Nach Siegen in Silverstone und Spielberg peilt Ferrari beim Frankreich GP in Le Castellet am Wochenende den Sieg-Hattrick in der Formel 1 an: Zwei Scuderia-Bestzeiten am Freitag unterstreichen die aktuelle Form der Roten aus Maranello und ihren wiedererlangten Favoritenstatus.
Zur Mittagszeit hat Charles Leclerc die Nase zwar nur 91 Tausendstel vor WM-Spitzenreiter Max Verstappen, in der zweiten Session am späten Nachmittag hängt Ferrari den Red-Bull-Star aber deutlich ab: Carlos Sainz liegt als Tageschnellster eine Zehntel vor Teamkollege Leclerc, aber schon über eine halbe Sekunde vor Verstappen auf Rang drei.
"Das zweite Training war für uns heute etwas schwieriger, wir hatten nicht die erhoffte Balance", beklagt Verstappen nach der Session. "Unser Longrun war zwar etwas besser, aber die Reifen überhitzen schnell, wir haben also noch Arbeit vor uns", sagt der Niederländer und stellt fest: "Insgesamt ist die Strecke hier sehr hart zu den Reifen."
"Der Verschleiß hier ist enorm, das wird Ferrari helfen", glaubt Experte Johnny Herbert. Der Ex-F1-Pilot erklärt: "Der Ferrari rotiert in den Kurven leichter und hat damit einen weicheren Weg, die Reifen aufzuladen und dabei mehr zu schonen." Bei Streckentemperaturen jenseits der 50 Grad ein entscheidender Faktor.
Max Verstappen vor großer Aufgabe: Ferrari ist sehr schnell

Red-Bull-Teamchef Christian Horner will die Flinte trotz des großen Rücktands am Freitag noch nicht ins Korn werfen: "Ehrlich gesagt ist Ferrari schon die ganze Saison über sehr wettbewerbsfähig und sie sehen auch hier wieder schnell aus. Unser Longrun stimmt mich aber ganz zuversichtlich. Es war die ersten elf Rennen der Saison eng zwischen uns und ich gehe davon aus, dass es hier nicht anders sein wird", sagt Horner.
Dass sein Team nach den Trainingsläufen aber Aufholbedarf hat, weiß auch der Brite. Sergio Perez kommt mit Problemen am Querstabilisator nicht über Platz zehn raus, Verstappen beschwert sich am Funk indes über zu viel Untersteuern. "Wir haben vor allem Probleme auf der Vorderachse und gerade im dritten Sektor müssen wir noch aufholen", räumt Horner ein.
Das Duell mit Ferrari ist in Le Castellet auch ein Kampf der Konzepte. Horner: "Sie setzen mehr auf Downforce, wir generieren unsere Zeit hier auf andere Weise. Man sieht es auch an den Flügeln, wir sind dieses Wochenende ziemlich unterschiedlich unterwegs."
Das zeigen auch die Daten: Während Perez und Verstappen mit 335 respektive 334 km/h die besten Top-Speed-Werte erzielen und deshalb im zweiten Sektor mit der langen Geraden am schnellsten sind, brillieren die Ferrari-Piloten in Sektor eins (Leclerc) und drei (Sainz).
Passend dazu: Die offiziellen Hochrechnungen der F1 sehen Ferrari am Freitag in den langsamen Kurven fast vier Zehntel vor dem Rest des Feldes. "Hinzu kommt ihre unglaubliche Traktion, die zuletzt auch schon in Spielberg zu beobachten war", analysiert Experte Anthony Davidson.
Manchmal hilft nur das gute alte Tape, wie hier am Red Bull

Red Bull und Mercedes sind in Frankreich mit größeren Update-Paketen angereist, nicht alles funktioniert dabei jedoch auf Anhieb: An Verstappens Auto hält im ersten Training beispielsweise das seitliche Luftleitblech nicht den Belastungen stand und muss mit Tape unterstützt werden.
Ferrari hat in Le Castellet unterdessen wenig neue Teile dabei, besinnt sich lieber auf altbekannte Stärken: Die Italiener hatten bereits beim Kanada GP ein umfangreiches neues Flügel-Paket gebracht und damit etwas aerodynamische Balance gegen Downforce eingetauscht. Eine Rechnung die seither aufzugehen scheint, wie die jüngsten Erfolge zeigen.
Allein: Im Kampf um den Hattrick dürfte Leclerc am Sonntag Einzelkämpfer sein. Bei Stallgefährte Sainz muss nach dem feurigen Motorschaden in Österreich die Steuerelektronik des Aggregats gewechselt werden, für den Spanier geht es in der Startaufstellung am Sonntag deshalb um zehn Plätze nach hinten.
Eindeutig nur dritte Kraft ist in Südfrankreich Mercedes, die besonders im Bereich des hinteren Unterbodens umgebaut haben, um den Diffusor effizienter anzuströmen. Trotzdem haben George Russell und Lewis Hamilton am Freitag auf den Plätzen vier und fünf fast eine Sekunde Rückstand. Der Rekordweltmeister hatte an seinem 300. Grand-Prix-Wochenende den Silberpfeil in der ersten Session noch planmäßig Testfahrer Nyck de Vries überlassen.
Mick Schumacher leistete sich einen High-Speed-Dreher

