Herr Seidl, es sind noch fünf Rennen in dieser Saison zu fahren: Können Sie schon ein Fazit der McLaren-Saison ziehen?
Andreas Seidl (45): Wir haben gegenüber 2020 wieder einen Schritt mit dem Auto gemacht und sind als Team noch enger zusammengewachsen. Das ist erst mal wichtiger als die reinen Ergebnisse. Denn diese Schritte sind die Voraussetzung für unsere zukünftigen Ziele: Wir wollen wieder ganz nach vorne kommen. Auch hinsichtlich der Ergebnisse her bin ich aber zufrieden. Wir haben mehr Punkte gemacht als 2020 – trotzdem haben wir einen extremen Fight mit Ferrari um Platz drei in der Konstrukteursmeisterschaft. Dafür gibt es aber einen Grund: Ferrari hat einen großen Schritt gemacht. Nach einer schwierigen letzten Saison haben sie zu alter Form zurückgefunden. Wenn man mal ehrlich ist: Sie gehören auch dahin, wenn man ihre Tradition bedenkt und die großen Ressourcen, die sie haben. Fest steht aber: Mit Ferrari zu kämpfen ist noch mal ein besonderer Ansporn.
Zwischen drittem und viertem Platz in der Teamwertung liegen mehrere Millionen Euro Unterschied im Preisgeld: Wie wichtig ist es deshalb, den dritten Platz zu verteidigen?
Der sportliche Erfolg zählt noch mehr. Wir stehen jeden Tag auf, um zu gewinnen, um immer besser zu werden. So gehen wir auch in die Rennwochenende herein. Das ist der Anreiz. Nach dem Einstieg von Investoren letztes Jahr sind wir finanziell gut aufgestellt. Da haben wir einen klaren Businessplan für die nächsten Jahre. Unabhängig von der Platzierung.
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Um auf den Kampf mit Ferrari zurückzukommen: Wo sehen Sie Vorteile bei McLaren, wo bei Ferrari?
Das ist streckenabhängig. Kurse mit längeren Geraden wie Imola, Österreich, Monza und Sotschi spielen uns in die Karten. Strecken mit langen Kurven wie Zandvoort oder der Türkei sprechen eher für Ferrari. Da haben wir noch Defizite. Auf unseren Kursen konnten wir sogar Mercedes und Red Bull herausfordern. Wir sind aber noch nicht konstant genug. Genau das ist der nächste Schritt, den wir gehen müssen. Unser Fokus liegt deshalb bei der zukünftigen Fahrzeugentwicklung darauf, ein Auto zu haben, das unter allen Bedingungen auf jedem Kurs schnell ist. Das heißt: Überall um Pole Positions und Siege kämpfen zu können.
McLaren-Teamchef Andreas Seidl
Highlight in diesem Jahr war sicherlich der Sieg von Daniel Ricciardo in Monza: Wie wichtig war dieser Erfolg für Sie persönlich und das Team?

Es war sehr wichtig, es war grandios, weil der Sieg die Belohnung war für die harte Arbeit, die jeder vom Team reingesteckt hat. Es war der erste Sieg nach langer Zeit. Für mich gibt es nichts Schöneres, als die Leute an der Rennstrecke oder zuhause in der Fabrik nach einem solchen Triumph lachen und feiern zu sehen. Das ist genau die Energie, die wir brauchen, um jeden Tag nochmal die Extrameile zu gehen.
Wie wichtig war der Sieg für Ricciardo? Bis Monza hat er sich ja schwer getan…
…sehr wichtig. Er konnte – vor allem sich selbst – beweisen, dass er es immer noch kann. Obwohl wir nie daran gezweifelt haben. Aber er tat sich halt etwas schwer damit – im Gegensatz zu Lando Norris – im Qualifying immer hundertprozentig alles aus dem Auto herauszuquetschen. Die Sommerpause hat ihm geholfen. Seitdem ist er auf einem sehr guten Weg. Er ist immer noch nicht am Maximum, er wird das aber spätestens nächstes Jahr sein.

