Formel 1

Formel 1: Rosberg-Nachfolger gefunden?

Alles spricht für Wehrlein

In den kommenden zwei Tagen soll die Entscheidung fallen, wer nächstes Jahr bei Mercedes fährt. Die besten Karten hat Pascal Wehrlein.
Besser hätte die Feierstunde für Mercedes-Junior Pascal Wehrlein (22) nicht liegen können. Einen Tag nach dem Rücktritt des frischgebackenen Weltmeisters Nico Rosberg (31) fand am Samstag im Mercedes-Werk in Sindelfingen die schon lange geplante interne Siegesfeier des Automobilkonzerns statt. Neben circa 20000 Mitarbeitern, Nico Rosberg und Lewis Hamilton waren auch alle Vorstände da. Mittendrin war auch Wehrlein. Nach seinem Formel-1-Debütjahr bei Manor hat der DTM-Meister von 2015 plötzlich die besten Karten, das so überraschend frei gewordene begehrteste Cockpit der Formel 1 zu bekommen. Wehrlein wäre nicht nur die logische sondern auch billigste Variante, Nachfolger von Rosberg zu werden.
Weltmeister-Rücktritte: Rosberg nicht der Erste
Die Entscheidung soll noch in den nächsten zwei Tagen fallen. Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff (44) macht den Vorschlag, den Konzernchef Dieter Zetsche (63) und sein designierter Nachfolger Ola Källenius (47) , der ab Januar als neuer Entwicklungschef des Konzerns auch für die Formel 1 zuständig ist, dann abnicken müssen. Zetsche  nahm die Sache mit der Fahrersuche erst mal mit Humor. Als Wolff bei der Abendveranstaltung auf der Bühne von Moderator Heiko Wasser gefragt wurde, wer seit Freitag alles bei ihm angerufen hätte, fiel ihm der Mercedes-Chef ins Wort. "Um es zu verkürzen: Sag lieber, wer nicht angerufen hat." Wolff antwortete lächelnd: "Nur Toro-Rosso-Pilot Daniel Kvyat und Kim Räikkönen." Die beiden wären wohl gerade im Funkloch gewesen.

Sind das 2017 Teamkollegen?

Es war aber nur die subjektive Wahrheit. Angeblich, so erfuhr die AUTO BILD MOTORSPORT, hätte jemand von Mercedes schon am Freitagmorgen bei Renault angerufen, ob man den Deutschen Nico Hülkenberg aus dem Vertrag kaufen könnte, den der Emmericher erst vor sechs Wochen unterschrieben hat. Der französische Konzern lehnte ab, sickerte aus Renault-Kreisen durch. Und F1-Aufsichtsratschef Niki Lauda hat, mit Wolff abgesprochen oder nicht, am gleichen Freitag bei Red-Bull-Teamchef Christian Horner angerufen. Ziel: Den Australier Daniel Ricciardo, Dritter in der WM in dieser Saison, abzukaufen. Der Brite Horner verwies auf die Firmenzentrale in Fuschl und dort speziell auf Motorsportberater Helmut Marko. Von dort kam nur ein ironischer Spruch: "Unter 100 Millionen Euro Ablöseverhandlungen müssen die gar nicht anfangen. Aber im Ernst: Weder Ricciardo noch Max Verstappen stehen zur Verfügung."
Sebastian Vettel müsste man für eine zweistellige Millionensumme aus dem Ferrari-Vertrag frei kaufen, der noch bis Ende 2017 läuft. Falls Ferrari dem überhaupt zustimmen würde. "So was kommt nicht in Frage," heißt es aus Mercedes-Kreisen. Und auch Vettel hat bereits signalisiert, noch mindestens ein Jahr in rot zu fahren. Doppelweltmeister Fernando Alonso, dessen Management sich auch sofort gemeldet hatte, hat ebenfalls keine guten Karten. Gegen den Spanier, der zwar eine Ausstiegsklausel in seinem McLaren-Honda-Vertrag haben soll, sprechen zwei entscheidende Argumente. Erstens: Er würde im Jahr 30 Millionen Euro Gehalt kosten. Zweitens: Er gilt als mindestens so großes Alphatier wie Hamilton. Schon 2007 endete das Teamduell mit Hamilton bei McLaren-Mercedes im Desaster. Alonso erpresste das Team damals sogar, pikante Unterlagen an den Automobilweltverband FIA zu senden, um eine angebliche Spionageaffäre aufzudecken, wenn teamintern nicht auf ihn gesetzt wird. Deshalb, so erfuhr ABMS, werde Alonso vom Vorstand kategorisch abgelehnt.
Fast alles spricht deshalb für Supertalent Wehrlein. Er hat schon in der DTM-Saison 2015 mit damals 20 Jahren bewiesen, dass er extremem Wettbewerbsdruck standhalten kann. Seine erste Formel-1-Saison beim kleinen Manor-Team bestand er ebenfalls mit Bravour. Den WM-Punkt, den der Schwabe in Österreich machte, wurde bei den Briten wie eine Weltmeisterschaft gefeiert. Den zweiten Mercedes-Junior Esteban Ocon, der in den letzten neun Saisonrennen Wehrleins Teamkollege bei Manor war, fertigte der Deutsche im Qualifying-Duell mit 7:2 ab. Dabei wird Ocon in seiner französischen Heimat als neuer Senna gefeiert.
Am wichtigsten aber: Die Frage, ob das Mercedes-Küken schon bereit wäre, an der Seite vom extravaganten Superstar Lewis Hamilton das auch nächstes Jahr vermutlich beste Formel-1-Auto zu fahren, beantworten jene positiv, die es wissen müssen: Die Techniker in der Mercedes-Formel-1-Fabrik in Brackley. Sie kennen alle Daten des Juniors aus unzähligen Testfahrten und Simulatoreneinsätzen. Erst am Dienstag nach dem letzten Saisonrennen in Abu Dhabi beeindruckte Wehrlein bei Testfahrten mit den neuen, breiteren Pirelli-Reifen für 2017. Zwei Renndistanzen, also 600 Kilometer fügte der Mercedes-Junior den 2000 Kilometern hinzu, die er im Jahr schon absolviert hatte. Hätten die Techniker das letzte Wort, wäre die Entscheidung schon für Wehrlein gefallen.
Für den Deutschen spricht zudem: Intern macht Toto Wolff kein Hehl daraus, dass er am liebsten seinen Junior Wehrlein als Rosberg-Nachfolger sehen würde. Wehrlein selbst bleibt auf Nachfrage bescheiden: "Ich bin bereit wie ich für alles bereit bin, was Mercedes in Zukunft mit mir vorhat."

Autoren: Bianca Garloff, Ralf Bach

Fotos: Pirelli; Picture-Alliance

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