevin Magnussen, der als besserplatzierter Haas-Pilot auch nur 17. wird, hat am Freitag bereits 2,3 Sekunden Rückstand auf die Bestzeit von Ferrari-Fahrer Charles Leclerc.
An der Spitze sorgt indes nicht nur der schnelle Scuderia-Star für Würze im WM-Kampf, sondern auch Sergio Perez: Der Monaco-Sieger befindet sich weiter im Aufwind und ist am Freitag gleich in beiden Trainings schneller als Red-Bull-Teamkollege Max Verstappen. Drei Zehntel nimmt Perez dem Niederländer in der ersten Session ab, in der zweiten ist er immer noch eine Zehntel vor dem Weltmeister.
Bestzeit vor beiden Red Bull: Charles Leclerc Trainingsschnellster

Für eine Überraschung sorgt in den Trainingsläufen auch Alpine-Altstar Fernando Alonso mit den Plätzen vier und fünf - möglich gemacht durch einen ultraschmalen Heckflügel und extra niedrige Downforce. Während die lange Gerade in Baku Alpines Paket in die Karten spielt, hat Mercedes damit die altbekannten Probleme: Der W13 hat erneut mit starkem Bouncing zu kämpfen, Rekordchampion Lewis Hamilton hoppelt im zweiten Training nur auf Platz zwölf.
Aston-Martin-Star Sebastian Vettel landet eine Position davor auf Rang elf, ist aber trotzdem zufrieden: "Insgesamt war es ganz okay, wir haben gut in den Rhythmus gefunden. Es muss noch bisschen was kommen, wir haben aber auch noch was in uns", kommentiert Vettel, der immerhin die meisten Runden aller Fahrer dreht. "Wir müssen realistisch bleiben, denn wir haben keine neuen Teile hier. Wenn wir um den zehnten Platz reinstoßen können, wäre es ein Riesenerfolg."

FIA-Boss irritiert, Vettel zeigt Rückgrat

Fast noch wichtiger dürfte für Vettel in Aserbaidschan aber seine Mission abseits der Rennstrecke sein: Der Hesse sieht sich gerade durch irritierende Aussagen des neuen FIA-Präsidenten Mohammed bin Sulayem mehr denn je in der Pflicht, für seine Überzeugungen einzutreten.
Der FIA-Boss hatte im Vorfeld des Rennens für Kopfschütteln gesorgt, indem er hinterfragte, ob der Sport nicht mittlerweile "zu politisch" geworden sei. "Vettel fährt jetzt ein Regenbogenfahrrad, Lewis engagiert sich leidenschaftlich für Menschenrechte und Lando Norris befasst sich mit psychischer Gesundheit", erklärte Bin Sulayem und fügte hinzu, dass Legenden wie Niki Lauda oder Alain Prost sich einfach nur aufs Rennfahren konzentriert hätten.
Aktivist oder Rennfahrer? Sebastian Vettel kämpft für seine Sache

Wenngleich der Präsident des Automobilweltverbands im Nachgang seiner Aussagen darum bemüht war, die Wogen zu glätten und auf Twitter mittlerweile zurückruderte, zeigt sich Vettel in Baku unbeirrt: "Diese Themen sind wichtiger als wir, wichtiger als der Sport. Wir sollten dafür weiter Aufmerksamkeit erzeugen und den Leuten zeigen, dass es viele Dinge gibt, die wir besser machen können", erklärt der Heppenheimer.
Der F1-Auftritt in Aserbaidschan ist auch deshalb ein Reizthema, weil die Königsklasse dazu beiträgt, dass das autoritäre Regime von Präsident Ilham Aliyev durch internationale Sportevents sein Image aufpolieren kann - obwohl Menschenrechtsorganisationen ihm seit Jahren Unterdrückung von Oppositionellen und die strake Einschränkung von Presse- und Meinungsfreiheit vorwerfen.
Deshalb aber gar nicht in Baku, oder auch bei vergleichbaren Fällen wie in Saudi-Arabien oder Bahrain, anzutreten, hält Vettel für den falschen Weg: "Wenn wir keine Rennen veranstalten, können wir überhaupt nichts bewirken. Aber wenn wir in diesen Ländern Rennen fahren und höflich, aber bestimmt für das eintreten, was wichtig ist, können wir eine positive Wirkung erzielen. Werte und Prinzipien können nicht an Grenzen Halt machen", so Vettel.

Formel 1 Grand Prix von Aserbaidschan
2. Freies Training

1. Charles Leclerc (Monaco) – Ferrari 1:43,224 Min.
2. Sergio Perez (Mexiko) – Red Bull +0,248 Sek.
3. Max Verstappen (Niederlande) – Red Bull +0,356
4. Fernando Alonso (Spanien) – Alpine +0,918
5. Carlos Sainz Jr. (Spanien) – Ferrari +1,050
6. Pierre Gasly (Frankreich) – Alpha Tauri +1,091
7. George Russell (Großbritannien) – Mercedes +1,324
8. Yuki Tsunoda (Japan) – Alpha Tauri +1,343
9. Esteban Ocon (Frankreich) – Alpine +1,385
10. Lando Norris (Großbritannien) – McLaren +1,547
11. Sebastian Vettel (Heppenheim) – Aston Martin +1,557
12. Lewis Hamilton (Großbritannien) – Mercedes +1,650
13. Lance Stroll (Kanada) – Aston Martin +1,650
14. Daniel Ricciardo (Australien) – McLaren +1,835
15. Valtteri Bottas (Finnland) – Alfa Romeo +1,891
16. Zhou Guanyu (China) – Alfa Romeo +2,040
17. Kevin Magnussen (Dänemark) – Haas +2,364
18. Alexander Albon (Thailand) – Williams +3,173
19. Mick Schumacher (Gland/Schweiz) – Haas +3,201
20. Nicholas Latifi (Kanada) – Williams +3,994

Formel 1 Grand Prix von Aserbaidschan
1. Freies Training

1. Sergio Perez (Mexiko) – Red Bull 1:45,476 Min.
2. Charles Leclerc (Monaco) – Ferrari +0,127 Sek.
3. Max Verstappen (Niederlande) – Red Bull +0,334
4. Carlos Sainz Jr. (Spanien) – Ferrari +0,536
5. Fernando Alonso (Spanien) - Alpine +1,095
6. Lewis Hamilton (Großbritannien) - Mercedes +1,191
7. Yuki Tsunoda (Japan) - Alpha Tauri +1,220
8. George Russell (Großbritannien) - Mercedes +1,229
9. Pierre Gasly (Frankreich) – Alpha Tauri +1,354
10. Esteban Ocon (Frankreich) – Alpine +1,441
11. Lando Norris (Großbritannien) – McLaren +2,215
12. Lance Stroll (Kanada) – Aston Martin +2,371
13. Kevin Magnussen (Dänemark) – Haas +2,470
14. Sebastian Vettel (Heppenheim) – Aston Martin +2,494
15. Valtteri Bottas (Finnland) – Alfa Romeo +2,602
16. Zhou Guanyu (China) – Alfa Romeo +2,746
17. Alexander Albon (Thailand) – Williams +2,943
18. Daniel Ricciardo (Australien) – McLaren +3,334
19. Nicholas Latifi (Kanada) – Williams +5,445
20. Mick Schumacher (Gland/Schweiz) – Haas +12,856

Von

Frederik Hackbarth