Seidl: McLaren-Pilot Norris hat alles, um Weltmeister zu werden

Es gibt Experten, auch McLaren-CEO Zak Brown, die behaupten, dass Norris schon auf Verstappen und Hamilton-Niveau fährt. Sehen Sie das auch so?
Ich bin kein Freund von Quervergleichen. Ich weiß nur, dass Lando erst im dritten Jahr in der Formel 1 fährt und sich jedes Jahr weiterentwickelt hat. Aber er hatte bisher noch kein Auto, mit dem er konstant um Siege und damit um Titel fahren kann. Klar ist aber, dass ein Fahrer in seiner dritten Saison noch nicht perfekt sein kann. Klar ist aber auch, dass er alles hat, was es braucht, um Weltmeister zu werden. Auch was die Zusammenarbeit mit dem Team betrifft. Wir planen jedenfalls noch lange mit ihm.
In Sotschi sah er lange Zeit wie der sichere Sieger aus. Dann kam der Regen und eine falsche Reifenwahl: Wie ist er mit dieser Enttäuschung umgegangen?
Für ihn war es nicht lange ein Thema. Es ist Teil des Sports. Wichtig ist, dass man nach den ersten Emotionen in die Analyse geht und die Fehler aufarbeitet. Lando hat nichts falsch gemacht. Er hatte die gleichen Infos gefunkt wie beispielsweise Lewis Hamilton. Wir hätten Lando hereinholen müssen, um Reifen zu wechseln. Wir haben es aber nicht getan. Wir haben das analysiert. Das Thema ist abgehakt.
In einer Umfrage wurde McLaren zum beliebtesten Team in der Formel 1 gewählt: Vor Mercedes, vor Red Bull und sogar vor Ferrari. Wie wichtig ist diese Bestätigung der F1-Fans für Sie?
Sehr wichtig. Es ist eine super Anerkennung für unsere Arbeit, auch was die Fan-Nähe betrifft. Und dass uns der Mix aus sportlicher Leistung und Spaß gelungen ist. Unsere beiden Fahrer haben natürlich eine Riesenrolle dabei gespielt.
McLaren ist zum beliebtesten Team der Formel 1 gewählt worden.
Wie weit sind Sie mit der Entwicklung für das Auto im nächsten Jahr, wo es ja ein völlig verändertes Technikreglement gibt?

Den Windkanal haben wir schon seit längerer Zeit aufs nächstjährige Auto umgestellt, es werden auch schon Teile produziert. Wir sind gut im Plan. Aber es ist schwierig abzuschätzen, wie gut wir unterwegs sein werden. Weil das Reglement ja so neu ist. Und wir deshalb keine Referenzen haben. Die Antwort werden wir erst beim ersten Qualifying in Bahrain bekommen.
Wie sehr nehmen Ihre Fahrer Lando Norris und Daniel Ricciardo Einfluss aufs neue Auto?
Sie sind im Simulator eingebunden und geben regelmäßig Feedback übers Fahrverhalten. Man muss aber wissen: Die Autos 2022 werden weniger Abtrieb haben. Wie gesagt: Da haben wir keine Referenzpunkte. Aber wir stecken noch mitten in der Entwicklung, da kommt noch einiges. Grundsätzlich ist es wichtig, die Fahrer mit einzubinden. Aber gleichzeitig müssen wir auch sicherstellen, dass wir rein von den Daten her das Auto ins richtige Fenster bekommen.
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Haben Sie schon Daten und deshalb einen Vergleich, wie viel langsamer die 2022er Autos durch den geringeren Abtrieb sein werden?
Ja, haben wir. Aber die Formel 1 ist ein knallharter Wettbewerb, deshalb werde ich keine Zahlen nennen, die wiederum der Konkurrenz wichtige Aufschlüsse geben könnten. Dafür muss man Verständnis haben.

Formel-1-Autos 2022 werden sich noch unterscheiden

Sehen die Auto völlig anders aus? So wie das Modell, das der F1-Vermarkter in einer Studie gezeigt hat?
Auf etwas komplett anderes dürfen wir uns nicht einstellen. Wir werden aber auf jeden Fall verschiedene kreative Lösungen sehen. Die einzelnen Autos werden sich immer noch sehr unterscheiden und das ist gut für die Formel 1.
Sie werden bei einem möglichen Volkswagen-Einstieg in die Formel 1 als Partner von Audi in Verbindung gebracht. Können Sie was dazu sagen?
Das ist reine Spekulation. Das will ich nicht kommentieren. Wir sind sehr zufrieden mit unserem Motorpartner Mercedes. Die Partnerschaft ist auf mehrere Jahre angelegt. Da liegt unser Fokus drauf.

Formel 1 im TV

2021 läuft die Formel 1 bei Sky. Der Sender richtet für die neue Ära eigens einen TV-Sender ein: Sky Formel 1. Hier gibt es 24 Stunden am Tag Motorsport. Alle Trainingssitzungen, alle Qualifyings, alle Rennen immer live und ohne Werbeunterbrechung. Dazu überträgt Sky auch die Rahmenrennen Formel 2, Formel 3 und den Porsche Supercup. Auf dem Programm stehen zudem historische Rennen und Sondersendungen. Mehr Infos dazu finden Sie HIER

Von

Ralf Bach
Bianca Garloff