Aston-Martin-Pilot Sebastian Vettel fährt in den Trainings am Freitag mit jeweils rund 1,9 Sekunden Rückstand auf die Plätze 14 und 13. Landsmann Mick Schumacher leistet sich im Haas zu Beginn des zweiten Trainings einen High-Speed-Dreher, kann das Auto dank der großen Auslaufzone aber gerade noch vor der Bande abfangen.
Teamchef Günther Steiner kommentiert in Bezug auf den Dreher: "Das war schon ziemlich fies. Wir wissen aber, dass man in Le Castellet (wegen des weiten Auslaufs; d. Red.) gut ans Limit gehen kann. Nicht so positiv ist natürlich, dass Mick damit einen Reifensatz für den Longrun zerstört hat." Der Deutsche beendet die Session dann auch nur auf dem 19. und vorletzten Platz. Teamkollege Kevin Magnussen wird immerhin Achter.

Formel 1 Grand Prix von Frankreich
2. Freies Training:

1. Carlos Sainz Jr. (Spanien) – Ferrari 1:32,527 Min.
2. Charles Leclerc (Monaco) – Ferrari +0,101 Sek.
3. Max Verstappen (Niederlande) – Red Bull +0,550
4. George Russell (Großbritannien) – Mercedes +0,764
5. Lewis Hamilton (Großbritannien) – Mercedes +0,990
6. Lando Norris (Großbritannien) – McLaren +1,080
7. Pierre Gasly (Frankreich) – Alpha Tauri +1,379
8. Kevin Magnussen (Dänemark) – Haas +1,401
9. Daniel Ricciardo (Australien) – McLaren +1,457
10. Sergio Perez (Mexiko) – Red Bull +1,533
11. Fernando Alonso (Spanien) – Alpine +1,732
12. Valtteri Bottas (Finnland) – Alfa Romeo +1,737
13. Sebastian Vettel (Heppenheim) – Aston Martin +1,893
14. Yuki Tsunoda (Japan) – Alpha Tauri +2,013
15. Lance Stroll (Kanada) – Aston Martin +2,068
16. Alexander Albon (Thailand) – Williams +2,126
17. Zhou Guanyu (China) – Alfa Romeo +2,127
18. Esteban Ocon (Frankreich) – Alpine +2,133
19. Mick Schumacher (Gland/Schweiz) – Haas +2,668
20. Nicholas Latifi (Kanada) – Williams +2,885

Formel 1 Grand Prix von Frankreich
1. Freies Training:

1. Charles Leclerc (Monaco) – Ferrari 1:33,930 Min.
2. Max Verstappen (Niederlande) – Red Bull +0,091 Sek.
3. Carlos Sainz Jr. (Spanien) – Ferrari +0,338
4. George Russell (Großbritannien) – Mercedes +0,951
5. Pierre Gasly (Frankreich) – Alpha Tauri +1,049
6. Sergio Perez (Mexiko) – Red Bull +1,244
7. Lando Norris (Großbritannien) – McLaren +1,302
8. Alexander Albon (Thailand) – Williams +1,484
9. Nyck de Vries (Niederlande) – Mercedes +1,496
10. Daniel Ricciardo (Australien) – McLaren +1,730
11. Zhou Guanyu (China) – Alfa Romeo +1,746
12. Lance Stroll (Kanada) – Aston Martin +1,880
13. Esteban Ocon (Frankreich) – Alpine +1,898
14. Sebastian Vettel (Heppenheim) – Aston Martin +1,921
15. Fernando Alonso (Spanien) – Alpine +1,945
16. Mick Schumacher (Gland/Schweiz) – Haas +2,092
17. Kevin Magnussen (Dänemark) – Haas +2,174
18. Yuki Tsunoda (Japan) – Alpha Tauri +2,197
19. Robert Kubica (Polen) – Alfa Romeo +2,402
20. Nicholas Latifi (Kanada) – Williams +3,113

Von

Frederik Hackbarth