Formel 1: Mercedes verliert Motorchef

Welche Folgen hat Cowells Rücktritt?

Mercedes-Motorchef Andy Cowell ist überraschend zurückgetreten. Eine Analyse der Hintergründe und Folgen
Er war der Vater des Monster-Motors von Mercedes und damit auch mitverantwortlich für den Mercedes-Erfolg in den vergangenen sechs Jahren. Sein 1,6-Liter-V6-Turbi-Hybrid hat der Konkurrenz schlaflose Nächte bereitet und Mercedes sechs WM-Titel in Folge. Doch jetzt hört Andy Cowell (51) auf.
Ein überraschender Rücktritt so kurz vorm Saisonstart, der Fragen offen lässt.
Wie groß wird der Nachteil sein, den Mercedes 2020 durch Cowells Rückzug hat?
Gering. Der Mercedes-Hybridmotor, der von Cowell verantwortlich entwickelt wurde, ist eine homogene Einheit und muss in seiner Basis nicht groß verändert werden. Jedes Jahr gibt es Updates und Detailverbesserungen, aber die vier Grundsäulen, die ihn stärker als die Konkurrenz machen, haben sich nicht geändert: die Mischung aus Fahrbahrkeit, Effizienz des Elektroantriebs, Benzinverbrauch und reine PS. Cowells Nachfolger kennen den Motor bis ins kleinste Detail und sie wissen auch, welche Philosophie er verfolgte. Eine davon: Motor und Chassis in enger Zusammenarbeit zu entwickeln. Der Motor war nicht nur Antriebseinheit, sondern auch tragendes Fahrzeugteil. Und: Bis August nächsten Jahres steht Cowell seinen Nachfolgern, einem Vierer-Gestirn aus Hywel Thomas, Adam Allsopp, Richard Stevens und Ronald Ballhaus noch als Berater zur Verfügung.

Andy Cowell ist der Vater des Monster-Motors von Mercedes.

Wird der Mercedes-Motor auch in Zukunft überlegen sein?

Davon ist auszugehen, weil der Vorsprung, den Mercedes auf dem Gebiet der Hybridtechnik hat, nur sehr schwer aufzuholen ist. Wenn überhaupt, dann trauen die Experten Honda diesen Schritt zu. Renault hat weder die Mittel noch das Knowhow, um bei der komplizierten NASA-Technik mit Mercedes mitzuhalten. Und Ferrari ist nach der geheimen Einigung mit der FIA und einem daraus folgenden Rückbau des Motors weiter weg von Mercedes als je zuvor.
Alpha-Tauri-Teamchef Franz Tost hatte es schon 2012 vorausgesagt: "In der Hybri-Ära werden die Motoren Meisterschaften und Rennen entscheiden. Und Mercedes wird alles gewinnen." Erst ein neuer Antrieb mit einfacherem Hybrid-System, den die FIA ab 2026 zulassen will, könnte die Kräfteverhältnisse auf null stellen.
Warum hört Cowell auf?
Darüber wird in der Szene diskutiert. Fakt ist: Als Verantwortlicher des Antriebs hat er seit 2014 alle Titel gewonnen, die es zu vergeben gab. Wer den ehrgeizigen und korrekten Ingenieur kennt, weiß aber: Es hat ihn persönlich getroffen, dass Mercedes-Teamchef Toto Wolff 2019 öffentlich bekannte, Ferrari habe Mercedes bei den Motoren überholt. Cowell war sicher, dass das auf legalem Weg nicht möglich war. Deshalb sorgte er hinter den Kulissen dafür, dass die FIA den Ferrari-Motor genau unter die Lupe nimmt. Daraus resultierte der mysteriöse FIA-Ferrari-Deal vom Februar 2020 – und ein deutlicher PS-Verlust des roten Renners. Allein: Die Vorgänge aus 2019 haben offenbar mit dazu geführt, das Cowell jetzt bereit ist zum nächsten Schritt auf der Karriereleiter.
Wo geht Cowell hin?
Offiziell steht das noch nicht fest. Ferrari hat einen Wechsel nach Maranello bereits dementiert. Fakt ist: Als Leiter der Mercedes-Motorenabteilung in Brixworth hatte Cowell den Status eines Teamchefs. Auf dem Papier war er direkt der Technikabteilung in Stuttgart zugeordnet und nicht Mercedes-F1-Teamchef Toto Wolff. Soll heißen: Eine Verbesserung innerhalb der Königsklasse ist für Cowell kaum möglich. Der nächste Karriereschritt könnte eigentlich nur ein Vorstands-Posten bei einem Automobilhersteller sein.
In Stuttgart wird deshalb immer öfter über einen Wechsel Cowells zu Aston Martin spekuliert. Das würde Sinn machen. Ex-AMG-Chef Tobias Moers ist bereits als CEO zum Mercedes-Partner in England gewechselt. Cowell kennt Moers gut und steht auch Daimler-Vorstand Ola Källenius nah. Der Schwede hat mit Aston Martin in Zukunft eine Menge vor. Mit Cowell als Technikvorstand hätte er nach Moers den zweiten Vertrauten bei der britischen James-Bond-Kultmarke installiert.
Die Formel 1 aber hätte in dem Fall endgültig ihr größtes Motorgenie der Hybrid-Ära verloren.

Autor: Ralf Bach

Fotos: W. WIlhelm; Mercedes

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