Diese Geschichten schreibt nur die Formel 1: Wenn am Sonntag der Start zum Großen Preis von Italien in Monza erfolgt, ist Max Verstappen plötzlich nicht mehr der erfolgreichste holländische Motorsportler im Feld! Der Grund: Nyck de Vries feiert sein F1-Debüt für Williams.
Nyck de wer? Der 27-Jährige aus Sneek ist Formel-E-Weltmeister (2021 mit Mercedes) und zweifacher Kart-Weltmeister (2010 und 2011). Er  kommt damit auf drei offizielle WM-Titel im Rennsport, also auf einen mehr als Verstappen (F1-Weltmeister 2021, Kart-Weltmeister 2013). Darüber hinaus wurde De Vries 2019 auch noch Formel-2-Champion.
Bei dieser Vita ist seine späte Chance in der Königsklasse zwar mehr als verdient, möglich wird sie aber nur durch den krankheitsbedingten Ausfall von Alex Albon bei Williams, der sich nach einer Blinddarmentzündung kurzfristig einer OP unterziehen muss: Dem Briten geht es den Umständen entsprechend gut, fahren kann er in Monza aber nicht - deshalb schlägt De Vries' große Stunde.
"Für Alex tut es mir leid, ich hoffe er ist okay und wünsche ihm eine schnelle Genesung", richtet der ab Sonntag 772. Fahrer der F1-Geschichte seine Gedanken an den maladen Stammpiloten. Sein Lächeln versucht De Vries aber trotzdem nicht zu unterdrücken: "Für mich ist es natürlich eine aufregende Zeit und einmalige Gelegenheit, wenn auch sehr Last-Minute", strahlt der Niederländer, der seinen Einsatzbefehl erst anderthalb Stunden vorm Abschlusstraining bekommt.
Konnte überzeugen: Williams-Ersatzmann Nyck de Vries

"Als der Anruf kam, war ich gerade im Paddock Club, habe einen Cappuccino getrunken und gechillt", lacht De Vries und verrät: "Mercedes hat durchgeklingelt und gesagt, ich soll so schnell wie möglich runterkommen. Von dort ging es dann zügig weiter zu Williams."
Kurios: Schon am Freitag hatte Mercedes-Junior De Vries in Monza ins Lenkrad greifen dürfen – da allerdings anstelle von Sebastian Vettel für Aston Martin, die genauso Motorenkunde der Stuttgarter sind wie Williams.
"Dass ich hier das erste Training hatte, hat schon geholfen, auch wenn ich da vor allem Aerodynamiktests gefahren bin. Aber es war sicher besser, als hier noch gar nicht in so einem Auto gesessen zu sein", sagt De Vries. "Trotzdem ist es tricky in ein anderes Auto mit anderem Lenkrad zu steigen. Jeder Rennwagen hat eine andere Charakteristik, da muss man sich dann schnell umstellen."
Dem Ersatzpiloten gelingt das am Samstag jedoch mit Bravour. Im dritten Training wird er 14., weniger als eine Zehntelsekunde hinter Teamkollege Nicholas Latifi. Im Qualifying schafft er dann eine kleine Sensation und blamiert den Stammfahrer aus Kanada endgültig: Während Latifi als 16. schon in Q1 ausscheidet, schafft De Vries den Sprung in den zweiten Quali-Abschnitt.
De Vries landet in Monza auf Anhieb vor Teamkollege Latifi

Ganz zufrieden ist der ehrgeizige Niederländer trotzdem nicht: "Ich hatte so wenig Zeit mich vorzubereiten, deshalb war unsere Session auch nicht ganz so glatt, wie ich das gerne gehabt hätte. Wir haben ein paar Fehler gemacht, das war nicht perfekt."
De Vries verrät: "So habe ich auch meinen zweiten Versuch in Q2 verloren. Ich hatte eines von Nicholas' Lenkrädern, bin aber eigentlich die Schalterstellungen von Alex gewohnt. Deswegen habe ich aus Versehen etwas verstellt, die Bremsbalance ging dadurch nach hinten und meine Hinterräder haben in der Schikane blockiert."
Am Ende landet der Williams-Neuling deshalb auf der 13. Position. Durch diverse Strafversetzungen für die Konkurrenz rückt er am Start allerdings bis auf Rang acht nach vorne. "In den Top-10 zu starten ist schon großartig", kann sich De Vries ein Grinsen nicht verkneifen. "Natürlich ist ein bisschen Nervosität da, aber den meisten Druck mache ich mir sowieso immer selbst. Und ich versuche schon auch diesen Moment zu genießen."
Dabei ist sich der 27-Jährige bewusst: Gibt er auch am Sonntag eine gute Visitenkarte ab, kann sich das extrem positiv auf seine Chancen am F1-Fahrermarkt 2023 auswirken. Das zweite Williams-Cockpit neben Albon ist noch vakant, wenngleich Teamchef Jost Capito ausgerechnet am Samstag in Monza erstmals öffentlich mit Haas-Pilot Mick Schumacher flirtete.
Williams-Teamchef Jost Capito hat die Qual der Wahl

Über die fernere Zukunft macht sich De Vries dieses Wochenende aber keine Gedanken: "Dazu ist zu wenig Zeit und ich versuche auch ehrlich gesagt nicht zu viel an die Möglichkeit zu denken oder daran, was ich alles falsch machen könnte - sondern eher daran, was ich richtig machen kann." Klar ist für ihn nur: Er will sich für einen Stammplatz in der Formel 1 empfehlen, egal wo.
"Mir haben gestern (nach dem Trainingseinsatz für Aston Martin; d. Red.) schon einige Leute gesagt, dass mir grün ausgezeichnet steht. Darauf habe ich ihnen geantwortet: 'Jede Farbe, die ich hier dauerhaft tragen kann, steht mir gut.'", scherzt De Vries.
Fest steht: Historisch ist sein spontaner Farbenwechsel in Monza schon jetzt: Erstmals seit Graham Hill beim Grand Prix in Silverstone 1969 tritt ein Fahrer wieder mit einem anderen Auto im Rennen an (Lotus) als noch im Training (Brabham).

Von

Frederik Hackbarth