Die Formel 1 kann brutal sein. Während George Russell am Donnerstag in der Pressekonferenz vorm Großen Preis von Abu Dhabi verbal noch einmal seinen Sieg zelebriert, lacht und scherzt, sitzt Mick Schumacher nur ein paar Meter weiter rechts wie angewurzelt auf seinem Stuhl.  Er schaut ins Leere, ist abgetaucht in seine aktuelle, graue Herbstwelt.
Erst einen Abend zuvor hat der Deutsche Gewissheit bekommen über das, was das gesamte Fahrerlager längst wusste: Das Finale in der Wüste wird sein vorerst letztes Rennen in der Formel 1. Sein Rennstall Haas verlängert den Vertrag nicht, ersetzt Schumi Junior durch Nico Hülkenberg.
Die Stimmung im US-Rennstall ist schon länger vergiftet. Doch dass Teamchef Günther Steiner den Abschied pünktlich vorm Medientag von Abu Dhabi offiziell macht und seinem Piloten so zu guter Letzt auch noch die Tortur durch Medienlandschaft zumutet, ist der Höhepunkt eines Verhältnisses voller Missverständnisse.
„Natürlich ist es eine Enttäuschung, aber ich habe mich stetig verbessert und viel gelernt“, zwingt sich der junge Deutsche so vorgeführt im Pressesaal zu Zweckoptimismus. Die Kameras klicken  gnadenlos, Schumacher aber bleibt tapfer: „Ich weiß, dass ich es verdient habe, in der Königsklasse zu fahren.“ 
Wie gut ist Mick Schumacher wirklich?

Zwei Jahre hat der Blondschopf das jetzt schon getan. Doch das olympische Motto zählt nicht in der Formel 1. Dabeisein ist eben nicht alles in dem Sport, dessen Härte sein Vater neu definierte. Das Problem im Fall von Sohnemann Mick: Der Erfolg blieb in den vergangenen zwei Jahren aus.
2021 war das noch kein Beinbruch, als sein Auto schlecht und sein Teamkollege (Nikita Mazepin) noch schlechter war. Doch mit dem neuen Beifahrer Kevin Magnussen (30) stieg 2022 der Druck. Dreimal überfuhr Schumi Junior den 1000-PS-Rennwagen und crashte teils schwer. Aus dem Tief kämpfte er sich zwar mit zwei Punktefahrten in Silverstone und Spielberg sowie  durchaus vorzeigbaren Rundenzeiten heraus, doch da war der schlechte Eindruck schon zementiert – nicht nur teamintern.
Wie gut ist Mick Schumacher wirklich? Die allgegenwärtige Fahrerlager im deutschsprachigen Kosmos des Formel-1-Fahrerlagers ist noch immer nicht beantwortet. Und doch haben viele Teams längst ihre eigenen Schlüsse gezogen. „Micks erste Saisonhälfte war zu schlecht“, sagt ein Teamchef, der anonym bleiben will. „Er hätte gegenüber Magnussen nicht so sehr abfallen dürfen. Das hat viel kaputt gemacht.“
Angeblich hat ihn deshalb auch Ferrari fallen lassen. Das Team, das sein Vater Michael in den 2000ern nach 21 Jahren ohne WM-Titel zurück in die Siegerspur führte, entlässt Mick Ende der Saison aus der Nachwuchsakademie. Teamchef Mattia Binotto hat schon in der ersten Saisonhälfte die öffentlichen Unterstützungsbekundungen eingestellt. In der Formel 1 ist keine Zeit für Sentimentalitäten.
Nach Mick Schumachers aus bei Haas springt Sebastian Vettel dem Schumi-Sohn zur Seite.

Einer, der seinen Glauben an den Sohn seines Idols nie verloren hat, ist Sebastian Vettel (35). Als einziger Fahrerkollege spricht er aus, was viele denken, die Mick Schumacher noch nicht abgeschrieben haben. „Das ist natürlich bitter für ihn und tut mir leid“, sagt der Hesse. „Ich glaube, die Teamführung bei Haas ist manchmal ein bisschen...“. Kurze Pause, ein schelmisches Grinsen gepaart mit verständnislosem Kopfschütteln. „Sie ist manchmal schwer zu verstehen.“
Der Heppenheimer weiß, wovon er spricht. Auch als viermaliger Weltmeister hat er bei Ferrari erlebt, was passiert, wenn die Chemie zwischen Pilot und Teamchef aus dem Gleichgewicht gerät. „Das Umfeld ist für jeden Fahrer extrem wichtig“, räumt Vettel ein. „Was das angeht, hätte Haas mit Sicherheit einen besseren Job machen können, aber jetzt ist es so. Ich denke, Mick konnte sehr viel lernen, wird auch aus dieser Situation lernen und sehr bald stärker zurückkommen.“
Wie man mit Druck umgeht, hat der Rekordweltmeister-Sohn 2022 mit Sicherheit gelernt. Ein halbes Jahr lang folterten Teamchef Günther Steiner und Teambesitzer Gene Haas Schumacher verbal in der Öffentlichkeit. Lassen sie die Frage, wie ein junger Pilot sich entwickeln soll, wenn er vor jeder Fahrt am Limit an die enormen Kosten erinnert wird, mit denen ein Unfall die Teamkasse belastet. „Mick konnte doch gar nicht mehr frei auffahren“, urteilt Sky-Experte Timo Glock. „Er musste ständig mit angezogener Handbremse fahren.“
Parallel wurde der große Name zum Boomerang. Von einem Schumacher erwarten Fans, Experten und offensichtlich auch der Arbeitgeber Wunder. Bleiben die aus, wird der berühmte Stammbaum zum Fluch. „Ich respektiere den Namen Schumacher“, betont Teamchef Günther Steiner, „aber damit kann man bei mir keine Punkte holen.“
Im Gegenteil: Die Lust wurde auch für den Südtiroler zur Last, als das Team und er selbst  immer stärker unters mediale Brennglas rückten. „Das hat viel Energie genommen und manchmal auch viel Druck gebracht“, gibt er zu. Dessen hat er sich jetzt entledigt. Sein Nachsatz, man „muss Ergebnisse liefern, um Marketingwerte zu erzielen“, kann als unnötiges Nachtreten verbucht werden.
Und so muss Schumacher nun erneut gegen die Vorurteile ankämpfen, es nur aufgrund seines Rekordweltmeister-Vaters in die Königsklasse geschafft zu haben.
Und wieder ist es Sebastian Vettel, der seinem jungen Freund Mut macht: „Ich denke, dass Mick absolut einen Platz verdient hat. Diese Saison war sicherlich nicht leicht für ihn. Hier und da hat er vielleicht einen Fehler gemacht, aber das Team war nicht unschuldig - zumindest von außen betrachtet. Jetzt konzentriert er sich bald auf die neuen Aufgaben und Schritte. Ich denke und hoffe, dass er eine Chance bekommt, weil er das Potential auf jeden Fall hat.“
Fest steht: Aufgeben gibt es nicht im Denken eines Schumacher. „Rückschläge machen mich nur stärker“, sagt Mick, der als Testfahrer zunächst bei Mercedes oder Alpine unterkommen könnte. „Mein Feuer für die Formel 1 brennt weiter.“
Sein schwerstes Rennen hat gerade erst begonnen. „Keep on Fighting“; das wird jetzt auch sein Motto.

Von

Bianca Garloff