Nach Lewis Hamiltons Disqualifikation vom Qualifying zum GP Brasilien macht Sportchef Toto Wolff am Samstag aus der Gemütslage bei Mercedes wahrlich kein Geheimnis: „F*** sie alle!“, funkt Wolff dem siebenfachen Weltmeister ins Cockpit, nachdem Hamilton im Sprint vom 20. auf den fünften Platz nach vorne prescht. „Das war nicht an irgendwen Bestimmtes gerichtet, es ging mehr ums generelle Mindset: Harten Umständen begegnet man am besten mit Widerstandsfähigkeit“, erklärt Wolff seinen verbalen Emotions-Ausbruch.
Fakt ist: Mercedes fühlt sich durch die Disqualifikation aufgrund eines nicht regelkonformen Heckflügels unfair behandelt. Wolff erklärt warum: „Es ist traurig, weil es eigentlich ein klares Prozedere in der Formel 1 gibt. Die Sache hätte gar nicht erst bei den Stewards landen sollen, wenn man dem Modus Operandi vieler Jahre gefolgt wäre.“
Dass die Rennleitung den Mercedes-Flügel aber unter die Lupe nahm, ist für Wolff „ein ungewöhnlicher Vorgang, dass man ein derartig minimales Vergehen, das eigentlich eine Bagatellsituation ist, überhaupt an die Stewards weiterleitet. Die letzten Jahre lief es immer so, dass es hieß: ‚Bring das in Ordnung und reparier das.‘ Das haben wir letztes Wochenende zum Beispiel bei Red Bull gesehen und viele Male davor auch. Uns wurde das aber nicht erlaubt.“
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Wolff verrät, was mit dem Flügel los war: „Es war klar, dass hier insofern kein Regelbruch vorlag, dass wir einen illegalen Flügel hätten. Sondern wir haben im Qualifying einen Schaden gehabt, der sich so geäußert hat, dass die linke Seite und die Mitte okay waren und wir auf der rechten Seite um 0,2 Millimeter durchgefallen sind. Das bedeutet, dass wir eigentlich sogar einen Performance-Nachteil hatten.“
Als die Sache erstmal auf dem Tisch der Stewards lag, kann Mercedes‘ Boss das Vorgehen der Regelhüter aber nachvollziehen: „Die haben dann wahrscheinlich nur eine Schwarz-Weiß-Lösung dafür. Es hat dann trotzdem noch fast einen Tag bis zum nächsten Nachmittag gedauert, erst dann kam dieses Schock-Ergebnis.“
Wolff wollte die Disqualifikation zunächst nicht glauben: „Ich dachte, Ron Meadows (Teammanager; d. Red.) macht einen Witz, als die Nachricht auf WhatsApp kam.“ Der Silberpfeil-Boss stellt klar: „Wir sind von der Heftigkeit der Reaktion, im Sinne einer Disqualifikation, schon sehr überrascht: Dass man riskiert, derartig in einen WM-Kampf einzugreifen. Da kann man sich vielleicht mehr Nachsicht erwarten, aber die gab es nicht. Sondern das Fallbeil fällt und es heißt: ‚Ihr seid disqualifiziert.'“
Toto Wolff ist sauer und sieht sein Team unfair behandelt
Für Wolff ändert das die Gangart im WM-Schlussspurt. Seine Kampfansage an Rivale Red Bull: „Wir werden bei den Anderen jetzt auch mit strengerem Auge hinschauen, jedes einzelne Tape anschauen, das im Rennen bei irgendwem abfällt. Ich kann versprechen, die nächsten Rennen werden wir sehr viele Fragen stellen!“
Wolff zeigt sich enttäuscht vom Umgang im WM-Fight und schiebt den schwarzen Peter in Richtung Red Bull und FIA: „Es gab mal so etwas wie ein Gentlemen’s Agreement. Es gibt aber offensichtlich keine Gentlemen mehr, deswegen gibt es das jetzt auch nicht mehr.“
Denn auch mit dem Ablauf nach dem nicht bestandenen Test ist Wolff unzufrieden. „Wir haben den Flügel nicht mal anschauen oder kontrollieren können und hatten dadurch keine Möglichkeit zu argumentieren, weil wir nie mehr Zugriff darauf hatten“, erklärt der Wiener. Genaue Rückschlüsse über die Ursache des Defekts kann Wolff deshalb nicht liefern, vermutet aber „eine lose Schraube. Das ist definitiv erst während des Qualifyings passiert, weil wir den Flügel davor ja selbst getestet haben.“
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Trotz der vielen Zweifel hat Mercedes keinen Protest gegen die Entscheidung der Stewards eingelegt. Der Grund: „Dann könnten wir alle Punkte (für das gesamte Wochenende; d. Red.) verlieren, wenn der Protest abgewiesen wird“, sagt Wolff. Hamilton hätte in diesem Fall zwar unter Vorbehalt von der Pole in den Sprint starten dürfen, das Rennresultat wäre dann aber im Nachhinein am grünen Tisch verhandelt worden. Ein Szenario, das Mercedes vermeiden wollte.
