Wie geht es weiter zwischen Mick Schumacher (23) und seinem Haas-Team? Am Sonntag vor dem GP in Aserbaidschan warf Teamchef Günther Steiner TV-Sender Sky im Interview vor, das Team von außen zu spalten. Der Südtiroler bezog sich dabei auf eine einseitige Unterstützung von Schumi jr. und überzogene Kritik am Haas-Team.
Allein: Dem Sohn von Rekordweltmeister Michael Schumacher helfen solche Diskussionen auf Dauer genauso wenig wie seinem Team. Deshalb gilt es vorm GP Kanada in Montreal am kommenden Wochenende, das Kriegsbeil zu begraben.
"Alles wurde gesagt, von beiden Seiten, und das ist auch richtig so“, betont sein Onkel und Sky-Experte Ralf Schumacher. „Aber jetzt ist die Zeit, sich zusammenzuraufen und den Zeiger wieder auf null zu stellen. Mick darf keine Fehler machen und Haas muss ihn unterstützen, damit er wieder zur Normalform zurückfindet. Gemeinsam müssen sie dafür sorgen, dass es schon am Wochenende in Kanada besser läuft für Mick. Sie müssen an einem Strang ziehen. Alles andere wäre schädlich für beide."
Haas-Teamchef Günther Steiner

Rückblende: Vor dem GP in Baku kritisierte Ralf Schumacher Steiners autoritären Führungsstil als nicht mehr zeitgemäß. Der Haas-Teamchef reagierte gereizt. „Wir wollen Mick erfolgreich haben. Wie wir es machen, ist unsere Sache. Wir brauchen keine Beratung. Die Spaltung des Teams von außen ist nicht gut für Mick“, schimpfte er im Gespräch mit Sky-Moderator Peter Hardenacke. Emotional sichtbar aufgewühlt ließ er sich zu einer weiteren missverständlichen Kritik hinreißen: "Wenn ich nach einem Rennen lese, was wir alles falsch gemacht haben… Ich habe für jede dieser Dinge zehn Sachen, wo Mick schlecht ist."
Was Steiner auch zur Weißglut trieb: Dass Teamchef-Kollegen wie Franz Tost (Alpha Tauri), Andreas Seidl (McLaren) und Toto Wolff (Mercedes) Ralf Schumachers These unterstützten, Steiners harter Umgang mit seinem Fahrer in der Öffentlichkeit sei der falsche Weg.
Allein: Besonders die Kritik von Wolff kam überraschend. Genau wie die Aussage: „Mick, mit oder ohne den Namen Schumacher, ist mit seinen Stärken jemand, der für uns immer auf dem Radar sein wird.“ Ist das mehr als nur eine verbale Streicheleinheit?
Mitnichten. Mick Schumacher spielt in den Plänen von Wolff derzeit keine Rolle. George Russell ist langfristig gesetzt und gilt als Mercedes‘ Zukunft. Als Ersatz für Lewis Hamilton, sollte der siebenmalige Champion seinen Helm an den Nagel hängen, hat der Österreicher andere Namen in der Pipeline.
Zwar drängen sich supertalentierte Piloten wie einst Russell aus dem Mercedes-Juniorkader im Moment nicht auf. Vielmehr gibt man dem Franzosen Pierre Gasly gute Chancen. Gasly steht bis Ende nächsten Jahres bei Red-Bulls-Schwesterteam Alpha Tauri unter Vertrag, wo er regelmäßig Topleistungen abruft. Gaslys Landsmann Esteban Ocon, der von Mercedes an Alpine ausgeliehen wurde, stand bei Wolff einst auch hoch im Kurs. Sein aktuelles Problem heißt aber Fernando Alonso. Der Spanier fährt Ocon bei Alpine regelmäßig um die Ohren. Dessen Image ist deshalb angekratzt.
Mick Schumacher steckt in der Krise.

Was Schumacher betrifft: Kaum jemand erinnert sich, dass er zu Beginn seiner Karriere im Mercedes-Nachwuchskader war. Doch Wolff kämpfte nicht um den Sohn von Rekordweltmeister Michael Schumacher, der seine Karriere ebenfalls bei Mercedes begann. Deshalb schlug Ferrari zu und nahm den Junior in seine Nachwuchsakademie auf.
Dort entwickelte sich der Deutsche prächtig, gewann die Nachwuchsserien Formel 3 und Formel 2. Auch sein Debütjahr in der Königsklasse 2021 verlief noch nach Plan. Der Haas war zwar das mit Abstand schlechteste Auto im Feld, Schumacher aber hatte seinen Teamkollegen Nikita Mazepin deutlich im Griff.
Seine Krise begann erst 2022: Mit einem Auto, das aufgrund eines völlig veränderten Fahrzeugreglements am Limit schwieriger zu fahren ist, hinkte er zu Saisonbeginn hinter seinem neuen Teamkollegen Kevin Magnussen her. Der Däne dagegen fuhr in den ersten beiden ersten Rennen gleich zweimal in die Punkte. Danach häuften sich die Unfälle. Mit dem Ergebnis, dass Schumacher zwei Totalschäden in Saudi-Arabien und Monaco ablieferte. Danach begann die öffentliche Kritik von Steiner.
Wichtig ist für den mental sichtlich angeschlagenen Schumi junior jetzt erst mal die nahe Zukunft. Ex-Formel-1-Pilot Marc Surer: "Er ist verunsichert, dass merkt man einfach. Er fuhr extrem defensiv in Baku, um keinen weiteren Unfall zu haben. Deshalb ist für mich unter diesen Umständen der Rückstand zu Teamkollege Magnussen auch einfach zu erklären. In Montreal muss er am Wochenende wieder zum normalen Speed finden und den Kopf freibekommen.“
Surer weiter: „Er braucht dringend ein Erfolgserlebnis, egal wie. Dann ist alles davor schnell wieder vergessen. Autofahren kann er, da bin ich sicher: Er gewann die Nachwuchsserien, fuhr auch starke Zeiten bei Testfahrten im Ferrari. Das zeigt für mich, dass er es drauf hat und den Platz in der Königsklasse absolut verdient. Es ist nicht sein Gasfuß, der ihn im Moment einbremst, sondern sein Kopf."

Von

Ralf Bach