Montreal ist offenbar schon immer ein gutes Pflaster für Mick Schumacher: "Als Kind habe ich hinter der Mercedes-Garage geangelt und tatsächlich ein paar Fische gefangen. Den Haken hatte ich mir damals selbst gebaut", verrät der Deutsche im Vorfeld des Rennens auf der Île Notre-Dame. Im Qualifying am Samstag angelt Mick diesmal den dicksten Fisch seiner bisherigen Formel-1-Karriere: Platz sechs im Qualifying!
"Ich bin natürlich sehr happy, das ist eine gute Startposition für das Rennen morgen. Es war unser bisher bestes Qualifying und ich freue mich auch sehr für's Team", strahlt Schumi junior und fällt im Fahrerlager anschließend erstmal Mama Corinna in die Arme. Die Ehefrau von Rekordweltmeister Michael Schumacher ist in Montreal genauso zur emotionalen Unterstützung dabei wie Micks Freundin Justine Huysman.
Mit dem Rückhalt seiner Familie gelingt dem 23-Jährigen am Samstag zum richtigen Zeitpunkt ein ganz wichtiger Befreiungsschlag. "Mick wurde zuletzt stark kritisiert. Aber hier zeigt er, dass er absolut verdient im Haas sitzt", urteilt Ex-F1-Pilot Alex Wurz. Und auch vom sonst so strengen Teamchef Günther Steiner gibt es lobende Worte: "Mick hat sich da heute hingearbeitet. Man muss bei solchen Bedingungen da draußen ruhig bleiben und darf keine Fehler machen, das war gut ausgeführt."
Umarmung von Mutter Corinna: Mick Schumacher in Montreal

Ausgerechnet die schwierigen Bedingungen kommen Schumacher entgegen und zeigen, dass Wasser nicht nur beim Fischen sein Element ist - ganz wie bei Papa Michael, seiner Zeit der Regenkönig der Formel 1. Auch den Perfektionismus hat Mick offensichtlich geerbt, denn ein Schönheitsfehler ärgert ihn an seinem starken Qualifying trotzdem: Teamkollege Kevin Magnussen ist als Fünfter nochmal dreieinhalb Zehntel schneller als er.
Dabei legt Schumi Jr. über weitere Strecken des Qualifyings die schnelleren Runden als der Däne hin. "Leider konnten wir nicht ganz das Maximum rausholen, weil sich die Positionierung auf der Strecke mit dem letzten Reifensatz als bisschen schwierig erwiesen hat. Eine Runde mussten wir wegen Verkehr (durch Carlos Sainz; d. Red.) abbrechen, dann ist alles ein bisschen zu sehr abgekühlt."
Haas-Boss Steiner ist die Reihenfolge seiner Piloten egal, der Südtiroler freut sich über "ein sehr schönes Ergebnis fürs ganze Team. Im Regen sind wir immer ziemlich gut, das hat auch heute wieder geklappt." Der Grund dafür könnte das US-Team jedoch im Rennen noch beißen: Weil der Haas über starken mechanischen Grip verfügt, bringt er die Reifen bei kalten und nassen Verhältnissen gut auf Temperatur - das war dieses Jahr auch schon in Imola zu beobachten.
Reizfigur: Von Teamchef Günther Steiner gibt es diesmal Lob

Allein: Bei trockenen Bedingungen wird das zum Nachteil, die Reifen überhitzen schneller und die Abnutzung bremst die Fahrer ein. "Mit dem Reifenverschleiß wird es für Haas schwer", glaubt auch Onkel Ralf Schumacher bei Sky. Neffe Mick bleibt deshalb realistisch: "Ich sehe uns nicht weiter nach vorne kommen, wenn man sich die Pace der Autos um uns herum anschaut. Aber wir geben unser Bestes und dann sehen wir, wo wir landen."

Vettel ratlos: Aston Martin auf einmal langsam

Kurios: Nach den Trainingseindrücken in Montreal galt eigentlich noch der andere deutsche Fahrer im Feld als großer Favorit auf eine Überraschung: Schumachers Landsmann Sebastian Vettel fährt im zweiten Training auf Rang vier, bei nassen Bedingungen am Samstagmittag (Ortszeit) wird er sogar Dritter.
Doch im Qualifying säuft Aston Martin brutal ab: Das Aus kommt für beide Autos schon in Q1, 0,446 Sekunden fehlen Vettel als 17. auf den rettenden 15. Platz. Teamkollege Lance Stroll ist sogar noch schlechter. "Das war eine Überraschung, aber leider ein Schock", sagt Vettel nach der Enttäuschung. "Das Auto war sehr schwierig zu fahren, ist viel gerutscht und war insgesamt sehr instabil. Ich hatte sehr viel Übersteuern."
Den Grund für Aston Martins Absturz kennt Vettel noch nicht. "Wir wissen noch nicht was los war. Bei diesen Bedingungen ist es natürlich auch schwer zu sagen, weil man eh die ganze Zeit rutscht. Aber das Griplevel war nicht mit davor (im Abschlusstraining; d. Red.) zu vergleichen. Es ist offensichtlich, dass etwas nicht funktioniert hat."
Auf einmal war die Pace weg: Aston Martins Sebastian Vettel

Aus dem Cockpit heraus vermutet Vettel am Funk zunächst sogar einen Schaden hinten links. Nach dem Aussteigen erklärt der Deutsche: "Phasenweise hat es sich so angefühlt als wäre das Auto kaputt. Wir müssen rausfinden, was das Problem war. Im Qualifying ging gar nichts mehr, wir waren extrem langsam." Für Vettel ein Mysterium: "Wir haben fast gar nichts verändert. Deswegen ist es ein Rätsel."
Der vierfache Weltmeister ärgert sich: "Es ist bitter, weil wir gestern und auch heute im Nassen jeweils eine super Session hatten. Jetzt war genau das falsche Timing, um irgendein Problem zu haben." Vettel glaubt: "Wir hätten eine gute Session haben können, Platz fünf wäre vielleicht drin gewesen - zumal man bei diesen Bedingungen nie wissen kann."
Etwas Positives sieht Vettel, der wegen Charles Leclercs Rückversetzung nach Motorstrafe immerhin als 16. startet, dann aber doch noch: "Das Auto kann besser sein als Platz 17 und das war es ja auch das ganze Wochenende schon. Natürlich stehen wir jetzt weiter hinten als gewollt, das macht es nicht einfacher. Aber unsere Longruns gestern waren gut. Ich denke, wir können ein paar Plätze gutmachen", sagt Vettel. "Es wäre nicht das nicht das erste Mal, dass wir zurückkommen. Vielleicht können wir morgen noch einen Punkt holen."

Von

Frederik Hackbarth