„Wir wollen diese WM auf der Strecke gewinnen“, stellt Wolff klar, räumt aber auch ein: „Wir sind mehr als 20 Punkte hinten, Lewis startet morgen als Zehnter, Max als Zweiter. Man braucht sich keine Illusionen machen: Wir sind definitiv der Underdog. Aber nach heute macht mir das auch richtig Spaß, es gibt jetzt nichts mehr zu verlieren.“
Beim Blick auf Verstappens Verwicklung in die Heckflügel-Causa und die Strafe für den Holländer ist Wolff sogar zu Scherzen aufgelegt: „Ich glaube, jemanden wie ihn, mit einem soliden Mittelklasse-Gehalt, jucken die 50.000 eher nicht.“ Trotzdem zeigt sich Wolff auch als Sportsmann: „Im Endeffekt hat er dort wahrscheinlich nichts gemacht oder dem Auto maximal eine Liebkosung gegeben, das ist schon okay. Es ist aber ein Parc-fermé-Verstoß und sicher ganz schwer zu beurteilen. Ich möchte in diesem Fall nicht in der Haut der Stewards stecken.“
Von 20 auf P5: Lewis Hamilton mit irrer Show im Sprint
Mit Blick auf den Grand Prix macht Wolff der Sprint vom Samstag Mut. „Lewis hat 16 Überholmanöver gezeigt in gerade mal 24 Runden. Das war schön, um die Politik mal einen Moment zu vergessen und tolles Racing zu sehen. Lewis hat mit der Fahrt heute bewiesen, dass er morgen um den Sieg mitfahren kann.“
Zumal Hamilton durch seine Motorstrafe am Sonntag ohnehin maximal als Sechster hätte starten können. Nun fährt er, trotz des Riesen-Wirbels und der Disqualifikation, nur vier Plätze weiter hinten los. Auch der Brite gibt sich deshalb kämpferisch. „Das ist noch lange nicht vorbei“, funkt er noch aus dem Cockpit und fügt später an: „Mein Ziel war einfach so weit wie möglich vorzukommen. Das Team hat heute die Sache mit den Stewards geklärt, ich habe versucht mich auf meinen Job zu konzentrieren und nicht an das Andere zu denken.“
Bei Red Bull fällt die Analyse der 50.000 Euro Strafe für Max Verstappen kürzer aus. Red Bull-Berater Helmut Marko: „Das war schon hart, aber es trifft ja keinen Armen.“ Verstappen selbst wünscht der FIA ein „nettes Abendessen mit einem schönen Wein.“ Auch das zeigt: Die Stimmung zwischen der FIA und Red Bull ist besser als zwischen der FIA und Mercedes. Noch ein Vorteil im WM-Kampf?

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Von

Frederik Hackbarth