Rund drei Wochen ist das aufregende Saisonfinale von Abu Dhabi nun schon Geschichte. Es war ein WM-Krimi, für den federführend Lewis Hamilton verantwortlich war. Der Brite bremste seinen Titelrivalen Nico Rosberg ein, damit die dahinter fahrenden Sebastian Vettel und Max Verstappen noch am Deutschen vorbeiziehen und Hamilton somit Weltmeister werden würde. Sein Plan ging nicht auf – und hinterher war die Mercedes-Teamführung stinksauer auf den dreimaligen Champion.
Denn: Mehrmals bekam Hamilton die Anweisung, das Tempo zu erhöhen, um den Sieg des Teams nicht zu gefährden. Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff polterte nach dem Rennen: „Darüber müssen wir reden. Keine Konsequenzen sind ausgeschlossen.“ Besonders in Großbritannien wurde in diesen Aussagen ein möglicher Hamilton-Rauswurf gedeutet.
Inzwischen hat Wolff aber umgeschwenkt. Im Interview mit Sky Sports F1 sagt er: „Im Nachhinein hätten wir sie fahren lassen sollen, wie sie es selbst für angemessen halten.“ Ein Gespräch zwischen beiden fand bei einem Treffen in Wolffs Zuhause statt. Mit anderen Worten: Hamilton muss keine Konsequenzen fürchten, Mercedes kann 2017 neu beginnen – auch mit einem neuen Hamilton-Teamkollegen, denn Rosberg trat nach dem Titelgewinn zurück.

Gas: Ja, lasst sie frei fahren! (ABMS-Reporter Michael Zeitler)

Wolffs Umschwenken ist vollkommen richtig. Mercedes macht Werbung damit, die Fahrer frei fahren zu lassen. Es gibt keine Nummer eins, keine Nummer zwei. Zeiten, in denen Rubens Barrichello den Wasserträger für Michael Schumacher bei Ferrari oder Giancarlo Fisichella für Fernando Alonso bei Renault spielen mussten, sind mit Mercedes vorbei. Zur Freude der Fans. Das Teamduell zwischen Hamilton und Rosberg hat den Großteil der Faszination der letzten drei Jahre ausgemacht.
Doch Abu Dhabi war kein freies Fahren für die Mercedes-Piloten. Mercedes versuchte die WM zugunsten von Rosberg zu beeinflussen. Nicht, weil sie lieber Rosberg als Weltmeister sehen wollten. Sondern, weil sie den Sieg in Abu Dhabi nicht gefährden wollten. Aber: Jetzt hat Mercedes 51 der vergangenen 59 Grand Prix gewonnen. Ob jetzt 50 oder 51 – wen hätte es gejuckt? Stattdessen war die Spannung im Finalrennen viel mehr Werbung – für die Formel 1, aber damit auch für Mercedes.
Mercedes
Auch das ist ein Resultat des freien Fahrens
Dass sich Mercedes fahrerisch neu aufstellt, müssen die Silberpfeile nun als Chance betrachten. Und noch mal genau überlegen, was es heißt, die Fahrer frei fahren zu lassen. Theoretisch müsste man sie auch die Strategie frei wählen lassen, denn wer heute den Start gewinnt, der hat den Rennsieg schon so gut wie sicher. Theoretisch müssten die Fahrer auch ihre eigenen Setups herausfahren. Abkupfen vom Kollegen? Sollte verboten sein.
Allerdings: Das geht alles nur, wenn ein Team so dominant ist wie Mercedes in den letzten Jahren. Sobald es ernsthafte Gegner gibt, würde man sich so nur schwächen. Und die Chancen stehen gut, dass Mercedes 2017 echte Gegner auf der Strecke haben wird. 

Bremse: Taktische Fouls sind in der Formel 1 ein No-Go (Bianca Garloff, Redaktionsleiterin)

Freies Fahren für mehr Spannung – alles gut und schön und aus Fansicht verständlich. Trotzdem kann ich nicht verstehen, was Toto Wolff da macht. Indem er sich nun praktisch bei Hamilton „entschuldigt“, verliert er seine Autorität gegenüber dem Briten. Heißt für die Zukunft: noch mehr Narrenfreiheit für Lewis Hamilton! Es geht in erster Linie nicht darum, ob der Teambefehl richtig war oder nicht. Es geht darum, dass ein Fahrer – egal ob Weltmeister oder nicht – dem Daimler-Konzern auf der Nase herumtanzen kann. Er bekommt eine klare Anweisung der höchsten Eskalationsstufe und sagt einfach: Nö! Natürlich muss einen erstklassigen Piloten der unbedingte Wille zum Sieg auszeichnen. Aber Hamilton macht bei Mercedes seit jeher, was er will. Und wird nun auch noch darin bestärkt.
Ich glaube übrigens noch nicht mal, dass der Teambefehl falsch war. Hamilton war drauf und dran sich den Titel mit einem taktischen Foul zu holen. Im Fußball ist das ganz normal, ja. In der Formel 1 aber nicht. Zur sportlichen Fairness gehört da auch, dass der Schnellere gewinnt. Und nicht derjenige, der seinen Teamkollegen durch zu langsames Fahren in die Konkurrenz hetzt. Wenn taktische Fouls in der Formel 1 erlaubt sein sollen, können wir gleich auch Michael Schumacher für sein Manöver 2006 in Monacos Rascasse rehabilitieren. Aber Achtung: Taktische Fouls können in der Formel 1 schnell auch gefährlich werden. Sauberes Fahren sollte gerade in der Königsklasse die oberste Devise sein.
Und: Hamilton repräsentiert mit seiner Fahrweise einen deutschen Großkonzern. Er vermittelt der Jugend Werte. Er gilt gemeinsam mit dem Silberpfeilteam als Vorbild. Dazu gehört es auch, eine Niederlage einfach mal einzugestehen. Und zum Chefsein gehört es, zu seiner Meinung zu stehen und nicht im erstbesten Moment  einzuknicken. Etwas mehr Mut bitte, Toto Wolff! Auch ein Lewis Hamilton ist nur ein Rennfahrer.
In der Bildergalerie: Die Highlights aus dem Duell Rosberg gegen Hamilton