Noch sieben Rennen in der Formel-1-Saison 2021 und der WM-Kampf gewinnt immer mehr an Fahrt. Gerade mal zwei Zähler trennen Tabellenführer Lewis Hamilton (Mercedes) und Herausforderer Max Verstappen (Red Bull). Soll heißen: Zum ersten Mal seit 2013 droht Mercedes das WM-Duell zu verlieren. Auf der anderen Seite hat Red Bull die erste richtige WM-Chance seit Sebastian Vettels letztem Titel in eben jener Formel-1-Saison, in der die V8-Motoren ihre letzten Schreie taten.
Wer hat den meisten Druck? Bei Red Bull bleibt man trotz zwei Rennen ohne Sieg zuversichtlich. Teamchef Christian Horner: „Wir haben noch sieben Rennen und wir brauchen viele Punkte, von beiden Fahrern, um den Rückstand aufholen zu können. Max hat die Fähigkeit, mit dem Druck umzugehen, das haben wir in Zandvoort gesehen.“
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Obwohl der Niederländer erstmals um einen Titel fährt, sieht Horner darin keinen Nachteil: „Max lässt sich von nichts ablenken, Psycho-Spielchen lassen ihn kalt.“
Doch der Brite wird selbst nicht müde, kleine Giftpfeile in Richtung Mercedes zu schicken – insbesondere in Richtung seines Teamchef-Pendants Toto Wolff. Horner im englischen TV: „Toto und Mercedes sind das erste Mal in einer Situation, wo sie gefordert sind. Als er ins Team kam, waren die Fahrerverträge schon gemacht, der Motor befand sich in der Endphase seiner Entwicklung. Er hat einen großartigen Job gemacht, das Team an der Spitze zu halten. Aber es gab auch keinen Wettbewerb. Das ist jetzt anders.“
Zum ersten Mal seit 2013 droht Mercedes das WM-Duell zu verlieren.
Dabei habe Horner als Rennleiter eine andere Art zu arbeiten als der Österreicher. „Ich sitze an vorderster Front am Kommandostand neben den Ingenieuren, Toto sitzt in der Garage neben einem Pressemann“, stichelt der Engländer. „Wir haben also unterschiedliche Rollen. Der Wettbewerb zwischen uns ist hart, und je mehr Toto aufgezogen wird, desto lustiger wird es.“
Allein: Nicht nur Horner sieht mehr Druck bei Mercedes. „Innerhalb des Teams hart zu kämpfen ist etwas anderes als gegen andere hart zu kämpfen“, weiß Wolffs Vorgänger Ross Brawn.
Bis Ende 2013 war der Brite Mercedes-Teamchef und hat das Feld bereitet. Jetzt ist er Formel-1-Sportchef. „Wenn man intern hart kämpft, was kann schlimmstenfalls passieren? Wenn der eine Fahrer nicht gewinnt, würde es der andere tun“, so Brawn. „Es gab Jahre, in denen es entweder Nico oder Lewis hieß, weil es niemanden gab, der die Scherben aufsammeln konnte, wenn sie nicht ablieferten. Mercedes hatte dieses Polster, wenn sie es vermasselt haben.“
Mittlerweile sei das anders. Das ehemalige Ferrari-Superhirn: „Jetzt gibt es kein Polster mehr. Max kämpft massiv um die Meisterschaft. Er war am Sonntag fantastisch und lieferte Meisterklasse in Sachen Schadensbegrenzung ab.“
Doch auch Mercedes fuhr auf Weltmeisterniveau. Als es drauf ankam, blieb man auch ohne Toto Wolff vorn am Kommandostand ruhig und dirigierte Hamilton zum Wechsel auf Intermediates in die Box. Auch das weiß Horner: „Die nächsten zwölf Wochen werden entscheiden, ob wir Weltmeister werden. Mercedes ist zu schlagen, aber nur, wenn wir unsere beste Leistung abliefern.“
Insider wie Ex-Formel-1-Star Gerhard Berger würden ihre Karten auf Verstappen setzen. Der heutige DTM-Boss zu ABMS: „Ich glaube, Max macht es. Er hat mit dem Red Bull endlich ein Auto auf Augenhöhe, er macht einen fantastischen Job. Sein zweiter Platz in Sotschi war mehr als Schadensbegrenzung, wenn man davon ausgeht, dass er von ganz hinten starten musste. Man könnte sagen: Mercedes hat einen Elfmeter gehabt, aber Max hat ihn gehalten.“
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Was auch für ihn spricht: seine Psyche. Berger: „Max wirkt bei aller Entschlossenheit und Konzentration völlig aufgeräumt im Kopf. Er weiß genau, was zu tun ist.“ Ein Beispiel: Verstappen redete vor dem Rennen mit Hamiltons Teamkollege Valtteri Bottas, der ebenfalls von hinten starten musste. Mutmaßlicher Tenor: Er solle sich aus dem Titelkampf heraushalten.
Die „Gehirnwäsche“ hat funktioniert. Der Finne leistete kaum Widerstand, als Verstappen ihn überholte. Berger dazu: „Auch das machen Champions. Senna ist vor jedem Rennen in der Startaufstellung zu den Fahrern gegangen und hat ihnen seine Pläne mitgeteilt. Das hat immer gefruchtet.“

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Von

Ralf Bach