Seit Freitag ist klar: Oscar Piastri fährt 2023 für McLaren in der Formel 1. Das Contract Recognition Board der FIA hat den Vertrag des australischen Supertalents mit dem britischen Rennstall anerkannt, Ex-Team Alpine geht hingegen leer aus.
Für Piastri ist der Sieg vor Gericht aber scheinbar nicht genug, am Tag nach der Entscheidung tritt er in einem Interview mit der offiziellen Website der F1 gegen die Franzosen nach: "Meine Entscheidung stand weit vorher fest (der Vertrag mit McLaren wurde bereits am 4. Juli unterzeichnet; d. Red.), was Alpines Verkündung umso verwirrender und ärgerlicher gemacht hat, denn das Team wusste, dass ich nicht weitermachen werde", erklärt Piastri.
Alpine hatte den Australier in einem Schnellschuss nach dem Ungarn GP als Nachfolger des zu Aston Martin abgewanderten Fernando Alonso bekanntgegeben - gegen seinen Willen: "Das Statement kam für mich sehr überraschend und es war falsch, zumal es mir auch die Möglichkeit nahm zu allen in Enstone (Sitz der Alpine-Fabrik; d. Red.) auf Wiedersehen zu sagen", so Piastri.
Besonders kurios: Alpine gab die Piastri-Beförderung offenbar bekannt, während er gerade im Simulator saß. "Die Situation war bizarr, eine wirklich unangenehme Erfahrung. Es wurde mir dann öffentlich vor ein paar Teammitgliedern mitgeteilt, die von den Geschehnissen ahnungslos waren, deswegen wollte ich vor ihnen keine Szene machen. Als wir wieder unter uns waren habe ich Otmar (Szafnauer, Alpine-Teamchef; d. Red.) unsere Position mitgeteilt, wie auch schon viele Male davor."
Der Fall landete anschließend bei den Anwälten, mit dem Ausgang des CRB ist Piastri zufrieden: "Es zeigt, dass ich keinen Vertrag (mit Alpine; d. Red.) für 2023 hatte. Ich hatte die freie Wahl für mein Schicksal und das Gefühl, dass McLaren eine großartige Gelegenheit wäre."
McLaren-Teamchef Seidl: "Manche Kommentare waren unangemessen, unfair und haben die Situation nicht respektiert."

McLaren-Teamchef Andreas Seidl verteidigt sein Team und Piastri in Zandvoort deshalb auch noch einmal ausdrücklich gegen die Kritik der letzten Wochen: "Manche Kommentare waren unangemessen, unfair und haben die Situation nicht respektiert, weil sie über kein Detailwissen zu den Hintergründen verfügten", sagt der Deutsche, der klarstellt: "Es ist wichtig das zu erwähnen, um auch Oscar zu schützen."
McLaren-Boss Zak Brown kann indes Alpine nicht verstehen: "Wenn du einen Fahrer in deinem Stall hast, musst du auch einen Vertrag mit ihm haben, sonst bist du verwundbar", erklärt der Amerikaner. Alpine muss sich vorwerfen lassen durch das lange Aufschieben der Fahrerentscheidung zwischen Fernando Alonso und Oscar Piastri am Ende beide Fahrer vergrault und verloren zu haben. "Die Unsicherheit über meine Zukunft hat irgendwann zu einem Vertrauensverlust geführt", räumt auch Piastri ein.
Obwohl der Poker des 21-Jährigen letztlich aufging und der Formel-2-Meister von 2021 nächste Saison in einem Top-Cockpit sitzt, gibt es aber nach wie vor kritische Stimmen zu seiner Vorgehensweise. "Oscar hat noch keinen einzigen Grand Prix bestritten und Alpine hat viel Geld in seine Entwicklung investiert. Und nun haben wir die Situation, dass dieser Fahrer sagt: "Wisst ihr, ich gehe lieber woanders hin, das ist besser für mich." Ich sage: Oscar Piastri macht sich unnötig Feinde. Das sollte kein Pilot tun, schon gar nicht so früh in der Karriere", erklärt Ex-Weltmeister Jenson Button.
Der Brite muss es wissen, denn er war 2005 selbst in einen Vertragsstreit zwischen BAR und BMW-Williams verwickelt, der ebenfalls vor dem CRB landete. Aus eigener Erfahrung kennt Button daher die Komplexität solcher Fälle: "Auch bei dieser Geschichte kommen immer mehr Details ans Licht, die zeigen, dass es nicht so einfach ist, hier jemandem den Schwarzen Peter zuzuschieben. Es gibt viele widersprüchliche Aussagen. Klar ist nur eines: Aus Sicht von Alpine scheint hier sehr viel schief gelaufen zu sein."
Denn nicht nur ist das Investment der Franzosen in Piastri verpufft, womöglich müssen die Franzosen für einen neuen Fahrer auch noch eine hohe Ablöse drauflegen. Red-Bull-Boss Helmut Marko hat in Zandvoort am Freitag erstmals Verhandlungen mit dem französischen Rennstall über Pierre Gasly eingeräumt, den AlphaTauri bei passender Kompensation ziehen lassen würde. Schlecht ist das vor allem für Mick Schumacher, dessen Optionen auf dem Fahrermarkt damit immer weniger werden.

Von

Frederik Hackbarth